Das Phänomen

Als mich im Vorjahr eine schwere Krankheit heimsuchte und ich dem Tode nahe war, begann ich nach meiner überraschenden Genesung zu fragen, weshalb mich denn Gott so völlig unerwartet noch einmal ins Leben zurückgerufen habe: Hast du vielleicht etwas Wichtiges unterlassen, das unbedingt getan werden müsse? Da wurde mir klar, daß noch ein mir überaus kostbarer Schatz ans Licht zu heben sei: Meine Erinnerungen an die stigmatisierte Therese Neumann von Könnersreuth. Dankbarer Sinn rief mich auf, zu versuchen, sie ins Wort zu fassen und der Nachwelt zu Überliefern. So begann ich denn, die vielen Begegnungen mit der Mystikerin sorgsam. zu Überdenken und die umfangreichen Materialien zu sichten, die sich im Laufe von Jahrzehnten in meinem kleinen Archiv angesammelt hatten. Unter den handgeschriebenen Aufzeichnungen stieß ich auf zahlreiche Konnersreuth - Artikel, die ich aus verschiedenen Anlässen für die in Weiden erscheinende Zeitung "Der neue Tag" bis hin zum Tod der Stigmatisierten geschrieben hatte. Diese Beiträge sind in die vorliegende Darstellung der Konnersreuther Ereignisse eingearbeitet.

Wann immer ich nach Konnersreuth kam, befleißigte ich mich stets des genauen kritischen Hinsehens und Hinhörens. Ich übernahm keineswegs alles, was mir dort über Therese Neumann berichtet wurde. Auf Wahrheit war ich bedacht. Dies um so mehr, als ich - auch heute noch - grundsätzlich zu einem vorsichtigen Skeptizismus neige. Therese Neumann wußte um diesen nicht unbedenklichen Grundzug in meinem Daseinsverständnis, obwohl ich mit ihr nie darüber gesprochen hatte. Bei verschiedenen Gelegenheiten sprach sie mich auf diese geistige Befindlichkeit hin, mehr mittelbar als direkt, an, indem sie etwa sagte, man müsse die Beschwerlichkeiten und Düsternisse des Lebens mit Geduld und Tapferkeit auf sich nehmen, da uns doch am Ende der irdischen Pilgerschaft eine so große Herrlichkeit erwarte. Auch Pfarrer Josef Naber, der Seelsorger der Stigmatisierten, ermunterte mich des öfteren, wenn er "Brüche" in meinem Geistes- oder Glaubensleben entdeckt zu haben glaubte.

Trotz aller seelischen, geistigen und auch "philosophischen" Vorbelastungen bin ich Konnersreuth treu geblieben. Was mir dort entgegentrat, Überwältigte mich. Heute darf ich dankbar feststellen: Wäre ich Therese Neumann nicht begegnet, hatte sie mir Gott nicht Über den Lebensweg geschickt, so wären mein Gottes- und Weltbild wohl völlig anders geraten. Vielleicht hätte ich die Weisheit der Philosophen der Frohbotschaft des Evangeliums vorgezogen.

Zum erstenmal sah ich Therese Neumann im Jahre 1926. Da war ich noch ein kleiner Bub. Ein befreundeter Pfarrer hatte mich nach Konnersreuth mitgenommen. Therese machte auf mich den Eindruck einer jungen Frau mit mädchenhaften Zügen. Sie trug ein weißes Kopftuch. Der Priester unterhielt sich längere Zeit mit ihr und stellte allerlei Fragen. Was sie im einzelnen miteinander gesprochen haben, weiß ich nicht mehr. Mir hatte man einen Fußschemel zum Sitzen angeboten. Ich staunte vor allem die Wundmale der Hände des Mädchens an. Doch machte ich mir über deren Bedeutung kaum Gedanken. Schon damals war die Kunde von Thereses Stigmatisation in alle Welt gedrungen. 1926,setzte denn auch der Besucherstrom nach Konnersreuth ein. Zu Tausenden kamen sie, um vor allem die Leidensekstasen der Stigmatisierten zu erleben.

Später geriet mir Therese Neumann nahezu völlig aus dem Blick. Ich versuchte auch gar nicht mehr, nach Konnersreuth zu kommen, obwohl der Ort kaum sechs Kilometer von meiner Geburtsstadt Mitterteich entfernt lag. Nur an den Karfreitagen jener Jugendjahre erinnerte ich mich der Stigmatisierten. Da passierten nämlich jedesmal in fast ununterbrochener Folge Personenautos und Omnibusse, zum Teil mit ausländischen Kennzeichen, die Stadt. Ihr Ziel war Konnersreuth. Noch sehe ich die Straße, die unweit von Mitterteich nach Konnersreuth abzweigte. Sie gehörte damals zu den ungepflegtesten Straßen des Landkreises. Mit zum Teil gefährlich tiefen Schlaglöchern übersät, forderte diese letzte Wegstrecke, besonders bei Regenwetter, den Fahrern viel Aufmerksamkeit, ja nicht selten äußerste Vorsicht ab.

Jener unbeschwerten Jugendzeit, da ich im Umkreis einer Großfamilie mit den Eltern, einer frommen Großmutter und zwei Geschwistern behütet aufwachsen durfte" folgten der Besuch des humanistischen Gymnasiums in Regensburg, später die berufliche Orientierung, die unseligen zwölf Jahre des Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg und schließlich die Kriegsgefangenschaft. Gerade noch war ich dem Todesurteil eines deutschen Kriegsgerichts entgangen. Ich hatte nämlich russischen Kriegsgefangenen, die mir zur Betreuung anvertraut waren, gesagt, daß der Krieg in wenigen Wochen zu Ende gehe und der Tag ihrer Befreiung nicht mehr ferne sei. Die Russen jubelten. So zu reden aber galt damals als Staatsverbrechen. Als man sie fragte, "welcher Unteroffizier" ihnen derartiges mitgeteilt habe, schwiegen sie. Sie verrieten mich nicht, denn wir waren längst Freunde geworden.

Der Krieg näherte sich nun tatsächlich. rasch seinem Ende. Die amerikanischen Streitkräfte hatten bereits weite Gebiete Deutschlands erobert. Berlins Untergang war besiegelt, der Traum vom "Tausendjährigen Reich" endgültig ausgeträumt. Viele deutsche Städte lagen in Trümmern. Auch Konnersreuth verschonte der Krieg nicht, denn hier hatte sich eine SS-Truppe eingenistet, die den Ort unbedingt verteidigen wollte. So blieb den Amerikanern keine andere Wahl als anzugreifen. Daraufhin gingen. in Konnersreuth neunundzwanzig Anwesen in Flammen auf, es gab zwei Tote. Wie Therese Neumann jene, dunkelsten Jahre deutscher Geschichte und das Kriegsende Überlebt hat, darüber werde ich später in größerem Zusammenhang berichten.

Auf die Deutschen kam nun das schier aussichtslos scheinende Werk des Wiederaufbaus zu. Der aber konnte nur mit Unterstützung der Amerikaner in Angriff genommen werden. Materielle Hilfe jedoch genügte nicht. Vor allem im Bereich des geistig kulturellen Lebens, des Denkens, im Verständnis von Politik, Ethik und Religion mußte eine völlige Neuorientierung geschehen. Dazu bedurfte es aber elementarer Bildungsmittel, der Literatur, zumal. Doch es gab weder Bücher noch Zeitschriften noch Zeitungen. Ganz von vorne, ganz von unten galt es also anzufangen.

Vorrangige Bedeutung maßen die Amerikaner der Presse zu. Sie sollte jetzt in Deutschland nicht nur der Information dienen, sondern vornehmlich auch den Unsinn und Unfug der nationalsozialistischen Ideologie an den Pranger stellen und die Deutschen demokratischem Denken öffnen. Dabei ging man so vor, daß alle großen Zeitungsverlage in Lizenz an Persönlichkeiten vergeben wurden, die sich schon in den Hitler-Jahren bewußt vom Nazismus distanziert hatten und nicht selten Opfer der braunen Diktatur geworden waren. Eine solche Lizenz-Zeitung entstand auch in Weiden. Sie hieß "Der neue Tag". Das Blatt erschien bereits 1946. Am 1.Februar 1947 berief mich der damalige, für ' Politik und Kultur verantwortliche stellvertretende Chefredakteur Dr. Richard Sattelmair in das Redaktionsteam der Zeitung. Sattelmair war Kunsthistoriker und theologisch hochgebildet. Er wurde mein Lehrer. Ich habe ihm viel zu danken. Anlaß, gerade mich zu holen, war ein Artikel, den ich kurz vorher in, seiner Zeitung veröffentlicht hatte. Der Beitrag handelte von Albertus Magnus, meinem Namenspatron, dem großen mittelalterlichen Naturwissenschaftler, Philosophen und Theologen, dem Lehrer des heiligen Thomas von Aquin.
 
Das Geburts- und Sterbehaus der Stigmatisierten

Als Dr. Sattelmair nach München übersiedelte, Übertrug man mir einen Teil seines Aufgabengebietes, vornehmlich die theologisch-kirchliche Berichterstattung. Es war nicht leicht, in eine solche Nachfolge einzutreten. Doch ich ging mit Freude ans Werk. Nun trat mir Therese Neumann aufs neue in den Blick. Da war vor allem darüber zu berichten, was sich in Konnersreuth am Karfreitag zutrug, Über die Tausende, die vor dem Haus der Stigmatisierten warteten, bis sie eingelassen wurden, um Therese in ihrer Leidensekstase zu sehen. Der Karfreitag war insofern so detailgerecht wie umfassend zu beschreiben, als Konnersreuth im Verbreitungsgebiet der Zeitung lag und ich mich der starken journalistischen "Konkurrenz" gewachsen zeigen wollte.

Völlig unvoreingenommen erlebte ich nun Über einige Jahre hinweg diesen Karfreitag. Weder Neugier noch religiöser Eifer trieben mich dazu. Einzig meinem journalistischen Auftrag fühlte ich mich verpflichtet. Die Zeitungsleute, die aus allen Gegenden Europas angereist waren, suchten hier häufig nur das Aufregende und Erregende, das Sensationelle festzuhalten: den Massenbetrieb, das Geschiebe und Gedränge der Menge, die Anwesenheit der vielen, meist uniformierten Amerikaner, Reaktionen der Besucher auf das Erlebnis der Leidensgestalt im Neumann-Haus und anderes mehr. Zunächst schrieb ich nur für meine Zeitung. Doch schon bald beauftragte mich auch der Bayerische Rundfunk, das Konnersreuther Karfreitagsgeschehen ausführlich zu schildern. Darüber hinaus hatte ich jedesmal einen gelehrten Mönch der berühmten Benediktinerabtei Beuron, einen früheren Berliner Auslandskorrespondenten, zu informieren. Dieser Übermittelte meinen Bericht sofort telegrafisch nach den USA, so daß ihn die Amerikaner bereits in der nächsten Nummer ihrer Zeitung lesen konnten. Auch eine Benediktinerabtei in Salzburg hatte ihr Interesse angemeldet.

So war ich denn irgendwie Sprachrohr zur großen Welt hin geworden. Dieser Auftrag verpflichtete. Daher versuchte ich stets, genau zu beobachten, um falschen Perspektiven vorzubeugen. Doch die Stigmatisierte mochte die Journalisten nicht. Wann immer es sich ermöglichen ließ, entzog sie sich diesen neugierigen Fragern. Noch mehr mied sie die Fotografen. Ich weiß von Fällen, da sie buchstäblich vor ihnen floh. Ihre Aufdringlichkeit war ihr zuwider. Der Grund: Nicht alle Schreiber und Bildmacher kamen in redlicher Absicht. Viele suchten nur das Geschäft. Der Presse stand sie auch insofern ablehnend gegenüber, als sich ihre Beauftragten nicht selten zu völlig falschen Deutungen des Passionsgeschehens und, anderer mystischer Phänomene hinreißen ließen. Nicht wenige sprachen von Schwindel und Betrug und unterschoben der Familie Neumann niedrigste Absichten. Wieder andere versuchten, das mystische Geschehen auf ihre Weise lächerlich zu machen. Und manche, die wohl in ehrlicher Absicht gekommen waren, sahen sich offenbar Überfordert. Ihre Berichte wurden der "Sache" nur unzulänglich gerecht. Halbwahrheit kam auf, und die ist bekanntlich schlimmer als die Unwahrheit. Auch manche kirchlich autorisierte Darstellungen' entsprachen nicht immer dem objektiv Gegebenen.

Unter diesen Umständen war es denkbar schwer, an Therese Neumann näher heranzukommen. Das Karfreitagserlebnis aber hatte mich in einem Maße erschüttert, daß ich Über diese Frau mehr erfahren wollte. Denn mir war klar geworden, daß sich in Konnersreuth Dinge ereignen, die menschliches Begreifen Übersteigen und sich dem Zugriff der reinen Vernunft entziehen. Hier war Gott im Spiel. Hier waltete ein Mysterium, das mich nicht mehr losließ.

Zunächst befragte ich diesen und jenen angeblichen Zeugen. Aber sie alle erschienen mir nicht zuverlässig genug, als daß ich mit ihren Aussagen über Therese Neumann hätte an die Öffentlichkeit treten können. Auch den Ort Konnersreuth sah ich jetzt mit anderen Augen. Er wurde mir von Jahr zu Jahr wichtiger. Mit großem Interesse verfolgte ich seine kommunalpolitische Entwicklung, räumte in der Zeitung den Berichten über Sitzungen der Markträte oder anderen lokalen Vorkommnissen größeren Raum ein und wollte vor allem wissen, ob etwa Entscheidungen getroffen würden, die das Leben der Stigmatisierten betreffen könnten. Da trat schon immer wieder die Frage in den Vordergrund, ob man sich denn nicht der Förderung des Fremdenverkehrs intensiver widmen und mehr Übernachtungsgelegenheiten anbieten, Überhaupt der Gastronomie größere Aufmerksamkeit widmen solle. Therese Neumann wußte um solche Bestrebungen. Bis zu ihrem Tod jedoch wehrte sie sich entschieden dagegen, den Markt mit Bezug auf ihre Person "noch" attraktiver zu machen. Die Gemeinde verdient dafür Lob, daß sie diesen Wunsch der Stigmatisierten stets respektiert hat.

Noch blieben mir viele Fragen offen. Wer war diese Therese Neumann? Wie beschaffen war ihre Persönlichkeitsstruktur? Hatten alle diese Phänomene eine Vorgeschichte, aus" der man Schlüsse ziehen konnte? Welches soziale, religiöse oder geistige Milieu hatte Therese geprägt? Und so fort. Endlich kam es zu einer ersten persönlichen Begegnung mit Therese. Ganz gewiß hatte sie mir Pfarrer Naber vermittelt. Eine mich freundlich anblickende, Zuversicht ausstrahlende Frau stand mir gegenüber. Sie trug ein langes, schwarzes, bis an die Füße reichendes, dem von Ordensschwestern ähnliches Kleid. Das Haupt bedeckte ein weißes Kopftuch. Worüber wir damals sprachen, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls wurde ich ihr als Journalist vorgestellt. Von ihm wußte sie bereits, daß er seinen Beruf ernst nehme und sich bemühe, über die Vorgänge in Konnersreuth sachgerecht zu berichten. So fand ich denn ihre Zustimmung, ihr Vertrauen und später sogar ihre Freundschaft. Jetzt durfte ich unbehindert im Hause Neumann einkehren, desgleichen im alten Pfarrhaus nahe der Kirche, wo Pfarrer Josef Naber wohnte. Dieses Haus war Therese Neumann zu einem Lieblingsaufenthalt geworden. Immer wieder suchte sie dort Zuflucht. Hier empfing sie nicht selten auch Besucher aus aller Welt. Das alte, architektonisch keineswegs uninteressante Bauwerk hatte also Geschichte. Ich bedauerte daher sehr, daß die Gemeinde seinen Abbruch zuließ. Das Gebäude war von Therese Neumann nicht fortzudenken. Hätte man darin nicht ein, wenn auch bescheidenes, Museum einrichten können?

Schwieriger als meine "Einführung" in Konnersreuth war jene meines Pressefotografen Erwin Sommerer. Sie kannte ihn bereits, traute ihm aber zunächst nicht, weil sie, vermutete, er werde über den unmittelbaren Zweck seiner Aufnahmen hinaus die Bilder vervielfältigen und weiterverbreiten. Solches Verhalten hieß für Therese stets, eine Vertrauensstellung ausnützen und mit Konnersreuth Geschäfte machen. Als ich einmal mit ihr und anderen Personen im Neumann-Haus zusammen war, fragte ich sie leise nach dem Namen eines Mannes, den ich nicht kannte. Da flüsterte sie mir zu: "Den mog i niat, des is a Gschäftsmoa" - "Den mag ich nicht, der ist ein Geschäftsmann". Das heißt, er war, nach ihrer Überzeugung gekommen, um sie auszuhorchen, das Ergebnis des Gesprächs literarisch auszuwerten und dann zu vermarkten. Was nun meinen Fotografen angeht, so bedurfte es aufwendiger Uberzeugungsarbeit, damit sie ihn künftig gewähren ließ.

Bei allen meinen nun immer häufiger werdenden Begegnungen mit Therese Neumann brachte ich es einfach nicht übers Herz, sie mit "Resl" anzusprechen. Für mich war sie bis zuletzt das "Fräulein Therese". Da hatte sie nie widersprochen oder mich korrigiert. Sie selber sprach kaum Hochdeutsch, sondern im angestammten, Uneingeweihten nur schwer verständlichen Dialekt ihrer nordoberpfälzischen Heimat.

So hatte sich denn Therese auch in der Sprache ihre Einfachheit bewahrt. Pfarrer Naber kannte sie schon von der Volksschule her, an der er ihr Religionsunterricht erteilte. Er schilderte sie mir als ein braves, gediegenes und fleißig lernendes Mädchen. Nichts Außergewöhnliches oder Problematisches habe er an ihr beobachten können. Auch keine Über den Durchschnitt hinausragende Frömmigkeit. Daß sie intelligent und begabt gewesen war, beweist ihr hervorragendes Volksschul-Abschlußzeugnis. Schon früh war sie auf Theresia von Lisieux, die spätere Heilige, aufmerksam geworden. Deren Biographie studierte sie eifrig. Ihrem Beispiel wollte sie nacheifern. Von ihm ließ sie sich in einem Maße begeistern, daß sie sogar beschloß, in einen Orden einzutreten und Missionsschwester zu werden.

Therese Neumann wurde am 8. April 1898, an einem Karfreitag, geboren. Sie wuchs als Älteste mit neun Geschwistern in einem ärmlich anmutenden Konnersreuther Haus nahe der Kirche auf. Vater Ferdinand war Schneidermeister und unterhielt neben seinem Handwerk eine wenig ergiebige Landwirtschaft, deren Erträgnisse fast ausschließlich für den Unterhalt der großen Familie bestimmt waren. Sie zu ernähren, fiel dem Vater mit seinem bescheidenen Einkommen nicht leicht. Da wollte Therese nicht hintanstehen. Als ein Bauer aus der Nachbarschaft eine Magd suchte, zögerte Therese nicht, die Arbeitsstelle anzunehmen. Sie fühlte sich kundig und kräftig genug, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Zu jener Zeit in einem Bauernhof tätig zu sein, bedeutete Schwerarbeit. Die Landwirte von damals verfügten ja kaum über primitivste maschinelle, arbeitsparende Hilfsmittel. Wiesen und Felder zu bewirtschaften, den Stall in Ordnung zu halten oder die Ernte einzubringen, forderte dem Bauern und seinen Helfern härtesten körperlichen Einsatz ab. Therese wurde mit vielfältigen Arbeiten betraut. Pfarrer Naber sagte mir, daß sich Therese als überaus tüchtige Magd erwiesen und auch Verrichtungen nicht abgelehnt habe, die Männern vorbehalten gewesen seien.

Da brach eines Tages in einem Nachbaranwesen Feuer aus. Bis die damals mit Löschgeräten noch denkbar unzulänglich ausgerüstete Feuerwehr anrückte, verging viel Zeit. Man vermag sich kaum vorzustellen, daß damals das Löschwasser noch über Leitern von Mann zu Mann in Eimern zur Brandstelle hinaufgereicht werden mußte. Therese war Zeugin des Feuers, erkannte, die Gefahr und zögerte nicht, bei den Löscharbeiten sofort mitzuhelfen. Dabei verunglückte sie schwer. Als Folgen stellten sich totale Lähmung des Körpers und ein Jahr später völlige Erblindung ein.

Ich erspare es mir, die ärztlichen Befunde im Detail zu schildern. Die liegen noch heute vor. Medizinisch Interessierte können sie in der einschlägigen Literatur nachlesen. Wichtig ist jedoch zu wissen, daß alle Heilungsversuche vergeblich blieben und Therese jahrelang krank darniederlag. Sie wurde zum Pflegefall. Eltern und Geschwister nahmen sich ihrer liebevoll an und versuchten täglich, ihr Leiden einigermaßen aufzufangen und dem hilflosen Mädchen Freude zu bereiten.

Da geschah Unerwartetes. Als Papst Pius XI. am 29. April 1923 die von Therese so sehr bewunderte und verehrte Theresia von Lisieux seligsprach, wurde Therese Neumann plötzlich von ihrer jahrelangen Blindheit geheilt. Welcher Jubel in der Familie! Therese erkannte kaum noch ihre Geschwister. Zu lange war ihr der Anblick ihrer Lieben durch die erblindeten Augen entzogen. Aber sie konnte ihr Leidenslager nicht verlassen. Die Lähmung hielt an. Die Aufliegewunden schmerzten.

Zwei Jahre gingen hin. Die Seligsprechung der Theresia von Lisieux hatte in der katholischen Welt viel Freude ausgelöst. Theologen begannen, sich mit der Spiritualität der Seligen auseinanderzusetzen, um sie der Frömmigkeit der Gläubigen zu erschließen. Dies konnte insofern um so erfolgreicher geschehen, als die Selige ein umfangreiches autobiographisches Werk hinterlassen hatte. Als "Geschichte einer Seele" ist das Buch in die Literaturgeschichte eingegangen. Eine weithin schöpferische Diskussion Über die, wie man sagte, "moderne" Selige war in Gang gekommen. So konnte es nicht verwundern, daß schon zwei Jahre später, am 17. Mai 1925, derselbe Papst Theresia von Lisieux - oder, wie sie noch hieß, Theresia vom Kinde Jesu - heiligsprach. Auch dieses Ereignis sollte in Konnersreuth Wunderbares bewirken: Therese Neumann wurde am gleichen Tag von ihrer als chronisch definierten Lähmung geheilt. Sie konnte aufstehen und sich frei bewegen. Wiederum kam in der Familie unbeschreibliche Freude auf. Viele wollten Therese sehen, um sie zu beglückwünschen. Alle waren Überzeugt, daß sie nun wieder in die Normalität des Lebens zurückkehren werde. Doch Gott hatte anderes mit ihr vor. Ihr Dasein sollte sich in eine neue Dimension hinein öffnen.

Von Pfarrer Naber ließ ich mir eingehend schildern, wie es zu dieser Heilung von der Lähmung gekommen war. Therese berichtete: "Ich hab' gebetet. Da kam auf einmal ein großes Licht, wie man es sonst auf der Welt nicht sieht. Und eine Stimme rief: Resl, willst du gesund werden? Therese darauf: Mir ist alles recht. Die Stimme: Hättest du keine Freude, wenn du aufstehen könntest? Therese: Mich freut alles, was vom Heiland kommt. Die Stimme: Was freut dich denn? Therese: Jedes Gräslein, jedes Blümlein, jedes Vöglein und jedes neue Leiden, das mir der Heiland schickt. Am meisten Freude aber habe ich am Heiland selber." Diesen Worten folgte die sofortige Heilung. Ich habe übrigens Therese bei meinen vielen Gesprächen mit ihr nie von Jesus" oder von "Christus" reden gehört. Wann immer sie ihn nannte, war er ihr der "Heiland". Jener also, der gekommen war, um der Menschheit Heil zu bringen und seine Frohbotschaft zur Rettung der Welt auszurufen.

Aber es blieb nicht bei dem freundlichen Gespräch mit jener geheimnisvollen Stimme, das der Heilung vorausgegangen war. Denn im gleichen Zusammenhang wurden ihr weitere Leiden angekündigt: ."Therese, du wirst noch viel leiden müssen und kein Arzt wird dir helfen können. Doch verzage nicht! Ich hab e dir bisher geholfen und ich werde dir auch in aller Zukunft helfen. " Therese widersprach nicht. Denn diese Worte umschrieben ihre Lebensaufgabe. Hier kündigte sich bereits die Stigmatisation, das heißt, die Auszeichnung mit den Wundmalen des geschundenen und gekreuzigten Christus an. Ihr Beginn fiel in das Jahr 1926. Erst jetzt wurde die Welt auf Konnersreuth aufmerksam.

Ich verdanke Pfarrer Naber noch eine, wie mich dünkt, außerordentlich wichtige, doch leider viel zuwenig beachtete Weisung an Therese Neumann. Ihr war nämlich gesagt worden, daß alle mystischen Ereignisse in Konnersreuth, nicht für die Wissenschaft, auch nicht für die Theologie, sondern ausschließlich dazu bestimmt seien, die Menschen dem Heiland zuzuführen oder sie ihm wenigstens näherzubringen. Darin gründet aller Sinn jener Geschehnisse. Jede andere Deutung verfehlt die Wahrheit.

War jenes Wort nicht eine eindeutige Ansage und Absage an die ausschließlich vernunftgeleitete Wissenschaft? Was suchten sie denn weithin in Konnersreuth, die Theologen, Mediziner, die Psychologen und Parapsychologen, die Seelenanalytiker? Wohl die meisten kamen in der Absicht, den "Fall" Therese Neumann menschlicher Logik gemäß zu "erklären", ihn aus seinem übernatürlichen Zusammenhang herauszuoperieren, ihn auf eine außergewöhnliche Struktur des Seelenlebens zu reduzieren, die Zustände krankhaft zu nennen oder Begriffe wie Selbst- und Fremdsuggestion oder Hysterie ins Spiel zu bringen. Auch im Volk kursierten unangemessene Erklärungsversuche und allerlei Gerüchte. Unkritisch orientierten sich viele Zeitgenossen an halbwahren, Wesen und Sinn der Dinge mißverstehenden oder in bösartiger Absicht geschriebenen Artikeln der Sensationspresse.

Pfarrer Naber konnte da nicht mehr länger schweigen. Er drang auf wahrheitsgemäße Aufklärung. Den Tatsachen zuwiderlaufende Darstellungen der Konnersreuther Ereignisse hatten nämlich einen Umfang angenommen, daß Naber sich gezwungen sah, publizistisch an die Öffentlichkeit zu treten. Sein in einer oberpfälzischen Zeitung am 15.April 1926 abgedruckter Artikel ließ nichts an Eindeutigkeit und Klarheit zu wünschen übrig. Über den sachlichen Gehalt hinaus ist dieser Beitrag auch insofern aufschlußreich, als dem Pfarrer damit absichtslos so etwas wie ein Selbstporträt gelungen war. Er offenbarte nämlich ebenso die Einfachheit seiner Denkungsart wie die völlige Unvoreingenommenheit, mit der Naber dem mystischen Geschehen gegenübertrat. Und so hat er seine Ausführungen eingeleitet: "Anscheinend sind nah und fern Über auffallende Vorgänge, die sich in den letzten Jahren in Konnersreuth zugetragen haben, Gerüchte im Umlauf, die der Wahrheit nicht ganz entsprechen. Da es sich um ganz Ungewöhnliches und Erhabenes an einem scheinbar ganz gewöhnlichen Menschenkind handelt, muß sich der in unserer Zeit steckende kritische Geist geradezu herausgefordert fühlen, und es ist zu befürchten, daß die kleinste Entstellung der Wahrheit schon ihn zu einem wegwerfenden Urteil Über das Ganze veranlaßt. Deshalb halte ich es für meine Pflicht, die fraglichen Vorgänge in ihren Hauptmomenten - einfach und schlicht, so wie sie sich vor unseren Augen abgespielt haben, vor Augen zu führen."

Seine ausführlich gehaltene Schilderung der Ereignisse beschließt der Autor so: "Von Vorstehendem - mit größter Zurückhaltung geschrieben, eher zu wenig als zu viel - war der Unterzeichnete größtenteils Augenzeuge oder hat es von solchen, durchaus glaubwürdigen Zeugen vernommen, insonderheit von dem kranken Mädchen selbst. Dieses letzteren Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen oder von Hysterie, Autosuggestion oder dergleichen zu reden, wird keinem einfallen, der das Mädchen kennt. Die Beteiligten fühlen sich aber nicht berufen und berechtigt, ein Urteil über den Charakter der geschilderten Vorgänge abzugeben. Sollte die zuständige kirchliche Behörde sich zu einem solchen veranlaßt sehen, unterwerfen sie sich demselben mit selbstverständlicher Bereitwilligkeit bis ins kleinste. Nur die Ehre Gottes und der kleinen heiligen Theresia, welche die Kranke seit Jahren verehrt, sowie das Heil der Mitmenschen wollen wir im Auge haben." Und Naber fügt noch eine Bitte an: "'Schließlich möchte ich noch dringend bitten, von Besuchen der Kranken, besonders längeren, absehen zu wollen. Man möge bedenken, daß sie seit mehr als drei Jahren keine feste Speise, sondern nur etwas Flüssigkeit zu sich nehmen kann, infolgedessen und infolge starken Blutverlustes sehr geschwächt, deshalb der Ruhe sehr bedürftig und Überhaupt am liebsten allein ist."

Pfarrer Josef Naber war also Überzeugt, daß sich in Konnersreuth - wie er geschrieben hatte - "ganz Ungewöhnliches und Erhabenes" ereigne. Er rief daher dazu auf, den Vorgängen mit Ehrfurcht zu begegnen. Da wußte er sich ganz in Übereinstimmung mit der Stigmatisierten. Wie konnte sie sich erregen Über manche nur auf Sensation gestimmte Zeitungsmeldungen oder Über reißerisch aufgemachte Schlagzeilen, die sofort erkennen ließen, was von dem folgenden Text zu erwarten war. Sie zeigte sich auch ungehalten, wenn man in ihrer Gegenwart Fragen erörterte, die ihr Leben betrafen. Ich war Zeuge, da sie das Zimmer verließ, als sich das Gespräch der Gäste ihrer Person zuwandte. Sie wollte nichts wissen von gescheiten Erklärungsversuchen oder irgendwelchen wissenschaftlichen Begründungen. Wenn ihr Theologen oder auch sogenannte Theologen gegenübertraten, entrüstete sie sich oft Über deren ihr völlig fremde Weise zu reden. Da wagte sie schon manchmal zurückzufragen, ob man denn nicht diesen oder jenen Sachverhalt einfacher und verständlicher darstellen könne. Nein - wissenschaftliche Theologie lag ihr nicht, schon gar nicht die Wortwahl jener "Seelenzerpflücker", die man Psychologen und Psychoanalytiker nennt. Dagegen sträubte sich ihr einfaches Wesen.

Eben über die Einfachheit las ich jüngst im Werk eines französischen Theologen: "Die Tugend der Einfachheit besteht in einer gewissen Durchsichtigkeit der Seele, einer vollkommenen Natürlichkeit in jeder Lage und vor jedermann. Die Gabe der Frische, eine mitteilbare, ganz wahrhafte Freude, eine Aufrichtigkeit, die aber keine Naivität ist, sondern vielmehr aus Vertrauen zu Gott und zum Nächsten wächst, sind ihr eigen, dazu die Fähigkeit zum Staunen und die angeborene Neigung zur Bewunderung. Der Autor hat Therese Neumann nie gesehen. Aber er hätte seine Charakterisierung Wort für Wort der Stigmatisierten zuordnen können. So war sie. Dafür kann ich mich verbürgen.


An den Karfreitagen stauten sich die Massen vor dem Neumann-Haus.

Doch nicht das Bestreben, einer tugendhaften und in ihrer Gottinnigkeit vorbildlichen Frau zu begegnen, trieb die Massen schon Ende der zwanziger Jahre nach Konnersreuth. Sie wollten schauen, sich hinreißen lassen, die Wundermeldung bestätigt sehen. Ich meine die Leidensekstase der Stigmatisierten, wie sie, besonders ausgeprägt, an den Freitagen der Fastenzeit und in außergewöhnlicher Sinnfälligkeit am Karfreitag aufzutreten pflegte. Was war das?

Auch starker Regen vermochte den Besucherstrom nicht zu stoppen.

Therese begleitete an diesen Tagen Jesus auf seinem ganzen Leidensweg, vom Ölberg bis zur Hinrichtungsstätte. Aber sie erlebte das Leiden des Herrn nicht nur visuell, etwa wie ein Kinobesucher einen Film, sondern litt Jesu Passion körperlich mit.. Wer Therese Neumann je in solchem Zustand gesehen hat, wird dieses Bild des Jammers und der Schmerzen nie vergessen können. Das Blut floß ihr in breiten Strömen aus den Augen über die Wangen, Blut drang aus den Wunden der Dornenkrone durch ihr weißes Kopftuch. Auch die übrigen Wundmale, die der Hände und Füße und jenes an der Brust, hatten sich geöffnet, die Spuren der Geißelung wurden sichtbar, nicht minder jene schmerzhafte Druckstelle an einer Schulter, die vom Kreuztragen herrührte. Immer wieder richtete sich die Leidende in ihrem Bett mühsam auf, seltsam gestikulierend, wie abwehrend hob sie die blutigen Arme dem Schrecklichen entgegen, das sich vor ihrem inneren Auge ereignete. Dazu sprach oder murmelte sie Uneingeweihten kaum verständliche Worte, Zurufe des Mitleids, des Protestes, aber auch des Eingeständnisses ihrer Hilflosigkeit gegenüber dem Ungeheuerlichen, das sie am Heiland geschehen sah. Ergriffen und schweigend gingen die vielen an diesem Leidenslager vorüber. An manchen Karfreitagen zählte man bis zu fünftausend Besucher. Nicht wenige verließen unter Tränen den Raum. Ich erlebte eine Frau, die im Leidenszimmer zusammenbrach und schrie: "Heiland, was haben sie Dir angetan!" Man trug sie aus dem Haus, um sie ärztlicher Hilfe zuzuführen.

Seit 1947 war für mich jeder Karfreitag Konnersreuth vorbehalten. Da interessierten mich als Journalisten natürlich nicht nur die Vorgänge im Hause Neumann, sondern auch all das, was "draußen" geschah. Wie der Tag "organisatorisch" ablief. Ich erinnere mich keiner Zwischenfälle. Für Ordnung sorgte nämlich alljährlich in vorbildlicher Weise die Landpolizei-Inspektion Tirschenreuth, die in Konnersreuth stets mit einem großen Aufgebot von Beamten vertreten war. Ohne sie wäre ein Verkehrs-Chaos nicht auszuschließen gewesen . Die Polizei ordnete vor allem das Parken der Omnibusse und Privatautos auf den Zufahrtsstraßen und hielt den Ort weithin autofrei. Auch der Zustrom zum Hause der Stigmatisierten war zu kanalisieren. Doch hatte sich im Laufe der Jahre bereits eine feste Ordnung eingespielt. Auf dem Platz vor dem Neumann-Haus versammelten sich Deutsche und Ausländer, während die Ortsstraße von links her aus Richtung Waldsassen-Mitterteich den Amerikanern vorbehalten war. In den ersten Nachkriegsjahren stellten die Amerikaner fast die Hälfte der Besucher. Als Besatzungsmacht traten die US-Truppen damals ja noch ungleich massiver in Erscheinung als heute. Daß sie ihr Interesse in so auffallender Weise Konnersreuth zuwandten, bewies die Verehrung, die man Therese Neumann in den Vereinigten Staaten längst entgegenbrachte.
                                                     
Pfarrer Naber verwehrt den den allzu vielen Zutritt zum Neumann-Haus.   Die Polizei muß eingreifen 

Ich beobachtete diese auf Einlaß harrenden Amerikaner genau. Unter den zum Teil farbigen, uniformierten Soldaten sah ich auch viele Frauen. Allen war anzumerken, daß sie in Konnersreuth mehr erwarteten als eine wie auch immer beschaffene Sensation. Sie unterhielten sich kaum. Manche beteten oder lasen in einem Buch, vermutlich in der Bibel. Therese Neumann wußte um die fromme Gesinnung der Amerikaner und nannte sie vorbildlich. So konnte nicht ausbleiben, daß es zwischen Therese und angesehenen Amerikanern, vor allem hohen Offizieren, zu ganz persönlichen, freundschaftlichen Verbindungen kam. Sie sollten von weittragender Wirkung sein. Viele Besucher strömten, nachdem sie Therese Neumann gesehen hatten, in die Gasthäuser des Ortes zum Mittagessen. Dort traf man auf Menschen aus fast allen Gegenden der Bundesrepublik und dem benachbarten Ausland. Ihre Gespräche klangen gedämpft. Die meisten hatten sich noch nicht aus der Erschütterung zu lösen vermocht, in die sie die Begegnung mit der Leidenden versetzt hatte.

Zuweilen unterbrach ich die Unterhaltung der fremden Tischnachbarn, wenn ich merkte, daß Ratlosigkeit, Zweifel oder Mißtrauen aufkamen, wenn Fragen nach dem Sinn solchen Geschehens offenblieben oder wenn die Leute Wichtiges Über das lokale und religiöse Umfeld der Stigmatisierten wissen wollten. Die Passionseksatase war ja nur ein mystisches Phänomen unter vielen anderen, die erst im Zusammenhang geschaut, die übernatürliche Sinndichte des Ganzen erkennen ließen.

Mit Recht hatten viele, unter ihnen auch durchaus ernstzunehmende Theologen, immer wieder gefragt, weshalb und wozu man die Stigmatisierte an solchen Tagen so hilflos der anonymen Öffentlichkeit preisgebe, sie geradezu zu einem Schauobjekt herabwürdige. Jedermann zugänglich, auch den Spöttern, Sensationslüsternen und Atheisten. Weshalb man der Familie Neumann alljährlich eine solche Last auferlege, diese Belagerung des Hauses, diese buchstäblich massive Störung des Familienlebens, dieses geradezu brutale Eindringen in einen Bereich, der wie kein zweiter mit Intimsphäre umschrieben werden darf. Die Neumanns litten um so schwerer unter der stets wiederkehrenden Belastung, als sich auch Therese Neumann solche Zudringlichkeit und Aufdringlichkeit strikte verbat.

Nicht selten ließ sie mich schriftlich bitten oder erbat sich meinen Besuch in Konnersreuth, um mir nahezulegen, ich solle doch mit aller Entschiedenheit in der Zeitung darauf hinwirken, daß möglichst wenige, am besten gar niemand, nach Konnersreuth käme, um den Karfreitag zu stören. "Was wollen denn die Leute von mir", rief sie aus, "ich kann doch nichts dafür, daß ich das habe." Da scheute sie auch vor einer Bitte an den Heiland nicht zurück, daß er doch viel Regen und unfreundliches Wetter schicke, um die Massen von einer Fahrt nach Konnersreuth abzuhalten. Aber schließlich hielt man doch die Tradition aufrecht und ließ den Dingen ihren Lauf. Die theologisch Verantwortlichen waren nämlich überzeugt, es entspreche dem Willen Gottes, dieses wunderbare Offenkundigwerden des Leidens und Sterbens Jesu allen Menschen zugänglich zu machen. Thereses Leidensekstase habe Öffentlichkeitscharakter. Wohl würden manche daran Anstoß nehmen, anderen aber erschließe sich von dort her ein neuer Zugang zu den Mysterien des Christentums und das Erlebte festige ihren Glauben. So geschah es auch. Ungezählte. sind in Konnersreuth zu ihrem längst verschütteten Glauben zurückgekehrt, andere versuchten jetzt, diesen Glauben neu zu bedenken und für ihr Leben fruchtbar zu machen. Einige herausragende Zeugen, die sich von den Ereignissen in Konnersreuth besonders betroffen wußten, werde ich noch vorstellen.

Doch nun drängt es mich, einen Konnersreuther Karfreitag zu beschreiben, der mir besonders kostbar war, den von 1959. Therese durfte an diesem Tag das Leiden und Sterben Jesu wohl schauen, das körperliche Mitleiden jedoch entfiel. Deshalb wurde auch niemand eingelassen. Pfarrer Naber trat vor die das Haus umlagernden, harrenden Menschen, um ihnen die Situation zu erläutern und sie zu bitten, sich mit ihr abzufinden. Unmut und Proteste wurden laut. Der Pfarrer gab zu verstehen, daß heute ein Jubiläumstag sei und daß das Opfer des gläubig. hingenommenen Verzichts dem Heiland angenehmer sei als der Blick auf die mit Jesus Leidende. Doch die meisten, vor allem die von weither Angereisten, ließen sich kaum beruhigen. Aller, sicherlich verständliche Aufruhr war jedoch vergebens. Die Türe des Neumann-Haues blieb verschlossen.

Da plötzlich rief man mich. Ich solle zu Therese Neumann kommen. Ich gebrauche bewußt die unpersönliche Redeweise, weil ich gar nicht mehr weiß, wer mich da aufforderte oder einlud. Ich war vermutlich in einem Maße Überrascht, daß ich alles vergaß, was um mich herum vorging. Im Hause war es still. Ich schritt die schmale Holzstiege empor, an einer tief beeindruckenden Crucifixus-Darstellung vorbei, und betrat das Leidenszimmer der Stigmatisierten. Therese Neumann saß mit geschlossenen Augen in einem Sessel. Neben ihr hatte Pfarrer Naber Platz genommen. Er bot mir einen Stuhl an und erklärte mir dann, daß Therese den Heiland auf seinem Leidensweg visionär begleite und soeben jener Gruppe von Frauen begegne, die dem Heiland, bis Golgotha laut klagend gefolgt waren.

Die Szene kann man bei Lukas nachlesen: "Es folgte ihm aber eine große Volksmenge und Frauen, die klagten und beweinten ihn. Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint Über euch selbst und Über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in der man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht genährt haben! Dann werden sie anfangen, zu den Bergen zu sagen: Fällt Über uns! Und zu den Hügeln: Bedeckt uns! Denn wenn man das tut am grünen Holz, was wird am dürren geschehen?" In der Schauung der Stigmatisierten kam Neues hinzu, Über das die Evangelien schweigen. Therese sieht unter den Jammernden eine Frau mit Namen Veronika. Diese führt ein junges Mädchen mit sich, das einen kleinen Krug trägt. Der Anblick des Gemarterten erschüttert Veronika in einem Maße, daß sie sich ganz nahe an ihn herandrängt, um ihm ein Tuch zu reichen, damit er sein blutüberströmtes Antlitz abwische. Er tut es. Jesus fühlt sich offensichtlich erleichtert und gibt der Frau das Tuch mit einem dankbaren Blick zurück. Noch eine andere Frau erregt Thereses Aufmerksamkeit. Jene, die einst Jesu Kleider berührt hatte, in der Hoffnung, sie werde von ihrer Krankheit geheilt. Dies geschah denn auch, nachdem sie bereits ihr ganzes Vermögen für ärztliche Behandlungen aufgewendet hatte. Diese interessante Episode berichtet Markus im fünften Kapitel seines Evangeliums. Zur Geheilten läßt er Jesus sagen: "Meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht. Geh' hin in Frieden und sei gesund von deiner Plage!"

Immer wieder hörte ich in Thereses Leidensbericht aramäische Worte und , Sätze. Aramäisch wart die Sprache Jesu. Über die gesamte Passionsschilderung hin sprach die Stigmatisierte nicht selten auch griechische und lateinische Worte. Das Griechische galt ja zur Zeit Jesu als Weltsprache, und das.. Lateinische hatte Palästina durch die Römer erobert, die dort als Besatzungsmacht das Land beherrschten. Nicht zuletzt das Sprachenphänomen in der Mystik der Therese Neumann erregte Aufsehen und rief bald auch die Sprachwissenschaftler auf den Plan. Gezielt beschäftigte sich damit der Eichstätter Hochschulprofessor Franz Xaver Wutz. Als Alttestamentler war er mit dem , Hebräischen und Aramäischen wohlvertraut. Was er zu seinem großen Erstaunen im Zusammenhang mit der Sprache entdeckt hatte , ermutigte ihn, die Übernatürlichkeit aller Konnersreuther Phänomene anzuerkennen und überzeugend zu verteidigen.

Doch ich muß zu Therese zurückkehren, um zu berichten, wie die Leidensgeschichte in ihren Schauungen fortschritt. Häufig war nun von Judas, dem "Falschen", die Rede. "Da haben sie Brote in den Abendmahlsaal gebracht. Und der Falsche hat (sogar) kommuniziert!" Sie zieht Parallelen zur Gegenwart: "Die Menschen sind doch immer die gleichen. Die Menschen denken nicht mehr." Jesus fällt immer wieder. Einmal liegt er lang hingestreckt auf dem Boden: "Dann haben sie ihn gezogen, wie man irgendeinen Gegenstand zieht." Das Kreuz liegt schon bereit. Man legt Jesus darauf. Doch noch nicht zur Kreuzigung. Irgend etwas stimmt wohl nicht, funktioniert nicht. Eine "technische" Korrektur ist vielleicht vonnöten. Oder haben sie die Stellen für den Einschlag der Nägel fixiert? Denn die Soldaten heben den gemarterten Körper vom Kreuz und stoßen ihn - so drückte sich Therese aus - in ein "Loch". Das will wohl heißen, in eine Grube. Dort bleibt er liegen, bis die Henker ihre Zubereitungen zu Ende gebracht haben. "Wenn er (Jesus) jetzt nur ausreißen könnte", das heißt, die Gelegenheit ergriffe, seinen Mördern zu entfliehen,. meint sie.

Therese kehrte nun aus der Ekstase auf eine Bewußtseinsebene zurück, die man mit "Erhobener Ruhezustand" bezeichnet hat. Sie verließ den Bereich der Vision, gleichsam um sich von der Schrecknis des Geschauten ein wenig zu erholen. Man kann jetzt mit ihr sprechen und Fragen stellen. Sie erinnert sich. Gedenkt der Frauen, die den Heiland in Trauer und Bekümmernis begleiten: "Waren gute Weiber, haben viel geweint". Dann weiß sie sich glücklich, daß der Massenbesuch heute ausblieb: "Wenn ich nur keine Leute sehe! Lieber soll mir Gott irgendein Leid schicken." In diesem Bewußtseinszustand spricht sie Anwesende, die sie weder kennt noch sieht, mit "Du" an. Auch von der Mutter Jesu war in dieser Pause die Rede. Sie habe sich von ihrem Sohn meist abseits gehalten. Denn man habe ihr "viel angetan", wenn sie in seiner Begleitung gesehen worden sei. Therese wußte sich tief betroffen von dem unermeßlichen Leid, das Über Maria angesichts der Hinrichtung ihres Sohnes gekommen war.

Mitten im Gespräch sagte mir Pfarrer Naber, ich möge der Stigmatisierten doch die Hand reichen. Ich tat es zögernd, denn ich wußte, daß da nun etwas Ungewöhnliches auf mich zukam, vielleicht sogar eine peinliche Bloßstellung. Therese Neumann besaß nämlich die Gabe der Herzenskenntnis. Da waren ehemalige Priester zu ihr gekommen, denen sie auf den Kopf zusagte, daß sie geweihte Personen seien. Sie sollen sich im Bußsakrament mit Gott versöhnen und erst dann wieder kommen, hatte sie ihnen zugeraten. Vor vielen Jahren begleitete ich den ehemaligen Seelsorger des berühmt-berüchtigten NS-Hinrichtungsgefängnisses Berlin-Plötzensee, Peter Buchholz, nach Konnersreuth, um ihn Therese Neumann vorzustellen. Sie kannte ihn nicht. Bei der Begrüßung sagte sie ihm spontan: "Diese Hände haben schon viele Menschen in den Himmel geführt.". Buchholz hatte in der Tat Hunderte von Todeskandidaten seelsorgerlich betreut und auf ihre letzte Stunde vorbereitet. Auch der Jesuitenpater Alfred Delp war unter ihnen. Buchholz kehrte damals überglücklich von Konnersreuth zurück.

Solches Vorwissen löste Unruhe in mir aus. Was werde ich wohl zu hören bekommen? "Gelt", sagte sie, "es ist schon gut, wenn man eine solche Frau hat und solche Butzerln (Kinder). Hast scho a Freid?" (Hast schon eine Freude?). Auch die Grundstimmung meines Wesens .blieb ihr nicht unbekannt. Sie entdeckte aufs neue den Pessimisten, den Schwarzseher, in mir und ermutigte mich, doch mit Vertrauen in die Zukunft zu blicken, mich "nicht zu fürchten". Solche Gespräche im Zustand der Entrückung pflegte Therese mit dem Zuruf zu beenden: ."Der Heiland mit Dir!" Ich antwortete mit "Vergelt's Gott". Therese darauf: "Nein! Der kann's net." Ich wurde verlegen und sah Pfarrer ,Naber fragend an. Der sagte mir, sie erwarte da stets die Antwort: "Und mit Dir auch!" So tat ich denn. Erst jetzt war sie zufrieden.

Die Schauungen nahmen nun ihren Fortgang. Ich mußte mich verabschieden, denn die Zeit drängte. Das Erlebnis hatte mich tief bewegt, bis hin zu dem Entschluß: Du mußt ein neuer Mensch werden! Dreimal schrieb ich in meinen Notizblock das griechische Wort "Metanoia", das heißt Umdenken, Neudenken, Umkehr, das Dasein in eine neue Ordnung stellen, das Wesentliche und einzig Notwendige bedenken.Viele werden nun fragen, wie denn die übliche Karfreitagsekstase' ihren Abschluß fand. Wenn der Gekreuzigte sein Leben aushauchte,' verfiel Therese regelmäßig in einen todähnlichen Schlaf, der bis zum Ostermorgen währte. Sie hatte in einem Maße Blut verloren, daß ein "normaler" Mensch unter gleichen Umständen unweigerlich gestorben wäre. In aller Frühe des Ostermorgens erschien ihr in einer großen Vision der auferstandene Christus. Der österliche Herr rief sie neu ins Leben zurück. Alles Leid und alle Leiden waren weggenommen. Therese stand auf, um in der Pfarrkirche den Ostergottesdienst mitzufeiern und dann in den Alltag zurückzukehren.

Im Mai des. gleichen Jahres 1959. durfte ich Therese Neumann ein zweites Mal begegnen. Diesmal war sie in Begleitung des Pfarrers Josef Naber, des Münchner Arztes Dr. Josef Mittendorfer und ihres Vaters Ferdinand Neumann nach Weiden gekommen, um mich zu besuchen. Dr. Mittendorfer parkte seinen Wagen im Hof des Verlagsgebäudes, das sich damals mit allen drucktechnischen Anlagen noch in der Ringstraße, im Stadtzentrum also, befand. Man ließ mich rufen. Welche Überraschung! Meine Freude Über diesen unerwarteten Besuch läßt sich kaum beschreiben. Ich bat die Gäste, doch mit in die Redaktion zu kommen. Ich hätte sie nämlich gern den Redaktionskollegen und auch den Verlegern vorgestellt. Aber Therese lehnte ab. Sie fürchtete, falls sie das Auto verließe, aufzufallen und, wenn auch nur durch Blicke Neugieriger, in Unruhe zu geraten. Ob wir uns denn nicht an einem stillen, menschenfernen Ort niederlassen könnten, meinte sie. Da fiel mir der Weidener Stadtpark ein, in dem um diese frühe Vormittagsstunde kaum allzuviele Spaziergänger anzutreffen wären. Therese und ihre drei Begleiter zeigten sich mit dem Vorschlag einverstanden.

Im Park nahmen wir auf einer Bank Platz. Therese war von der gärtnerisch vorbildlich gepflegten Anlage sehr angetan. Besonders bewunderte sie ein nahes, in vielen Farben leuchtendes Tulpenfeld. Das Gespräch begann. Nun erst ließ mich Therese wissen, weshalb sie nach Weiden gekommen war. Ihre Schwester Ottilie war in Eichstätt gestorben und in Konnersreuth beigesetzt worden. Ottiliens Tod traf Therese und die Verwandten um so härter, als die Verstorbene kaum das 57. Lebensjahr erreicht hatte. Bis zu ihrem Tod lebte sie in Eichstätt und versorgte dort den Haushalt des Professors Wutz. Außerdem betreute sie die Mitglieder des Dritten Ordens des heiligen Franziskus als deren Vorsteherin.

Therese hatte ihre Schwester sehr lieb gehabt. Begeistert schilderte sie Ottiliens charakterliche Vorzüge, wobei sie besonders deren Menschenfreundlichkeit und Güte hervorhob. Da schaltete sich Pfarrer Naber ein und bemerkte fast ein wenig spitzbübisch: "Resl, davon könntest Du ein bisserl was brauchen!" Damit wollte er daran erinnern, daß Therese schon manchmal "hart", das heißt ungeduldig und ungehalten werden konnte, wenn ihr die Menschen allzu hemmungslos auf den Leib rückten, um ihre Bekümmernisse und Sorgen vor ihr auszubreiten oder sie einfach einmal sehen zu wollen. Da fühlte sie sich nicht selten zum bloßen Schaustück erniedrigt. Schließlich war es doch ihr gutes Recht, ihr zum größten Teil geistlichen Dingen gewidmetes Privatleben einigermaßen abzusichern.

Nun aber ging es um den Hauptzweck dieser Fahrt der Konnersreuther nach Weiden. Für die Zeitung sollte nämlich eine Danksagung an die Adresse der Vielen formuliert werden, die an der Beisetzung der Schwester teilgenommen oder sonstwie ihre Mittrauer zum Ausdruck gebracht hatten. Ich sollte dabei beratend mithelfen. Bald hatten wir uns auf einen allen zusagenden Text, geeinigt. Aber wir blieben noch lange zusammen. Denn Therese hatte an diesem Park so viel Gefallen gefunden, daß sie immer wieder ausrief: "Is dau schöi!" (Ist es da schön!). Auch auf ein Denkmal aus Stein wurde sie aufmerksam. Ich erklärte ihr, daß dieser Steinblock eine Orgel darstellen, vielmehr symbolisieren solle. Man habe ihn zu Ehren des mit Weiden eng verbundenen berühmten Komponisten Max Reger aufgestellt. Aber Therese vermochte mit solcher Bildhauerkunst kaum etwas anzufangen und fragte erstaunt: "Des soll a Orgl sa?" (Das soll eine Orgel sein?).

Die neue, die "moderne", die abstrakte Kunst zumal lag ihr begreiflicherweise nicht. Ihr Interesse konzentrierte sich vielmehr auf jene über alle Natur und alles Menschenwerk hinausragende Wirklichkeit, wie sie ihr in Christus und seiner Frohbotschaft entgegentrat. So nahm es nicht wunder, daß Therese wenig später wieder auf Eichstätt zu sprechen kam. Denn dort hatte sie das Sterben ihrer Schwester auf besondere Weise erlebt. Als deren Seele von dieser Welt schied, geriet die Stigmatisierte in Ekstase und sah, wie der Heiland auf Ottilie zukam und sie freundlich anblickte. Mit ihm erschienen Thereses Mutter, Professor Wutz und weitere längst verstorbene Angehörige. Dann erlebte sie, wie sie sich ausdrückte, zu, ihrer großen Freude die "Himmelfahrt" der Schwester. Für Therese war das kein einmaliges Ereignis. Immer wieder nämlich schaute sie an Sterbebetten denselben Vorgang mit Jesus als Richter, der jedoch Sterbenden nicht jedesmal sofort die Seligkeit des Himmels zusprach, sondern sie zuweilen ins Purgatorium, an einen Sühne- und Läuterungsort, verwies. In der katholischen Glaubenslehre heißt dieser "Ort" das "Fegfeuer".

Was Therese da freudestrahlend geschildert hatte, klang mir seltsam, ja fragwürdig. Ich war neugierig geworden und wollte Einzelheiten wissen. "Ist es denn überhaupt möglich", fragte ich, Toten in jener anderen Welt als lebendigen Menschen zu begegnen? Vermag man sie zu erkennen, da sie doch leiblos sind? Haben sie noch irgendeine Gestalt oder ein Angesicht, auf das man blicken kann?" Therese ging nun nicht auf physiognomische Details ein, bestätigte jedoch, daß diese Toten" wohl zu erkennen seien. Sie erscheinen jedoch als "Lichtgestalten". Die Rede vom "Licht" und von der "Lichtgestalt" sollte mich später noch öfter zu grübelndem Nachdenken anregen. Therese unterbrach nun mein Fragen und bat, ja ermahnte mich, doch ja in Weiden und bei dieser Zeitung zu bleiben. Ich hatte nämlich von einer, Würzburger Tageszeitung ein verlockendes Angebot erhalten. Der Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg nahezu total zerstörten Würzburg war schon so weit vorangeschritten, daß ich mir um eine Wohnung keine Sorge zu machen brauche, hatte mich der Verlag wissen lassen. "Es wäre nicht gut, wenn nun auch noch Sie (nach Dr. Richard Sattlmair, der nach München übergesiedelt war) das Feld räumen würden", meinte Therese. "Sie sind doch bei der Weidner Zeitung so etwas wie das Gewissen. Bleiben Sie deshalb! Und fürchten Sie sich nicht! Herr Panzer, es lohnt sich zu leben, da wir doch nach dem Tode so Großes und Herrliches erwarten dürfen". Von solch endzeitlicher Perspektive her hatte Therese Neumann bereits am letzten Karfreitag zu mir gesprochen.

Therese Neumann mit ihrem Vater

Während dieses Gesprächs hatte Vater Neumann kein einziges Wort gesagt, keine Stellungnahme geäußert. Ich hatte den Eindruck, daß sich der schweigsame Mann über all das Besprochene seine eigenen, ganz persönlichen Gedanken machte. Derartiger Erörterungen war er wohl zu Hause schon oft Zeuge gewesen. Da mischte er sich nicht ein. Vielmehr sah er seine Lebensaufgabe darin, der zu seinem großen Leidwesen so sehr bedrängten Tochter beizustehen. Allzeit war er bemüht, der Zudringlichkeit der Vielen zu wehren, Therese vor weiterem Leid zu bewahren und besonders dann ein autoritäres Wort zu sprechen, wenn Theologen oder Ärzte eine nochmalige medizinische Untersuchung und Überprüfung der Stigmatisierten forderten. Dies lehnte er mit Entschiedenheit ab. Und er handelte recht.

Ich versuche nun eine weitere Besonderheit des mystischen Lebens der Therese Neumann wenigstens im Umriß darzustellen, den schier unerschöpflichen Bereich ihrer Visionen. Bis zu ihrem Tod schaute sie Begebenheiten und Szenen aus dem Neuen Testament, wie sie die Evangelien berichten. Visionär durchschritt sie nahezu das gesamte irdische Heilandsleben. Ihre Schauungen reichten von der Verkündigung an Maria bis zur Auferstehung des Herrn und umschlossen ebenso Jesu Himmelfahrt wie das Pfingstgeschehen, darüber hinaus auch zahlreiche aufschlußreiche Szenen aus dem Leben der Mutter Jesu. Thereses Schilderungen waren von außerordentlicher Plastizität. Doch derart, daß sie sich in allen wesentlichen Bezügen in nichts von den Darstellungen der Heiligen Schrift unterschieden oder ihnen widersprachen. Die Klarheit dieser Aussagen Überraschte. Pfarrer Naber erzählte mir, daß Therese die lange Pfingstpredigt des Petrus in Hochdeutsch gehört und wortgetreu wiedergegeben habe. Diese Schauungen wiederholten sich Jahr um Jahr.

In diese mystischen Erlebnisse waren auch viele Heilige einbezogen, vor allem Theresia von Lisieux, deren Sterbestunde sie alljährlich schaute. Pfarrer Naber hatte im Hinblick auf die Bedeutung des Außerordentlichen an Therese Neumann ein Tagebuch geführt. Dabei legte er wenig Wert auf breit sich entfaltende Ausführlichkeit. Wichtiger war ihm die Klarheit und Eindeutigkeit der Dokumentation. Oft begnügt er sich mit ein oder zwei Sätzen. So schreibt er etwa am 18.März 1928: "Gegen Abend schaut Neumann das Wunder der Brotvermehrung, von dem das heutige Evangelium (der Tagesmesse) erzählt". Oder am 12. April: "Heute schaut Theres den in der Epistel der Messe berichteten Vorgang mit dem Kämmerer der Königin von Athiopien". 18. und 19. Mai: "An beiden Tagen erscheint abermals die heilige Theresia vom Kinde Jesu der Theres Neumann und spricht kurz mit ihr." 17. September: "Theres schaut die Stigmatisation des Franz von Assisi." 22. November: "Heute sieht sie das Martyrium der heiligen Cäcilia." Vermerkt werden auch Begegnungen mit dem Märtyrer Sebastian und der heiligen Agnes. Über Anna" die Mutter Mariens, heißt es: "Heute abends sieht Therese die heilige, Anna, die Mutter Mariens, sterben, ganz ruhig, über achtzig Jahre alt, in ihrem Haus in Nazareth, in Gegenwart Mariens und etlicher Frauen. Ihre, Seele sieht Theres in Form eines Lichtstrahles den Leib verlassen. Im Sterbezimmer sieht Theres geschnitzte Bilder, darstellend Isaaks Opferung, Noes Dankopfer, Moses mit den Gesetzestafeln." Und so fort. Über ähnliche Geschehnisse, die nicht im Tagebuch verzeichnet sind, unterrichtete mich von Fall zu Fall Pfarrer Naber, wenn ich ihm in Konnersreuth gegenübersitzen durfte.

Trotz all dieser seltsamen und dem Denken nur schwer zugänglichen Phänomene muß daran festgehalten werden, daß das Leben der Stigmatisierten vordergründig der Leidens- und Sühnegedanke beherrschte. Jenes Wort der Theresia vom Kinde Jesu empfand sie wie eine Frohbotschaft, wonach durch Leiden mehr Seelen gerettet werden als durch die glänzendsten Predigten. Das Leiden wird hier paradoxerweise ins Positive gewendet. Therese hat in ihrem Leben unendlich viel gelitten. Nie war sie ohne Schmerzen. Von dieser leidenden Frau ging eine Kraft aus. Eine Kraft auch des Helfens und Heilens. Viele wurden durch ihr Sühneleiden wieder gesund und dem Leben neu geschenkt. Fast täglich treffen in Konnersreuth Dankschreiben von Menschen ein, die Überzeugt sind, daß ihnen Therese durch ihre Fürbitte geholfen hat. Nur an fünf Beispielen versuche ich deutlich zu machen, daß hier Verbindungslinien offenkundig werden, die nicht Übersehen werden dürfen. Unbezweifelbar fest steht, daß viele schwer erkrankte Personen, sofort geheilt wurden, wenn Therese sühnend für sie eintrat und deren Leiden freiwillig auf sich nahm.

Zuallererst denke ich da. an Pfarrer Josef Naber. Sooft wir uns trafen, fragte ich ihn natürlich nach seinem gesundheitlichen Befinden. Stets zeigte er sich dann denkbar zufrieden und gab zu erkennen, daß er kaum ärztlicher Hilfe bedürfe. "Mein bester und billigster Arzt ist die Resl", pflegte er zu antworten. In. diesem Zusammenhang erzählte er mir einmal, daß er schon als junger Kaplan von etwa sechsundzwanzig Jahren schwer herzleidend gewesen sei. Als er sich in eine Lebensversicherung aufnehmen lassen wollte, wies ihn das Institut mit der Begründung zurück, daß er, nur eine geringe Lebenserwartung habe und die Versicherung kein Risiko eingehen könne. "Und siehe da", rief der Pfarrer aus, "heute habe ich schon das 90. Lebensjahr überschritten!" Naber wurde 97 Jahre alt.

Vor vielen Jahren kam ein reicher Mann schwerkrank nach Konnersreuth. Auf Krücken gestützt, schleppte er sich zu Therese Neumann, um ihre Hilfe zu erbitten. Der Industrielle hatte bereits alle ihm erreichbaren namhaften Fachärzte und Spezialkliniken aufgesucht. Doch alle Heilungsversuche blieben ohne Erfolg. Verzweifelt bat er die Stigmatisierte um ihr Gebet. Nach etwa einer Woche bedurfte er keiner Krücken mehr. Er war von seinem Leiden völlig befreit.

Durch Thereses Fürbitte, wie sie sagte, total geheilt wußte sich auch Frau Berta Meuleberg aus den Niederlanden. Ihr schweres, jahrelanges Rheuma- und Gichtleiden war als unheilbar deklariert worden. Sie litt in einem Maße, daß sie sich kaum bewegen konnte. Ihre plötzliche Heilung geschah im Jahre 1965, nachdem sie mit der bereits verstorbenen Stigmatisierten in Gebetsverbindung getreten war. Das Geschehen interessierte mich. Ich traf mich mit Frau Meuleberg in Konnersreuth, um Informationen Über ihre Person, ihr Lebensumfeld und ihre Krankheit zu sammeln. Um sicher zu gehen, rief ich von Weiden aus den holländischen Chefarzt jenes Krankenhauses an, in dem die Frau längere Zeit beobachtet und medizinisch betreut worden war. Ich werde auf diesen "Fall" später gesondert eingehen.

Als ich nach dem Tode der Therese Neumann wieder einmal Pfarrer Naber aufsuchte, sagte er mir, ein "fremder" Priester sei im Anschluß an die Beisetzung der Stigmatisierten freudig erregt zu ihm gekommen. Naber habe ihn weder gekannt, noch habe dieser sich vorgestellt. Er leide schon seit langer Zeit, sagte der Fremde, unter chronischen Schmerzen. Als, er im Friedhof an der Beerdigung teilgenommen habe, hätten sie sich unbegreiflicherweise bis zur Unerträglichkeit gesteigert. Da habe er gebetet: "Resl, Du mußt mir jetzt unbedingt helfen!" Der Geistliche fühlte sich daraufhin sofort schmerzfrei. "Herr Pfarrer Naber", hatte er gesagt, "es drängte mich, Ihnen dies mitzuteilen", und verschwand.

Von, einer Gastwirtin aus der Oberpfalz will ich, die Heilungsberichte abschließend, noch erzählen. Ich kannte sie seit vielen Jahren als lebenslustige und zu allerlei Späßen aufgelegte Frau. Sie wurde krank und mußte eine schwere Operation über sich ergehen lassen. Doch der Eingriff brachte keine Besserung. Im Gegenteil. Man erwartete den Tod. Dennoch wurde sie wider alle Voraussicht gerettet. Als ich sie später in ihrer Gaststätte beobachtete, erschien sie mir wie umgewandelt, ja wie ein neuer Mensch. Da sagte sie frei heraus, daß sie ihre Rettung einzig der Fürbitte der Therese Neumann verdanke. Obwohl manche Gäste darob ungläubig zu lächeln pflegten, blieb die Wirtin bei ihrer Überzeugung. Immer wieder besuchte sie seitdem das Grab der Stigmatisierten. Dort ließ sie auch einen in Stein gemeißelten Dankesgruß niederlegen.

Über ihre Ekstasen und Visionen hinaus vermochte Therese Neumann unmittelbar und mit allen Sinnen an Ereignissen teilzunehmen, die sich in weit von Konnersreuth entfernt liegenden Gegenden abspielten. Schon 1938 hatte sie den Eucharistischen Kongreß in Budapest zu Hause miterlebt. Auch einer ihrer Brüder nahm daran teil. Sie beobachtete ihn, als er in der Nähe der feiernden Bischöfe zu fotografieren versuchte. Nachdem er heimgekehrt war, stellte sie ihn zur Rede, weil er sich nach ihrem Verständnis allzu aufdringlich benommen habe. Alljährlich wurde sie am Ostersonntag Zeugin des päpstlichen Segens "Urbi et orbi" in Rom. Auch bei der Heiligsprechung Pius X. auf dem Petersplatz war sie zugegen. Ich kann mich insofern für die Wahrheit ihrer Aussagen verbürgen, als ich selber dieser Feier beiwohnen durfte. Der damalige Regensburger Domkapellmeis,ter Theobald Schrems hatte mich nämlich eingeladen, mit den "Domspatzen" nach Rom zu reisen. Der Chor wurde dort triumphal "gefeiert, besonders bei einem öffentlichen Konzert in der päpstlichen Musikhochschule. Die Kanonisation des vorab der Gregorianik und der alten Mehrstimmigkeit (Palestrina) der Kirchenmusik gegenüber sehr aufgeschlossenen Papstes fand im August statt. Stundenlang ertrugen Theobald Schrems, sein Chor und ich die unbarmherzig niederbrennende italienische Sonne. So hatte sie auch Therese Neumann erlebt. Sie beschrieb die riesige Menschenmenge, die sich auf dem Platz versammelt hatte, und konnte einer Konnersreuther Reisegruppe nach ihrer Rückkunft aus Rom genau angeben, welchen "Standort" man ihr im Umkreis der Peterskirche zugewiesen hatte.

Auch für das Folgende, schier Unglaubliche, kann ich 'mich verbürgen, denn Therese Neumann hat es mir selber erzählt: Sie war am Sterbelager Pius XII. gestanden und hatte, von Konnersreuth aus, seinen Tod erlebt. Ich erinnere mich noch genau jener Nachmittagsstunde, da ich der Stigmatisierten bei diesem Gespräch in ihrem Zimmer gegenüber saß. Wir waren allein. Der Tod dieses Papstes war ihr sehr nahegegangen. Immer wieder ließ sie erkennen, wie sehr sie ihn geschätzt, ja verehrt hatte. Die Trauer um diesen Pontifex ging ihr so tief, daß sie zu weinen begann. Dann kam sie auf jene Personen zu sprechen, die mit ihr das Sterbelager des Papstes umstanden hatten. Dabei sei ihr ein Mann aufgefallen, der ihr gar nicht zugesagt habe. Es handelte sich in der Tat um einen Arzt, dessen Unlauterkeit schon bald offenkundig wurde. "Alle diese Personen", sagte Therese, "habe ich sofort wiedererkannt, als ich sie später auf einem Foto in der Zeitung sah. "

Die Reihe der "Vorkommnisse derartigen "Dabeiseins" aus weiter Ferne ließe sich beliebig fortsetzen. Die geographische Entfernung sollte dabei nicht zum Maßstab erhoben und überbewertet werden. So "weilte" Therese von ihrem Konnersreuther Zimmer aus auch in der nahen Pfarrkirche, wenn sie krankheitshalber am Gottesdienst nicht teilnehmen konnte. Dabei tadelte sie zuweilen die Kinder, wenn sie sich allzu lebhaft benahmen und geziemende Frömmigkeit vermissen ließen. "Verbindungen" zum heimatlichen Gotteshaus gab es auch von ihrem geliebten Eichstätt aus. Von dort her beanstandete sie einmal den Blumenschmuck in der heimatlichen Kirche. Der müsse sofort erneuert werden, denn alle Blüten seien schon fast verwelkt.

Alles bisher Über die Stigmatisierte Berichtete aber, ihre Wundmale, Ekstasen und Visionen, ihre Herzenskenntnis und mystischen Begegnungen scheinen mir mehr oder minder in den Hintergrund zu treten gegenüber einer Tatsache, die weithin schärfsten Widerspruch ausgelöst und auch die Wissenschaft auf den Plan gerufen hat: Therese Neumann hat fünfunddreißig Jahre lang nahrungslos gelebt. Das heißt, sie hat in dieser Zeit nicht das Geringste gegessen und getrunken. Ist das nicht eine ungeheuerliche Behauptung? Eine Zumutung, die kein vernünftig denkender Mensch zu ertragen vermag? Unsinn, Schwindel, Betrug, sagen viele. Dagegen sprächen doch alle Gesetze der Biologie. Sei man in der Natur je einem Lebewesen begegnet, das ohne jegliche Nahrung fortexistiert hätte? Eine solche Aussage entbehre doch der primitivsten Logik.

Ich halte solche Einwendungen für durchaus berechtigt. Ich nahm und nehme sie keinem Übel. Wie oft mußte ich mir anhören, wie töricht ich doch sei, daß ich auch nur die Möglichkeit so lange währender Abstinenz in Erwägung ziehe. Was viele zu einer gegenteiligen Auffassung veranlaßte, war nicht zuletzt der geradezu füllige Körperbau der Stigmatisierten. Ein einziger Blick auf sie genüge doch, um die angebliche Asketin zu entlarven, hieß es. Als Therese einmal in Mitterteich einen todkranken Metzgermeister besuchte, hatten Nachbarn beobachtet, wie sie das Haus mit einem angeblich "großen Paket" verließ. Dies geschah unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als sogar die Grundnahrungsmittel so knapp geworden waren, daß die Leute hungerten. Da hörte ich die Neider zischeln: "Die (die Resl) soll uns doch nicht weismachen, daß sie von nichts lebt. Schaut sie nur an, wie gut sie genährt ist! "

Auch Pfarrer Naber war anfänglich Überrascht und konnte nicht begreifen, daß Therese erst nur ganz wenig aß und später gar keine Speise mehr zu sich nahm. "Resl", hatte er immer wieder gesagt, "Du mußt doch essen und trinken wie wir auch. Wovon lebst Du denn überhaupt?" Auf solche Fragen hatte sie stets die gleiche Antwort bereit: "Ich leb' vom Heiland." Das heißt, von der bei der Eucharistiefeier konsekrierten Hostie, in der die katholische Kirche Christus gegenwärtig weiß. Doch bevor ich zu diesem, nicht jedermann leicht zugänglichen theologischen Thema Einzelheiten darlege, muß ich nochmals zu der massiven Kritik zurückkehren, welche die Behauptung absoluter Nahrungslosigkeit auslöste. Auch die Wissenschaft, die Mediziner und Biologen zumal, blieben nicht untätig, um diese "Botschaft" aus Konnersreuth zu entkräften, ja lächerlich zu machen. Auch heute noch ist die Nahrungslosigkeit das umstrittenste Thema innerhalb der mystischen Lebensgeschichte der Therese Neumann.

Auch meiner bemächtigte sich im Laufe der Zeit darob eine gewisse ,.Unruhe. Der Zweifel ließ sich nicht völlig niederhalten. Da schickte eines Tages ein befreundeter Bankdirektor, der in einer Stadt nahe der belgischen Grenze lebte, den Artikel einer katholischen belgischen Zeitung, in dem Therese Neumann gerade wegen ihrer angeblichen Nahrungslosigkeit scharf angegriffen und ihre Glaubwürdigkeit unerbittlich in Zweifel gezogen wurde. Der Absender bat mich, den Beitrag kritisch zu lesen und ihm dann zu antworten. Man habe erwartet, schreibt die Zeitung, daß nun endlich ein "Wendepunkt" in der Geschichte der Therese Neumann eintrete. Verweigerung jeglicher Nahrung sei außergewöhnlich, aber nach biologischen Gesetzen bedeute sie den Tod des Individuums. Jeder wisse aber auch, daß dieses "Wunder" an Therese Neumann bewiesen werden könne, wenn sie sich einer Kontrolle unterzöge. Es würde genügen, wenn sie ihr Heim in Konnersreuth, vielleicht nur für einige Tage, verließe und sich in eine katholische Klinik begebe. Hohe kirchliche Würdenträger hätten sie längst darum gebeten, doch Therese habe sich ihnen stets hartnäckig verweigert: "Warum hat diese Frau bisher so unlogisch gehandelt, obwohl es doch ihre Mission ist, wie sie selber sagt, Gott in der Öffentlichkeit durch die Zeichen, die sie von ihm erhielt, zu beweisen?" Und nun wird der Vater der Stigmatisierten zum Sündenbock erklärt: Er habe nicht gewollt, daß man ihn von seiner Tochter trenne. Jetzt aber sei er gestorben und Therese von "diesem Zwang" befreit. Doch es geschehe nichts. Daher lehnten die kirchlichen Autoritäten jede Verantwortung für die Behauptung eines absoluten Fastens und den realen Charakter auch der anderen außerordentlichen Phänomene ab. Weiter verlautete der Artikelschreiber, die Stunde der Wahrheit habe längst geschlagen. Aus Konnersreuth jedoch vernehme man nur Diskretion und Schweigen. Und dieses Schweigen sei sehr vielsagend.

Härter konnten Therese und ihre Ehre kaum getroffen werden. Die Zeitung hatte offensichtlich übersehen, daß die Stigmatisierte bereits. vom 13. bis 28. Juli 1927 von, vier vereidigten Mallersdorfer Krankenschwestern unter der medizinischen Aufsicht des Waldsassener Sanitätsrates Dr. Seidl ständig beobachtet worden war. Das Ergebnis dieser Überprüfung faßte der Arzt so zusammen: "Während der Beobachtungszeit konnte nach meiner und der Schwestern festen Überzeugung Therese Neumann außer der heiligen Hostie, des dabei zur Verwendung kommenden Schluckes Wasser und einer ganz geringen, während der Beobachtungszeit nicht einmal zehn Kubikzentimeter betragenden Menge, des Mundspülwassers nichts zu sich genommen haben."

Der bösartige Angriff der belgischen" noch dazu katholischen Zeitung hatte mich beunruhigt. Ich begann unsicher zu werden. Natürlich hatte ich den Aussagen der Zeugen Glauben geschenkt, aber die behauptete, nie unterbrochene Verweigerung von Speise und Trank empfand ich doch wieder als Herausforderung der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes. Erneut erhob der Skeptiker in mir sein Haupt. Wie sollte ich Gewißheit erlangen? Was sollte ich dem fernen Freund berichten der auf Antwort wartete? Ich mißtraute auch der in aller Welt bereits sehr umfangreich gewordenen Konnersreuth-Literatur, den zustimmend schreibenden Autoren ebenso wie jenen, die ausschließlich naturwissenschaftlich argumentierten und jeden übernatürlich motivierten Deutungsversuch als ungerechtfertigt ablehnten. Da beschloß ich, auf alle Zeugen und "Deuter" zu verzichten, vielmehr die Betroffene selber zu befragen.

Ein Termin war bald vereinbart. Es war ein Dezembertag, an dem mich Therese zum Gespräch geladen hatte. Wiederum durfte ich mit ihr allein sein. Ich sagte, heute käme ich in einer Angelegenheit, die nicht nur ihre Person, sondern auch den Vater, ja die ganze, Familie betreffe. Nachdem ich ihr den Artikel, aus Belgien vorgelesen hatte, äußerte sie keinerlei Unmut. Erst als ich fragte, was ich denn nun dem Freunde schreiben solle und wie man der Zeitung entgegnen könne, nahm sie Stellung: "Ich habe den Heiland schon so oft gebeten, er möge doch diese Nahrungslosigkeit von mir nehmen. Denn die Leute glauben's ja sowieso nicht. Im Übrigen bedeutet der Verzicht auf Essen und Trinken für mich kein Opfer. Auch empfinde ich nie Appetit, wenn ich andere Leute essen sehe. Trotzdem werde ich deswegen immer wieder grundlos angefeindet. Der Heiland hat meine Bitte bisher nicht erhört." Vom Opfer war die Rede. Was nämlich für Therese Neumann im Alltag nicht irgendwie den Charakter des Opfers hatte, erschien ihr zweitrangig. Zu der geforderten Untersuchung bemerkte sie, daß sie ja schon einmal überprüft worden sei. "Grundsätzlich", sagte sie, "bin ich nicht gegen eine zweite Untersuchung, aber ich habe Angst vor den Ärzten." Diese Angst bezog sich nicht auf mögliche Schmerzen oder andere Unannehmlichkeiten in einem Krankenhaus. Die Aussage der Stigmatisierten ließ klar erkennen, daß sie rein "ästhetischen" Überlegungen folgte, wenn sie die vorgeschlagene Einlieferung in eine Klinik ablehnte. Als einmal zwei Geistliche in höherem Auftrag versuchten, Therese zu einem Klinikaufenthalt zu überreden, ihr aber nahelegten, den Verwandten zu sagen, sie verbringe nur irgendwo einen "Urlaub", da wurde der Vater (mit Recht!) böse und wies den beiden "Abgesandten" die Tür.

"Warum muß ich denn überhaupt nahrungslos leben?" fragte Therese Neumann. Ich darauf: "Ich bin Überzeugt, daß nicht die Nahrungslosigkeit an sich Verwunderung auslöst, sondern mehr doch jene unsichtbare Speise, von der Sie tatsächlich leben. Ich meine den eucharistischen Christus. Dieser ist doch Ihr Lebensprinzip und Ihre Lebensmitte. " Da blickte sie erstaunt auf und schwieg. So als ob ich ihr etwas ganz Neues, ihr bisher verborgen Gebliebenes gesagt hätte. Oder - wahrscheinlicher - so, als hätte ich das Selbstverständlichste ihrer mystischen Existenz berührt, darüber man gar nicht zu reden brauche. Als hätte ich etwa von der allgegenwärtigen irdischen Lebensluft gesprochen, ohne die jeder Organismus zugrunde geht. Sie lebte in der Tat ausschließlich vom eucharistischen Brot, das man ihr täglich reichte. Und das fünfunddreißig Jahre lang. Jetzt mußte ich mich geschlagen geben. Aus welcher "Quelle" sonst hätte ich mehr Gewißheit schöpfen können?

Dennoch gab ich mich noch nicht ganz zufrieden. Nachdem ich das Neumann-Haus verlassen hatte,. sprach ich bei Pfarrer Naber vor und setzte ihn ebenfalls Über die Auslassungen der belgischen Zeitung in Kenntnis. Da kam es nun zu keiner ausgedehnten Diskussion von Einzelfragen, die der Artikel zur Debatte gestellt hatte. Naber äußerte sich vielmehr in gewohnter Klarheit so: "Wenn ich die mehr als dreißig Jahre währende Nahrungslosigkeit der Therese Neumann öffentlich, offiziell, vor einem weltlichen oder kirchlichen Gericht etwa, bezeugen müßte, so würde ich dafür mit meinem Leben einstehen." Ein solches Wort hat Gewicht. Zumal wenn es aus dem Munde eines so edlen, lauteren und wahrheitsbewussten Zeugen kommt. Pfarrer Naber war der Mystik von Konnersreuth keineswegs "verfallen", so als gäbe es für ihn, darüber hinaus nichts Höheres mehr zu bedenken. Vielmehr bewunderte ich an ihm immer wieder auch den souverän-kritischen Geist, mit dem er den Ereignissen gegenübertrat. Seine Grundhaltung war Gelassenheit.

Nun liegt es nahe, den Leser in jenes Mysterium einzuführen, von dem her sich das Leben der Therese Neumann erst in seiner ganzen Tiefe und, Eigentlichkeit erschließt. Ich meine ihre Beziehung zur Eucharistie und zum eucharistischen Christus. Für nicht oder nur unzureichend mit der katholischen Theologie vertraute Leser sei angemerkt, daß die Lehre von der bleibenden Gegenwart des Herrn nach den sogenannten Wandlungsworten über Brot und Wein in der Meßfeier zum Dogmenbestand der katholischen Kirche gehört. Das war für Therese Neumann unbezweifelbare Glaubensgewißheit. Doch sie hatte die Glaubensschwelle längst Überschritten, denn der gegenwärtige Christus war ihr real erfahrbar geworden. Wie sehr ihr das, absolute Gespür für den sakramentalen Christus zuerkannt werden muß, mögen ein paar Beispiele deutlich machen. Pfarrer Naber hat sie mir überliefert.

Hielt sich Therese in einer ihr völlig unbekannten Gegend oder in einer fremden Stadt auf, so konnte sie, wenn eine Kirche in Sicht kam, genau angeben, ob es sich um ein katholisches Gotteshaus oder um die Kirche einer anderen Religionsgemeinschaft handle. In katholischen Kirchen wird nämlich, meist an wenig auffälliger Stelle, in einem Tabernakel das Allerheiligste aufbewahrt. In Kirchen mit vielen Altären fand Therese ohne Hinleitung, geradezu magisch angezogen, den Weg dorthin. Viele Überraschte sie, mit der Feststellung, daß sie kommuniziert hätten. Einen Priester, der sich als Besucher in Konnersreuth aufhielt, überführte sie, daß er eine konsekrierte Hostie mit sich trage. Der seltsame Geistliche hatte sie zwischen die Seiten seines Breviers gelegt. Ein Handwerker, der im Neumann-Haus mit Reparaturen beschäftigt war, wollte die Probe aufs Exempel machen. Er scheute sich nicht, irgendwo zu kommunizieren, die Hostie heimlich aus dem Mund zu nehmen und sie in einem Briefumschlag an Pfarrer Naber zu schicken. Im Pfarrhaus traf täglich viel Post ein. Als Pfarrer Naber eines Tages eben mit dem Offnen der Briefe begonnen hatte, betrat Therese Neumann den Raum. Sie zuckte zusammen. "Der Heiland ist hier", rief sie aus. Dies sei ausgeschlossen, da irre sie sich, erwiderte der Pfarrer. Therese aber blieb beharrlich bei ihrer Behauptung. Und sie tat recht. Denn wenig später kam in einem der Briefe eine Hostie zum Vorschein, mit der jener Handwerker frevelnd zu experimentieren unternommen hatte. Es ist übrigens nachgewiesen, daß in der Stigmatisierten die Hostie nicht sofort verdaut wurde, sondern bis zum nächsten Kommunionempfang am folgenden Tag erhalten blieb. Man hat sie deshalb nicht zu Unrecht als lebendigen Tabernakel bezeichnet. Gerade im Zusammenhang mit ihren Kommunionen gäbe es noch viel Eigenartiges und Wunderbares zu berichten.

Dennoch: Gerade die angebliche jahrelange Nahrungslosigkeit und die Behauptung, daß sie ausschließlich vom eucharistischen Brot gelebt hat, nehmen auch heute noch viele zum Anlaß, um Therese Neumann abzulehnen und sie des Betrugs zu bezichtigen. Da halte ich es schon lieber mit Sigismund von Radecki, einem einst vielbeachteten Schriftsteller, Feuilletonisten und Übersetzer, der von 1891 bis 1970 gelebt hat. In einem Beitrag zu den Konnersreuther Vorgängen charakterisiert er Therese Neumann so: "Die reine Betrugshypothese erledigt sich von selbst dadurch, daß sie das Unerklärliche noch weit unerklärlicher macht. Denn ehe ich annehme, daß ein einfaches Bauernmädchen gleichzeitig die kompliziertesten Wunden heimlich frisch erhält, sie rechtzeitig bluten läßt, schon zehn Jahre lang unter falschen Beichten und unwürdigen Kommunionen Nahrungslosigkeit vortäuscht, die archäologisch exaktesten Visionen mimt, die genauesten Symptome qualvoller Sühneleiden produziert, dabei hellseherisches Wissen bezeigt, wie es auch ein ganzes Spionagebüro nicht beistellen könnte, und dazu noch mit Sprachcharismen in aramäischer, griechischer, französischer und provenzalischer Sprache die gewiegtesten Philologen verblüfft - ehe ich diese Denkungeheuerlichkeit annehme, glaube ich schon lieber, daß sie alles durch ihre Frömmigkeit von Gott hat. Wie sie's selber sagt."

Der Leser wird in Thereses Lebensgeschichte, wie sie bisher beschrieben wurde, einen wichtigen Abschnitt vermißt haben und mit Recht fragen, wie sie denn jene zwölf dunklen Jahre unserer vaterländischen Geschichte durchstanden habe, als Adolf Hitler auf dem Höhepunkt seiner Macht auch dem Christentum den offenen Kampf angesagt hatte. Ganz gewiß hätte er den Versuch gewagt, alles Christliche zugunsten seiner "völkischen" Weltanschauung "auszurotten falls er im Zweiten Weltkrieg als Sieger hervorgegangen wäre. Doch es kam ganz anders. Gerade zum 40. Jahrestag der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 versuchte ich jene Jahre zu beschreiben, als Therese Neumann schonungslos den Intrigen der Nationalsozialisten ausgesetzt war. Man mißtraute ihr und ihrem Freundeskreis. Ständige Beobachtung durch Polizei und Gestapo war die Folge. Am 30. März 1985 veröffentlichte ich nach umfangreichen Nachforschungen einen Artikel, den ich so Überschrieb: "Therese Neumann und das Dritte Reich - Am 20. April 1945 brannte Konnersreuth". Ich gebe den Beitrag im folgenden ungekürzt wieder:

Noch herrscht bei den Deutschen weithin Ratlosigkeit, wie sie den 40. Jahrestag der Kapitulation am 8. Mai 1945 begehen sollen. War dieser Tag ein Unglücksdatum oder entließ er nicht vielmehr das deutsche Volk in die längst ersehnte Freiheit? Markierte dieser 8. Mai nicht das Ende einer unseligen Diktatur, die Europa erobern und seine Völker unterjochen wollte? Beweisen nicht die ungezählten Kriegstoten, die sechs Millionen hingemordeter Juden und das nahezu total zerstörte Vaterland das Verbrechen eines Regimes, das in maßloser Überheblichkeit ein tausendjähriges Reich begründen wollte? Der Zweite Weltkrieg suchte jedoch nicht nur die großen Städte und die Rüstungszentren heim, auch militärisch und strategisch völlig unbedeutende Orte und Dörfer wurden schließlich zum Kriegsschauplatz. Der "totale Krieg" war ja ausgerufen worden. Sinnloser Widerstand der Deutschen hatte zur Folge, daß die Kriegsfurie auch in noch unversehrte Gegenden einbrach. Auch den kleinen Markt Konnersreuth an der tschechisch-bayerischen Landesgrenze ließ sie nicht verschont. Der Ort wurde weithin zerstört, viele Häuser brannten nieder, die Bewohner gerieten in Panik.

In diesem Marktflecken war ein Kind, ein Mädchen herangewachsen, das später viel von sich reden machen sollte-. Therese Neumann. Sie hatte unter Lebensgefahr nicht nur die folgenschwere Beschießung von Konnersreuth erlebt, sondern, nicht minder bedroht,' auch die vorausgegangenen zwölf Jahre der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft durchlitten. Von dieser düstersten Zeit der deutschen Geschichte soll hier die Rede sein. Doch nicht umfassend historisch, sondern aus der Perspektive einer Frau, an der Seltsames, Unerklärliches, Unerwartetes geschehen ist. Nach der plötzlichen Heilung von jahrelanger Blindheit und Lähmung zeigten sich an ihrem Leibe die Wundmale Christi (Stigmatisation), erschütterten sie geheimnisvolle Schauungen, folgte sie mystisch dem Herrn auf seinem Leidensweg und litt seine Passion, besonders an den Karfreitagen, körperlich mit. Sie blutete aus allen Wunden. Diese Wunderzeichen hatten sich bald herumgesprochen. Aus aller Welt kamen Gläubige und Neugierige, um das Ereignis der Passion aus nächster Nähe zu sehen. Unter den Konnersreuth-Pilgern waren schon damals viele Amerikaner. Konnersreuth wurde zu einem internationalen Anziehungspunkt.

Über diese außergewöhnlichen Vorgänge mußte damals immer wieder das Bezirksamt (heute Landratsamt), die übergeordnete Behörde in Tirschenreuth, informiert werden. Schon am 14. April 1926 berichtete der Konnersreuther Gendarmerie-Stationskommandant: "Seit ungefähr acht Tagen strömen aus allen Gegenden, aus nah und fern, Leute herbei, welche die Neumann sehen wollen. Es kommen täglich bis zu zweihundert Leute, aus besseren Ständen und aus Arbeiterkreisen, welche die Neumann besichtigen. Es kommen nicht nur Katholiken, besonders auch Protestanten, Leute aus München, Regensburg, ,Würzburg, sogar von Berlin. Besonders aus der Tschechei zeigen die Leute sehr viel Interesse an der, Neumann. Wie nun die Sache steht, darüber läßt sich ein sicheres Urteil nicht abgeben. Es steht nur das eine fest, daß die Neumann eine sehr christliche Person ist und daß sie von ihren Leiden auf wunderbare Weise geheilt worden ist." Natürlich entfachten die ungewöhnlichen Phänomene an Therese Neumann sofort eine weltweite Diskussion unter Theologen, Ärzten und Psychologen. Während die einen vom übernatürlichen Charakter dieser Erscheinungen Überzeugt waren, erklärten sie andere als hysterisch bedingt oder gar als Betrug. Wieder andere überwältigten Haßgefühle. 1927 wurde Therese in einem Brief angedroht, man werde ihr Haus in Brand stecken und ihren Seelsorger, Pfarrer Josef Naber, lynchen, wenn sie den Schwindel nicht bis zum 19. September 1927 aufdecke. Doch es blieb beim Brief. Die angekündigte Untat geschah nicht.

Konnersreuth blieb nach wie vor Zielpunkt vieler Menschen aus aller Welt. Von Jahr zu Jahr nahm die Zahl der Besucher zu. Unter ihnen waren Gläubige und Ungläubige, am Glauben Gescheiterte und Skeptiker aller Schattierungen. Für Therese Neumann änderte sich die Lage jedoch schlagartig, als Hitler 1933 an die Macht kam. Den Nationalsozialisten erschien Konnersreuth von vornherein verdächtig. Dem Markt galt daher ihre besondere Aufmerksamkeit. In einem Bericht der örtlichen Gendarmeriestation vom 1. Juli .1933 an den Vorstand des Bezirksamtes ist zu lesen: "Am 26. Juni 1933 wurde die hiesige Station durch den Sonderkommissar des Bezirksamtes Tirschenreuth telefonisch beauftragt, umgehend im Benehmen mit der SA bei mehreren Personen in Konnersreuth, darunter auch im Hause Neumann und bei den beiden Geistlichen, Durchsuchungen vorzunehmen. Diese Durchsuchungen erfolgten auf Anordnung der Regierung. Die angeordneten Durchsuchungen wurden formgerecht und mit größtmöglicher Schonung der einzelnen Persönlichkeiten getätigt. Im Hause Neumann waren die Beamten mehrfach sehr abfälligen - und spitzen Bemerkungen seitens des Hausvorstandes und einzelner Familienmitglieder ausgesetzt. Neumann mußte von mir einige Male aufgefordert werden, seine durchsichtigen, spitzen Bemerkungen zu unterlassen."

Vater Neumann war sich darüber im klaren, daß Vorsicht geboten sei, um dem Zugriff der neuen Machthaber zu entgehen. Die Zeit schien gefährlich. Das Haus und seine Besucher wurden von nun an buchstäblich Überwacht. Dies geht aus einem Bericht des Stationsleiters vom 19. August 1934 an das Bezirksamt hervor: "Auftragsgemäß habe ich über die in letzter Zeit in Konnersreuth kursierenden Gerüchte Über hohen ausländischen Besuch Erhebungen gepflogen. Es konnte jedoch nicht festgestellt werden, ob die in Frage kommenden Personen tatsächlich hier waren. Feststellen konnte ich, daß ein päpstlicher Abgesandter, glaublich Erzbischof Hess, sich in Begleitung von Italienern hier befand. Es war dies am Freitag und Samstag, dem 3. und 4. August 1934. Weiterhin waren noch Fürst Waldburg und Dr. Mittendorfer, letzterer aus München, hier anwesend. Soeben wurde mir mitgeteilt, daß die ehemalige Sekretärin des Dr. Gerlich heute Nachmittag in Konnersreuth eingetroffen und im Pfarrhof abgestiegen ist." Auch die jeweiligen Aufenthalte der Stigmatisierten, wurden genau registriert. Polizeibericht vom 16. Dezember 1934: ..während der besagten Zeit, und zwar im September, habe sie (Therese Neumann) mit ihren

Geschwistern und Herrn Professor Wutz mittels Personenkraftwagen einen etwa sechstägigen Ausflug in die Schweizer Berge gemacht. In Italien sei sie nicht gewesen. Die Therese Neumann habe nicht im Sinne, Deutschland zu verlassen beziehungsweise ihren Wohnsitz ins Ausland zu verlegen." Da ausländische Zeitungen berichtet hatten, Vater Neumann sei in ein Konzentrationslager eingeliefert worden, stellte der Stationsvorsteher fest, daß diese Behauptung frei erfunden sei. Im Übrigen habe sich dieser keiner Handlung schuldig gemacht, die eine Internierung gerechtfertigt hätte.

Dennoch wurde die Überwachung der Stigmatisierten und ihres Geburtshauses ' verstärkt. Die Nazis witterten Gefahr. Mehr denn je war ihnen die "Resl" ein Dorn im Auge. Konnersreuth könne ja, so befürchteten sie, durchaus zum Ausgangspunkt einer politischen Konspiration oder eines Komplotts gegen das neue Regime werden.

Diese Überlegungen bewogen die verantwortlichen Parteifunktionäre sogar, den Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Josef Goebbels in Berlin, über die Situation in Kenntnis zu setzen. In einem amtlichen Schreiben vom 17. Juni 1935 an den Minister heißt es unter anderem: "In Konnersreuth sind bereits Hausdurchsuchungen wegen der politischen Betätigung durchgeführt worden, so zum Beispiel auch bei Neumann, deren Vater Gemeinderatsmitglied und Angehöriger der Bayerischen Volkspartei gewesen ist. Mit der Konnersreuther Angelegenheit hat sich auch bereits die Geheime Staatspolizei München beschäftigt. Es wäre vielleicht auch für das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda von Wichtigkeit, über die Konnersreuther Verhältnisse Näheres zu erfahren. Es wäre unbedingt - vielleicht durch die Geheime Staatspolizei - zu veranlassen, die Sache nochmals aufzugreifen. "

Goebbels reagierte prompt. Unverzüglich schaltete er die Gestapo München ein. An das Bezirksamt erging folgende Weisung: "Über die politischen Verhältnisse in Konnersreuth seit der nationalen Erhebung ist unter Bezugnahme auf das anliegende, Schreiben der Landesstelle der Bayerischen Ostmark des Reichspropaganda-Ministeriums umgehend zusammenfassend zu berichten. In dem Bericht sind besonders auch die durch den dortigen Amtsvorstand gemachten Wahrnehmungen über den sogenannten Konnersreuther Kreis, in deren Mittelpunkt die Familie Neumann steht, aufzunehmen. Ferner ist festzustellen, welche polizeilichen Maßnahmen (Suchung bei Ferdinand Neumann, im Zimmer von dessen Tochter Therese Neumann, Bestrafung des Neumann wegen Berufsbeleidigung usw.) getroffen wurden. Wer ist der sogenannte Konnersreuther Kreis? Ist Ferdinand Neumann dabei führend tätig? Von wem gehen etwaige staatsfeindliche Betätigungen aus? "

Intensiven geheimpolizeilichen Ermittlungen gelang es, die jenem "Konnersreuther Kreis" angehörenden Personen wenigstens teilweise auszumachen., Zu ihm zählten Theologen, Pfarrer, Ärzte und Adelige aus allen Teilen des Reiches. Dieser "Kreis" hegte keine vordergründig politischen Ambitionen. Es handelte sich vielmehr um Persönlichkeiten, die sich von den mystischen Vorgängen in Konnersreuth zutiefst betroffen wußten und um theologische oder wissenschaftliche Deutung jener Phänomene bemüht waren. Auch der ehemalige Chefredakteur der, "Münchner Neuesten Nachrichten", Dr. Fritz Michael Gerlich, zählte zu diesem Personenkreis. (Die Nationalsozialisten ermordeten ihn wegen seiner Gesinnungstreue am 30. Juni 1934 im Konzentrationslager Dachau.)

In diesen Zusammenhang gehört die folgende amtliche Mitteilung an die Gestapo: "...trotzdem geriet sie (Therese Neumann) bei Gelegenheit des nationalen Umsturzes vom Jahr 1933 in den Verdacht politischer Umtriebe. Ich vermute - in diesem Sinne hat sich auch einmal der frühere Sonderkommissar mir gegenüber ausgesprochen -, daß dies darauf zurückzuführen ist, daß der Schriftsteller Dr. Gerlich aus München, der seinerzeit den Geraden Weg herausgab und später im Zusammenhang mit den Ereignissen vom 30. Juni 1934 erschossen worden sein soll, viel bei der Resl verkehrte. Er hat ja auch ein Buch über sie geschrieben." Gerlich war, von den Ereignissen in Konnersreuth überwältigt, zum Katholizismus übergetreten. Mit äußerstem Argwohn beobachteten die Nazis natürlich den nach wie vor anhaltenden Besuch von Ausländern. in Konnersreuth. Im besagten Brief an die Adresse der Gestapo wird behutsam angeraten: "Das Ausland hat für die Vorgänge in Konnersreuth starkes Interesse. Auch in dieser Hinsicht dürfte eine gewisse Umsicht am Platze sein, damit nicht wieder Anlaß zu Hetzereien gegen Deutschland geboten wird." Die NS-Ideologen verstanden Mystik, ja christliche Religion Überhaupt, als Politikum.

Und so ging es fort. Man sagte Therese schließlich nach, sie habe einen unmittelbar bevorstehenden Weltkrieg prophezeit und - Jahre später - das baldige Ende des nun tatsächlich ausgebrochenen Krieges vorausgesagt. Der Regierungspräsident von Niederbayern und der Oberpfalz, ein hoher Parteifunktionär, zeigte sich empört. Dem Bezirksamt Tirschenreuth schrieb er am 10. August 1938: "Therese Neumann von Konnersreuth soll für den 28. August oder für September den Ausbruch eines Weltkrieges prophezeit haben. Da dem Vernehmen nach hiedurch Verängstigung hervorgerufen worden ist, wolle, dem Unfug nachgegangen und allenfalls das Weitere veranlaßt werden." Therese distanzierte sich von diesen Gerüchten. Doch der Verdacht der Parteigewaltigen blieb. Im Februar 1937 hatte man vorsichtshalber Thereses Reisepaß eingezogen. Da sie bekanntlich nahrungslos lebte, verweigerte ihr das zuständige Amt während des Krieges die Lebensmittelkarten.

Das Jahr 1945 näherte sich. Der Krieg war längst verloren. Der Übermacht der Alliierten vermochten die Deutschen nicht mehr zu widerstehen. Doch Hitler gab nicht auf. Sinnlos wurde weitergekämpft, weiterzerstört, weitergemordet. Die Front rückte immer naher. Auch die Heimat wurde nun mit Krieg Überzogen. Jeder .kleinste Ort sollte verteidigt werden. Auch Konnersreuth. Den Ort hatte in den Apriltagen des Jahres 1945 eine SS-Einheit besetzt. Die in den Häusern einquartierten Soldaten hatten den Auftrag, den Markt unter allen Umständen vor den heranrückenden amerikanischen Truppen zu verteidigen. Die aber standen bereits "vor den Toren" des Ortes. Dem "Führerbefehl" stur gehorchend, versuchten die SS-Männer, die Stellung zu halten. Namenloses Unheil brach über Konnersreuth herein, als die SS versuchte, ein über dem Ort operierendes US-Aufklärungsflugzeug abzuschießen. Nun mußten die Amerikaner zum Angriff Übergehen, obwohl ihnen aufgetragen war, den Markt mit ,Rücksicht auf die Stigmatisierte zu schonen. Angriff und Gegenwehr .wirkten sich so verheerend aus, daß 29 Anwesen niederbrannten und viele andere Gebäude, auch die Pfarrkirche, durch Geschosseinwirkung schwer beschädigt wurden. Zahlreiche Einwohner flohen in benachbarte Ortschaften oder in die umliegenden Wälder. Dennoch gab es zwei Tote. Therese Neumann hatte man damals nahegelegt, Konnersreuth zu verlassen. Sie darauf: ich bleibe bei den Meinen." Am Tag der Beschießung, dem 20. April 1945 ("Führers" Geburtstag!), suchte sie mit Pfarrer Naber, mehreren Kindern und anderen Konnersreuthern Schutz im Kellerraum des Pfarrstadels. Nachdem das alte Holzgebäude durch eine Bombe in Brand geraten war, floh sie mit den Kindern durch ein Kellerfenster ins Freie. Alle konnten sich retten.

Die SS-Truppe hatte längst das Weite gesucht, als die Amerikaner in das halbzerstörte, brennende Konnersreuth einzogen. Ihr leitender Offizier erkundigte sich sofort nach Therese Neumann, besuchte sie und zeigte ihr seine strategische Karte, auf der die Ortschaft Konnersreuth mit roter Farbe eingekreist war. Dies bedeutete, daß der Markt nach Möglichkeit zu schonen und vor Schaden zu bewahren sei. Die Amerikaner wußten ja längst, welch wahrhaft weltbewegende Dinge sich in Konnersreuth ereignet hatten. Die Soldaten zögerten daher nicht, der von den Kampfhandlungen so schrecklich betroffenen Bevölkerung, wenn auch nur notdürftig, zu helfen. Therese Neumann übergaben sie vor allem Medikamente, Verbandszeug und Seife. Die Freundschaft der Amerikaner mit der Stigmatisierten hatte sich bis zu ihrem Lebensende unvermindert erhalten.

Bevor sich der irdische Lebenskreis der Stigmatisierten schloß, hatte ich noch zwei Begegnungen notiert, die mir bemerkenswert erschienen. Am 19. März 1960 ließ mich Therese Neumann nach Konnersreuth rufen. Es war Samstag, Josefi, Namenstag ihres Seelsorgers. Sie schien vom Leiden am Vortag noch sehr mitgenommen. Wieder einmal war der Karfreitag Thema unseres Gesprächs. Ihr Wunsch ging wiederum dahin, daß am bevorstehenden Karfreitag nur wenige, am besten gar keine Menschen kämen, um sie anzustaunen. Ich möge doch in diesem Sinne wieder in der Zeitung schreiben und auch den Bayerischen Rundfunk verständigen. Therese wies auf ein Schubfach ihres Schreibtischchens: "Machen Sie es doch auf!" Ich fand darin meinen Artikel vom Vorjahr. Sie hatte ihn offensichtlich schon bereitgelegt. So oder ähnlich, meinte sie, möge ich schreiben. "Der Karfreitag. in Konnersreuth darf doch kein Kapplfest", das heißt, "kein Volksfest werden!" Ich sagte zu.

Trotz ihres sichtlich geschwächten Körpers ließ sich Therese nicht abhalten, mir noch weitere Anliegen, die sie besorgt sein ließen, vorzutragen. So äußerte sie ihren Unmut Über ungerufene und unberufene Leute, die sie zu fotografieren suchten, dann die Aufnahmen ohne ihre Zustimmung überallhin verbreiteten , und mit den Bildern Geschäfte machten. Sie deutete an, daß man in einem bestimmten Fall mit Strafanzeige vorgehen werde. Dann betrat Pfarrer Naber das Zimmer. Er begrüßte mich - wie immer - überaus, herzlich, bevor ich ihn zu seinem Namenstag. beglückwünschen konnte. Das Gespräch nahm seinen Fortgang. Es dauerte nicht lange, da waren wir schon wieder bei Pius XII. angelangt, den Therese einfach nicht vergessen konnte. Ich stimmte ihrer Hochschätzung dieses Papstes zu und fragte sie dann, ob sie auch wisse, wie denn der ewige Richter diesem Papst nach seinem Tod begegnet sei, da sie doch sein Sterben miterlebt habe. "Ich weiß", sagte Therese, "daß er sofort in den Himmel gekommen ist ." Pius XII. war 1958 gestorben.

Desweiteren erfuhr ich, daß Pfarrer Naber im Mai resignieren will. Therese habe deswegen beim Bischof vorgesprochen. Der aber wünsche, daß Naber trotz seines hohen Alters der Seelsorge erhalten bleibe. Therese ist immer noch traurig über den Tod des Vaters und. ihrer Schwester Ottilie. Pfarrer Naber machte mir den Eindruck von Kränklichkeit. Dennoch hatte er am Vormittag in der Kirche das Hochamt gefeiert und die Nachmittagsandacht gehalten. Als ich das Neumann-Haus verließ, vernahm ich das fröhliche Gezwitscher vieler Stubenvögel, die. Therese vorab als Geschöpfe Gottes und freundliche Lebensbegleiter versteht. Im unteren Wohnzimmer entdeckte ich einen prächtigen Kreuzschnabel.

Der Karfreitag 1962 ist insofern von besonderer Bedeutung, als er der letzte war, den Therese durchlitten hat. Auch diesmal durften keine Fremden das Leidenszimmer betreten, denn die Stigmatisierte lag schwerkrank darnieder. Ich durfte sie sehen. Sie erschien mir wie eine Sterbende. Ihr Atem ging schwer'. Sie leide an Muskelrheuma und Herzbeschwerden und habe rasende Schmerzen zu ertragen, sagte 'mir Pfarrer Naber. Sie sei kaum imstande, Hände und Arme auch nur ein wenig Über die Bettdecke zu erheben. Ihr Zustand sei in einem Maße bedenklich, daß sie wohl erst nach einigen Wochen wieder Besucher werde empfangen können. "Auch Pfarrer Naber", so notierte ich, "macht mir den Eindruck, daß er sehr schwächlich ist. Er verfällt mehr und mehr. Wie lange er wohl noch leben wird?" Der Priester ließ mich wissen, daß Therese schon an' den Freitagen der Fastenzeit so krank gewesen sei, daß man ihren Tod habe befürchten müssen. An diesem Karfreitag habe sie die Passion Jesu deshalb nur teilweise schauen dürfen.

Trotz aller Aufrufe in Presse und Rundfunk, von Reisen nach Konnersreuth Abstand zu nehmen, warteten dennoch vor dem Neumann-Haus etwa fünfhundert Personen, die Einlaß begehrten, unter ihnen auch Gäste aus Belgien und dem Saarland. Pfarrer Naber gelang es nur mit Mühe, sie davon zu überzeugen, daß diesmal unter keinen Umständen Besucher vorgelassen werden könnten. Manche von ihnen beschlossen daher, die Osterfeiertage in Konnersreuth zu verbringen, in der Hoffnung, Therese dann bestimmt sehen zu können. Schließlich hatte ich mir aufgeschrieben, daß Pfarrer Naber den ganzen Winter über sein Haus nicht verlassen und vom Bischof die Erlaubnis erhalten hat, die Eucharistie in seiner Wohnung feiern zu dürfen.

19. September 1962. Therese Neumann starb Überraschend um die Mittagsstunde des 18. September 1962, vierundsechzigjährig, in Konnersreuth. Todesursache war ein Herzinfarkt. In meinem ersten Zeitungsbericht hieß es neben anderem: Therese Neumann ist nicht mehr. Sie starb am gestrigen Dienstag. Konnersreuth trauert und mit ihm die Bevölkerung des ganzen Landkreises. Nicht minder betroffen wissen sich ungezählte Gläubige in aller Welt, die seit mehr als dreißig Jahren nach Konnersreuth gepilgert waren. Der Ort hatte Glaubende wie Zweifler angezogen. Auch Wissenschaftler vieler Fachrichtungen nahmen sich der Phänomene an und versuchten Erklärungen und Deutungen. Die katholische Kirche enthielt sich bisher einer offiziellen Stellungnahme, obwohl sich Pius XI. und sein Nachfolger Pius XII. der Stigmatisierten gegenüber denkbar wohlwollend verhalten hatten. Therese Neumann war in aller Welt bekannt. An jedem Karfreitag strömten Tausende aus allen Weltgegenden nach Konnersreuth, um die Stigmatisierte in ihrer Leidensekstase zu sehen. Nicht wenige schieden von diesem Leidenslager mit seelischen Erschütterungen, die ihr Leben veränderten. Viele begegneten dort Christus neu oder fanden ihn wieder. Andere kehrten beglückt heim im Bewußtsein, daß sich der Gekreuzigte auch heute noch in sichtbaren Zeichen offenbart. Wieder andere erklärten die Phänomene als krankhafte, durch unbewußte Kräfte ausgelöste Zustände. Die Diskussion um Konnersreuth ist noch lange nicht abgeschlossen. Sie wird neu aufleben und zur Stellungnahme herausfordern. Zu einem letzten Verstehen allerdings wird nur der Glaubende hinfinden, mag sein Urteil auch der wissenschaftlichen Begründung entbehren.

20. September 1962. Der Tod der Therese Neumann ist nach wie vor Tagesgespräch. Die Zeitungen des In- und Auslandes berichten unter großen Schlagzeilen ausführlich über das Ereignis. Viele Verehrer der Stigmatisierten wollen es nicht glauben, daß sie tot ist. Sie rufen an, um sich die Meldung bestätigen zu lassen. Sogar aus Japan und den Vereinigten Staaten treffen Telegramme ein. In Konnersreuth nimmt der Zustrom derer, die Therese Neumann ein letztes Mal sehen wollen, ständig zu. Sie kommen in Omnibussen auch aus entfernt liegenden Gegenden. In sichtlicher Ergriffenheit nehmen sie Abschied.

20. September 1962: Pfarrer Josef Schuhmann schickte sich soeben an, sein Nachtlager aufzusuchen, als wir spät nach Redaktionsschluß Konnersreuth erreichten, um den Angehörigen der verstorbenen Therese Neumann einen Kondolenzbesuch abzustatten. Es war kalt. Im Ort wachte kaum noch jemand. Auch im Haus der Stigmatisierten waren nur die Fenster der kleinen Küche erleuchtet. Eben verließen die letzten Gäste das benachbarte Wirtshaus. In Neumanns warmer Küche hatten sich viele Verwandte der Heimgegangenen versammelt. Es herrschte gedrückte Stimmung. Sie alle konnten einfach nicht glauben, daß Therese nicht mehr unter den Lebenden weilen sollte. "Sie sieht auf dem Sterbelager ebenso aus", meinte Thereses Schwester Maria, die Haushälterin des Pfarrers Josef Naber, "wie jedesmal nach ihrem Erleben der Passion des Herrn, wenn sie den Tod Jesu geschaut hat und dann' in einen todähnlichen Schlaf versunken ist.

Therese Neumann lag im kleinen Wohnzimmer ihres Geburtshauses aufgebahrt.

Wir haben sie in diesem Zustand schon so oft gesehen. Nun sind wir alle Überrascht, daß sie jetzt nicht mehr zum Leben erwachen sollte. Tatsächlich macht Therese den Eindruck einer Lebenden. Man könnte meinen, sie schlafe. Über ihr Haupt hat man ein weißes Tuch gebreitet. Man sieht darin große Blutflecken. Marie erklärt, daß es ein Kopftuch von einer früheren Passionsekstase mit starken Blutungen aus den Dornenkronenwunden sei. Die Hände zeigen, wie gewohnt, klar die quadratischen Stigmen, die Male der Nägel. Sie halten, von einem Rosenkranzumwunden, das Sterbekreuz. Das Gesicht - ein friedlicher Anblick. Keine Spur von Todeskampf.. Keine Zeichen auch großer Leiden, obwohl sie gegen Lebensende von starken Schmerzen geplagt war.

Die Ärzte hatten alles versucht, um das schon schwer von einer Herzkrankheit angeschlagene Leben zu erhalten. Herzmassagen. Injektionen und ein erst jüngst von einer Ärztin abgenommenes EKG nützten nichts mehr. Auch der Versuch, eine schmerzlindernde Droge, in Wasser aufgelöst, zu verabreichen, scheiterte, denn der Körper nahm die Flüssigkeit nicht an. Gegen Dienstag mittag riefen die Angehörigen Pfarrer Josef Schuhmann und baten ihn, der Schwerkranken das Sakrament der Todesweihe, die sogenannte letzte Ölung, zu spenden. Schuhmann berichtete, daß der Tod plötzlich eingetreten sei. Zeugen der Todesstunde waren auch Pfarrer Josef Naber, Maria Neumann und ein Arzt. Ob Therese Neumann in ihrer letzten Stunde noch etwas gesagt habe, schien uns wichtig. Pfarrer Naber erklärte, sie habe zwar noch gesprochen, doch so undeutlich, daß man ihre Worte nicht habe verstehen können.

Therese Neumann starb inmitten großer Planungen, die sie bis zuletzt bewegten. Wir berichteten bereits von einer Reise, die sie vor kurzem mit Pfarrer Naber unternommen hatte, um ihren Lieblingsplan, in Konnersreuth ein Kloster erstehen, zu lassen, verwirklichen zu können. Wie Pfarrer Schuhmann wußte, stand das Vorhaben bereits vor seiner Verwirklichung, entscheidend unterstützt vom Regensburger Bischof D r. Rudolf Gräber. Dieser befürwortete ein Anbetungskloster, dessen Angehörige vorab für die Anliegen seiner Diözese beten sollten. Tatsächlich waren bereits vier Regensburger Karmeliterinnen bestimmt, die in das Kloster einziehen sollten. Therese selber hatte Einrichtungsgegenstände für die Kapelle und andere Räume besorgt. "Ihr ganzes Denken und Sorgen", so sagte uns Ferdinand Neumann, ein Bruder der Stigmatisierten, "war in den letzten Tagen ihres Lebens auf den Bau dieses Klosters gerichtet."

Pfarrer Josef Naber an der Totenbahre der Stigmatisierten.

Kein Wunder, wie wir einfügen möchten, denn seit ihren Jugendtagen hatte sich die Heimgegangene mit dem Gedanken getragen, Missionsschwester zu werden. Dazu kam es aber nicht. So wollte sie offensichtlich ihren missionarischen Drang in der Heimat zum Erfolg führen, war sie doch auch maßgeblich an der Begründung der Spätberufenenschule Fockenfeld beteiligt. "Noch in diesem Jahr", sagte Ferdinand Neumann, "sollte mit dem Bau des Klosters begonnen werden."

Nun hat der Tod die Planungen durchkreuzt, und es bleibt abzuwarten, ob der Konnersreuther Klosterbau als letztes Vermächtnis der Heimgegangenen verwirklicht werden kann. Auch am Sühnegebetstag der Diözese, der am 7. Oktober stattfinden sollte, kann sie nicht mehr teilnehmen. Die Fahrt mit Pfarrer Naber nach Regensburg war längst beschlossene Sache. Ebenso entfallen die vorgesehenen Begegnungen mit hohen geistlichen Persönlichkeiten in der Bischofsstadt. Immerhin durfte sie in ihren letzten Tagen noch eine große Freude erleben, nämlich eine Aussprache mit Kurienkardinal Augustin Bea. Der hohe Würdenträger unterhielt sich längere Zeit mit ihr in überaus herzlicher Weise. "Die Unterredung ist gut ausgefallen", hatte sie Pfarrer Schuhmann freudestrahlend erzählt, und Therese konnte sich gar nicht genug tun, immer wieder davon zu berichten. Es will nicht wenig bedeuten, daß der Kardinal eine Erwartung aussprach: "Ich rechne mit Ihrem Gebet für das Konzil.

Schon jetzt beginnt sich abzuzeichnen, welche Beachtung dem Tod der Therese Neumann in der Weltöffentlichkeit entgegengebracht wird. Nicht nur Rundfunk und Fernsehen haben unmittelbar nach ihrem Tod ausführlich Über dieses mystische Leben berichtet, auch die gesamte Weltpresse hat das unerwartete Ereignis eingehend gewürdigt und mit Schlagzeilen hervorgehoben. In, Konnersreuth trifft täglich eine Flut von Kondolenzschreiben - auch aus dem Ausland - ein. Die Zahl der Busse mit Verehrern und Freunden, die Abschied nehmen wollen, nimmt von Tag zu Tag zu.

Therese Neumann ist im Parterre ihres Hauses, im bescheidenen Wohnzimmer der Familie Neumann, aufgebahrt. Das Totenlager schmücken viel frisches Grün, bunte Herbstblumen und honiggelbe Kerzen, die sie so sehr geliebt hat. Am Samstag wird Therese beigesetzt. Als letzten Ruheort wählte man eine Gruft nahe dem großen Friedhofskreuz, zu dem sie immer wieder liebend, dankend und fürbittend aufgeblickt hat. Ihr Leben stand ja im Zeichen des Kreuzes. Auch ihr Tod, den - wie an jedem Karfreitag ihres Lebens - ganz gewiß die Glorie des auferstandenen Herrn überstrahlt hat. Bis zur Beisetzung am Samstag verging kein Abend, an dem ich nicht nach Konnersreuth gefahren war, um mich, der journalistischen Pflicht genügend, dort umzusehen. Bis in den späten Abend hinein zogen Trauernde an der Bahre vorüber, um sich von der Heimgegangenen mit einem letzten Blick zu verabschieden. Doch niemand durfte das Zimmer betreten. Denn man hätte kaum verhindern können, daß sich nicht wenige Besucher um ein "Andenken" , eine "Reliquie", sei's auch nur in Form einer Blume oder Blüte, bemüht haben würden. Dagegen war Vorkehrung getroffen worden. In die verschlossene Türe, die zum Wohnzimmer führt, hatte man nämlich eine große Glasscheibe eingelassen, die eine ausreichende Sicht auf die Verstorbene ermöglichte.

Therese Neumann war vier Tage und vier Nächte lang in dem kleinen Wohnzimmer ihres Geburtshauses aufgebahrt. Täglich besuchte ich die Verwandten, um mich zu erkundigen, ob sich vielleicht Außerordentliches ereignet oder unerwarteter Besuch angesagt habe. Die Ruhe des Hauses störten immer wieder Journalisten aus aller Welt, vor allem Fotografen, die ihren Redaktionen möglichst eindrucksvolle Bilder zu liefern beauftragt waren. Ihr Treffpunkt war ein unweit des Neumann-Hauses gelegener Gasthof. Als ich eines Abends dort einkehrte, kamen sie sofort auf mich zu, denn sie hatten beobachtet, daß ich zu so später Stunde eben das Haus der Stigmatisierten verlassen hatte. Nun bestürmten sie mich mit tausend Fragen, vor allem, nachdem sie erfahren hatten, daß ich ihrer "Zunft" angehöre. Gleichzeitig machten sie ihrem Mißmut darüber Luft, daß man sie nicht unmittelbar am Leichnam, sondern nur durch das Glasfenster hindurch fotografieren lasse. Ob ich ihnen denn nicht helfen könne? Den Vertretern zweier bedeutender, Blätter vermochte ich schließlich nach einem längeren Vorgespräch mit den Verwandten doch den Zugang an die Bahre zu ermöglichen: einem Team der populärsten Illustrierten von Paris und einem weitverbreiteten deutschen Magazin.

Samstag, 22. September 1962. Beisetzungstag der Therese Neumann. Als, wir uns aus Richtung Mitterteich Konnersreuth nähern, treffen wir auf eine kilometerlange Autoschlange, die fast bis zur Einfahrt der Spätberufenenschule Fockenfeld hinabreicht. Ähnlich war es auf den von Konnersreuth abzweigenden Straßen nach Arzberg und Waldsassen. Den Ort selbst hielt man wegen der vielen Besucher von Fahrzeugen nahezu frei. Wiederum leistete die Polizei im Ort vorbildlichen Ordnungsdienst. Die Besucher waren meist in Privatwägen angereist. .Doch sah man auch zahlreiche Omnibusse. Ihre Erkennungszeichen ließen darauf schließen, daß sie aus der ganzen Bundesrepublik und auch aus dem benachbarten Ausland gekommen waren. Zu schweigen von den vielen Fernseh- und Rundfunkreportern sowie den ausländischen Journalisten, die sich mühten, wichtige Details der Beerdigungsfeierlichkeiten in Wort und Bild festzuhalten. Auch. das französische fernsehen war vertreten.

Um zehn Uhr begann in der katholischen Pfarrkirche das Requiem für die Seelenruhe der Heimgegangenen. Das Gotteshaus war überfüllt, so daß die meisten Besucher keinen Platz mehr finden konnten. Sie warteten deshalb vor dem Neumann-Haus den Akt der Aussegnung ab. Immer mehr verdüsterte sich der Himmel. Dann begann es zu regnen. Leicht erst, dann in, Strömen. Viele waren ohne Schirm. Aber sie harrten aus, auch wenn sie bis auf die Haut durchnäßt wurden. Als der Regen an Heftigkeit zunahm, mußte sich Pfarrer Josef Schuhmann entschließen, seine Rede auf die Verstorbene nicht am Grab, sondern bereits in der Kirche zu halten. So entgingen vielen die aufschlußreichen Darlegungen des Ortspfarrers:

"Meine Seligkeit ist es, Gott. nahe zu sein. Gott ist mein Hört. " Mit diesen Worten des Psalmisten treten wir vor dieses offene Grab. Ist es wahr?. Ist sie wirklich gestorben? Vielleicht kommt sie doch wieder zu sich. Sie war ja schon oft schwer krank und dem Tod nahe. Und dann fing das Herz wieder an zu schlagen. So fragten und hofften die Geschwister Neumann, als sie im Leidenszimmer ihrer stigmatisierten Schwester das Sterbelager umstanden. Sie konnten es noch nicht glauben und fassen, daß die liebe Patin, wie sie von allen nahen Verwandten genannt wurde, so rasch, ohne ein Wort des Abschieds, heimgegangen sein sollte. Still betend und gefaßt saß ihr greiser Seelenführer, Pfarrer Josef Naber, am Sterbebett.

Ist es wahr? Ist sie wirklich gestorben? So fragten auch die Nachbarn und die Menschen auf der Straße, so fragten die Freunde und Bekannten, die -Behörden und Presseorgane in Regensburg und München, als sie schon nach kurzer Zeit die Todesnachricht erfuhren. Es ist schmerzliche Wahrheit: Therese Neumann ist wirklich gestorben. Das Herz hatte eben aufgehört zu schlagen, als ich ihr die heilige Ölung, das Sakrament der Todesweihe, spendete.

Am Vorabend des Festes Kreuzerhöhung, also am Donnerstag der vergangenen Woche, war sie zum letztenmal in der Pfarrkirche bei der Abendmesse. Sie hat hernach noch das große Kreuz gegenüber der Kanzel geschmückt. Am darauffolgenden Samstag, dem Fest der Sieben Schmerzen Mariens, stellte sich dann das schwere Herzleiden ein, das nach drei Tagen qualvoller Schmerzen zum Tod führte. Am vergangenen Dienstag legte der Herr Über Leben und Tod seine Hand auf sie.

Viele Bücher sind über das Leben der Verstorbenen geschrieben worden, das nun vollendet ist. Es kann und soll nicht meine Aufgabe sein, am Grabe unserer Mitschwester ausführlich auf ihren Lebenslauf und auf die damit verbundenen außerordentlichen Ereignisse einzugehen. Nur in kurzen Zügen soll erwähnt werden, was sichtbar geworden ist in ihrem Leben."

Pfarrer Schuhmann schilderte sodann ihre Jugendzeit, ihre Freude an der Natur, die Heilung von Blindheit und Lähmung, ihre geistliche Freundschaft mit Theresia von Lisieux, und fuhr dann fort: "Zur Würdigung ihrer Person möchte ich einige Wesensmerkmale anführen. Therese Neumann hat sich nach ihrer Heilung mit viel Liebe den Kranken gewidmet. Bis 1947 war in Konnersreuth kein Arzt ansässig und keine Krankenschwester. Deswegen hat sie- jahrzehntelang die Kranken besucht und gepflegt,. Sie hatte ein großes Einfühlungsvermögen, weil sie ja selber jahrelang krank- war, und sie hatte großes Geschick, Kranke zu behandeln. Deshalb kamen auch viele zu ihr ins Haus, wo sie Wunden verband und Arzneien verschenkte.

Mit besonderer Liebe schmückte die Verstorbene ihre Pfarrkirche. Wohl niemand wird je wieder so viel Zeit und Mühe für den Schmuck des Gotteshauses verwenden wie sie. An den Vorabenden von hohen Festen war sie oft um Mitternacht noch nicht fertig damit. Die schönsten Blumen und Rosen ihres herrlichen Gartens und ihres Treibhauses kamen jede Woche in die Kirche. Ein großes Anliegen war der Heimgegangenen die Sorge um den Priester- und Ordensnachwuchs. Nachdem ihr Vorhaben', Missionsschwester zu werden, nicht im Plane der Vorsehung gelegen war, wollte sie anderen dazu verhelfen. Nicht wenige haben auf ihren Rat hin den Priesterberuf oder Ordensstand gewählt. Ihrer Initiative und ihrem unermüdlichen Einsatz ist es zu danken, daß Fockenfeld ein Kloster geworden ist. Von der Spätberufenenschule, die unterdessen dort errichtet wurde, wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten viel Segen ausströmen durch alle die Priester, die daraus hervorgehen werden. Die große Wohltäterin des Hauses konnte mit dem Trost sterben, daß sie auch nach ihrem Tod keinen Tag vergessen sein wird.

Das letzte Vorhaben der Heimgegangenen war die Gründung, eines Anbetungsklosters in der Pfarrei. In einem persönlichen Handschreiben hat unser Diözesanbischof schon bald nach seiner Ernennung der nunmehr Entschlafenen mitgeteilt, daß er es begrüßen würde, wenn in der Diözese ein Anbetungskloster errichtet würde, in dem täglich für die Anliegen des Bischofs gebetet wird. Therese Neumann griff diese Anregung sofort auf und hatte bereits alle Vorbereitungen getroffen, um diesen Plan zu verwirklichen. Noch in den letzten Wochen hatte sie einen hochherzigen Wohltäter besucht, der seine Unterstützung zusagte. Als ich mich vor der Abfahrt noch längere Zeit mit ihr unterhielt, machte sie ganz beiläufig die Bemerkung: "Der Herr Pfarrer - sie meinte Pfarrer Naber - "freut sich schon auf die Fahrt. Ich aber kann mich gar nicht freuen." Ebenso beiläufig sprach sie damals auch von ihrem Sterben. ,

Es war noch eine eigenartige Fügung, daß sie bei dieser letzten Fahrt mit einer Reihe von hohen Gönnern und geistlichen Würdenträgern zusammentraf. Unter ihnen war auch Kardinal Augustin Bea. Er hat ihr, wie so viele andere Menschen, seine Sorgen mitgeteilt und die Bitte hinzugefügt: "Ich rechne mit Ihrem Gebet für das Konzil."

Neben der Sühne war für die Stigmatisierte wohl dies charakteristisch: Tausende von Kreuzträgern und Leidbeladenen, Menschen mit Kummer und Sorgen haben ihre Anliegen und ihre Not dem Fürbittgebet unserer Mitschwester empfohlen. Die Heimgegangene hat von Kindheit auf viel gebetet für die Lebenden und für die Verstorbenen. Von zahllosen Besuchern kamen viele mit falschen Vorstellungen und Erwartungen. Deren Anliegen war etwa dieses: "Beten Sie, bitte, daß ein Kranker wieder gesund wird." Wenn dann Therese zur Antwort gab: "Wir wollen miteinander beten um die Kraft, daß Sie Ihr Kreuz gottergeben tragen können aus Liebe zum Heiland"" dann gaben manche enttäuscht die Antwort: "Dazu sind wir nicht nach Konnersreuth gekommen, um das zu hören, sondern, daß uns geholfen wird, daß der Kranke wieder gesund wird."

So ist Konnersreuth eine Botschaft geworden für viele: "Tragt euer tägliches Kreuz als Sühne für euere Sünden und für euere lebenden und verstorbenen Mitmenschen! Leidet mit Christus und für Christus, in seiner Gesinnung, in seiner Liebe, in seiner Kraft. Je mehr wir in seiner Gesinnung Anteil nehmen an seinem Leiden, um so mehr werden wir mit ihm verherrlicht. Wir in ihm und er in uns.

Wir haben Therese zur letzten Ruhe gebettet in unmittelbarer Nähe des Friedhofskreuzes, das auf ihre Anregung hin errichtet wurde. Die Erinnerung an ihr Leben und ihr Grab möge uns allen zur Gnade werden, daß auch wir im Leben unsere Seligkeit in der Nähe des Gekreuzigten suchen. Dann wird Gott auch unser Hort, unsere Herrlichkeit sein. Das Leben unserer Stigmatisierten ist nun vollendet. Ohne einem Urteil der Kirche vorzugreifen, kann schon heute gesagt werden, daß Gott sich groß an ihr erwiesen hat."

Während in der Pfarrkirche die Feier des Requiems ihren Fortgang nahm, traf man im Neumann-Haus die herkömmlichen Zurüstungen, um den Leichnam von der Bahre zu heben und einzusargen. Ich war dabei. Bevor die Verstorbene in den Sarg gelegt wurde, untersuchten und begutachteten den Körper aufs neue zwei, Arzte und eine Ärztin. Sie kamen zu der einhelligen Feststellung, daß man am Leibe der Stigmatisierten wohl die üblichen Zeichen des Todes, Totenflecken oder Trübung der Hornhaut des Auges etwa, jedoch keinerlei Anzeichen beginnender Verwesung habe erkennen können. Auch nach vier Tagen der Aufbahrung war nicht der geringste Leichengeruch aufgetreten. Ich konnte mich, davon täglich überzeugen. Dies bestätigte nicht minder Obermedizinalrat Dr. Engelbert Ernst vom Kreiskrankenhaus Tirschenreuth, der dem Begutachterteam angehörte, nachdem ich ihn um eine Stellungnahme gebeten hatte. Als man die Tote in den mit Zinn ausgelegten Sarg bettete und ihr die Hände faltete, bemerkte ich keinerlei Veränderung ihrer Gesichtszüge. Ihr Antlitz schien mir geradezu jugendlich, ja schön geworden zu sein. Unter den wenigen, die diesem ergreifenden Akt des Abschiednehmens beiwohnen durften, war auch Pfarrer Josef Naber. Voll Trauer, doch gefaßt, blickte er ein letztes Mal auf eine Frau, die sein geistliches Leben zutiefst bereichert, ihm aber auch letzte Verantwortung vor Gott abgefordert hatte.

Unter den Trauergästen anläßlich der Beisetzung der Stigmatisierten war auch der bayerische Minister Dr. Alois Hundhammer (erste Reihe, Zweiter von rechts).

Draußen warteten Tausende auf die Aussegnung der Toten. Es regnete immer noch. Gegen 11.30 Uhr trugen liturgisch gekleidete Schüler der Spätberufenenschule Fockenfeld den mit Blumen und Blüten reichbedeckten Sarg auf den Platz vor dem Neumann-Haus. Wenig später traf Pfarrer Josef Schuhmann mit seiner geistlichen Assistenz von der Kirche her ein. Viele Priester aus der ganzen Diözese begleiteten ihn. Unter den Trauergästen sah man den bayerischen Staatsminister Dr. Alois Hundhammer, den bekannten Kanzelredner Helmut Fahsel aus Berlin, Fürstin Monika von Waldburg zu Zeil und weitere adelige Persönlichkeiten, Professor Dr. Franz Mayr aus Eichstätt, Dekan Josef Neidl aus Mitterteich und den Kämmerer des Dekanats, Pfarrer Christian Kunz aus Plößberg.

Kaum war Pfarrer Schuhmann mit der Gebetsliturgie am Sarge der Stigmatisierten zu Ende gekommen, hörte es auf zu regnen. Nun begann der große, man möchte fast sagen triumphale Zug der Vielen zum Friedhof. Ungezählte säumten die Straße, auf welcher die Tote zu ihrer letzten Ruhestätte gebracht wurde. Die Polizei registrierte etwa siebentausend Menschen, die zur Trauerfeier nach Konnersreuth gekommen waren.

Vor der mit weißglasierten Ziegeln ausgemauerten, blumengeschmückten Gruft sprach Pfarrer Schuhmann die Üblichen Fürbittgebete. Die lateinischen Responsorien sang ein Priesterchor. Der Konnersreuther Kirchenchor bestritt die mehrstimmigen Gesänge. Auf der Friedhofsmauer nahe der Gruft hatten sich die Fernseh-, Rundfunk- und Zeitungsreporter postiert. Das Flachdach eines benachbarten Schuppens belagerten Männer in solcher Zahl, daß ein Durchbruch des nur mit Brettern eingedeckten Daches zu befürchten war. Die Sonne trat aus düsterem Gewölk hervor, als die Trauergäste zuletzt gemeinsam das Vaterunser beteten.

Nach der Totenliturgie trat der Theologe Helmut Fahsel an die Gruft. Der Sprecher hatte sich seit dreiunddreißig Jahren leidenschaftlich, doch objektiv, mit den mystischen Phänomenen an Therese Neumann beschäftigt und über seine Erfahrungen ein vielbeachtetes Buch geschrieben. Nahezu in allen Großstädten Deutschlands, vor allem in Berlin, versuchte er durch Predigten und Vorträge, auch in wissenschaftlicher Begründung, die Botschaft von Konnersreuth zu verkünden. Fahsel legte ein sehr persönliches Bekenntnis zu Therese Neumann ab, das an Eindeutigkeit nichts zu wünschen Übrig ließ. Er nannte die Heimgegangene einen Menschen, "der durch Charismen glänzte". Vor dreiunddreißig Jahren schon, fuhr Fahsel fort, habe die Weltpresse Über ein Bauernmädchen aus einem Ort geschrieben, zu dem nicht einmal die Eisenbahn fahre. Therese habe durch die ihr geschenkten Auszeichnungen bewiesen, daß Gott den Leib des Menschen benütze, um geistige Realitäten und sich selbst zu offenbaren. Insofern sei Therese Neumann ein Zeichen Gottes in unseren Tagen. Die der Verstorbenen verliehenen übernatürlichen Gnadengaben seien Therese deshalb anvertraut worden, damit sie unseren Glauben stärken und erleichtern und ihn für Christus entflammen, sollten. Der Redner bekannte, daß Therese schon vor vielen Jahren seinen (des Sprechers) Seelenzustand erkannt und ihm persönliche Sünden offenbart habe. Ihre Seelenkenntnis sei außerordentlich gewesen. Herzliche und dankbare Worte fand Fahsel schließlich für den einundneunzigjährigen Pfarrer Josef Naber, der nicht müde geworden sei, die Heimgegangene als Seelsorger zu betreuen, und der - so Fahsel wörtlich - "ein heiligmäßig lebender Mann ist'.

Schließlich legte noch ein geistlicher Vertreter der Drittordensgemeinde Eichstätt nach einer längeren Ansprache einen Kranz nieder. Der Pater schilderte die franziskanischen Qualitäten der'Heimgegangenen und wies Überzeugend Parallelen zwischen dem armen, ebenfalls stigmatisierten Heiligen von Assisi und der Geistesart Thereses auf.

Der Friedhof leerte sich nur langsam. Die meisten wollten die Gruft sehen, einen letzten Blick auf den Sarg tun und ihn nach katholischem Herkommen mit geweihtem Wasser besprengen. Am Nachmittag wurde es wieder still in Konnersreuth. Die Menschen kehrten in den Alltag zurück.

Konnersreuth, Ende September 1962. , Noch immer vermochte ich mich von dem Ereignis des Todes der Therese Neumann nicht zu lösen. Bei diesem Besuch aber ging es mir vorab um Pfarrer Josef Naber, den hochbetagten, und darum, wie er denn mit seiner Einsamkeit zurechtkomme. Ich war tief beeindruckt, als ich ihm in seinem Arbeitszimmer gegenübertrat. Natürlich war ihm seine Trauer um die Verstorbene anzumerken, aber sie überschattete nicht die frohe Grundstimmung seines Wesens. Ich hatte das Gefühl, einem wahrhaft österlichen Menschen zu begegnen, der Leiden und Kreuz als Vorstufen der Seligkeit des Himmels versteht.

Freilich beklagte er Thereses Tod und seine Verlassenheit: "Wissen Sie, wenn man Jahrzehnte lang mit ihr zusammen war, kommt einem dieser Verlust schon hart an. Noch mehr, wenn ich all das sehe, was mich an sie erinnert ... und sie ist nicht mehr da. " Auch auf die Einsargung der Stigmatisierten, bei der er zugegen war, kam Naber zu sprechen: "Man untersuchte den Leichnam genau, ob Verwesungsmerkmale da seien, aber man hat nichts gefunden."

Dann schilderte mir der greise Priester die Stunde, da die Sterbende zum letzten Mal kommunizierte: "Ich habe ihr die heilige Hostie mit ein wenig Wasser in einem Löffel gereicht, habe mich sogar hingekniet, um günstiger an den Mund heranzukommen. Und als ich ganz nahegekommen, war die Hostie plötzlich verschwunden." Das heißt, sie war ohne Schluckbewegung in den Organismus eingegangen. Derartige "mystische" Kommunionen der Stigmatisierten sind vielfach bezeugt. Vor vielen Jahren hatte mir Pfarrer Naber zusammen mit einem Freund einmal gestattet, mich von der Tatsächlichkeit solcher Vereinigung mit dem eucharistischen Christus zu Überzeugen. Gegen Ende unseres Gesprächs sagte Naber, daß nun auch eine Schwester der Verstorbenen schwerkrank geworden sei, Maria. Die hatte ihm bereits seit vierunddreißig Jahren im alten Pfarrhaus und auch jetzt in seiner neuen Wohnung den Haushalt geführt.

Konnersreuth, 6. April 1963. Noch vor dem Karfreitag wollte ich in Konnersreuth ein wenig herumhören, ob sich etwa Bemerkenswertes ereignet habe. Im Gasthaus sagte mir die Wirtin: "Wir Konnersreuther haben die Resl, als sie noch lebte, gar nicht so recht geschätzt. Erst jetzt nach ihrem Tod merken wir, wer die Resl eigentlich war." Jetzt in der Fastenzeit können wir gar nicht glauben, daß die Resl nicht mehr ist. Als es neulich zum Kreuzweg läutete, sagte eine Frau: Ach - man spürt gar nicht, daß wir Fastenzeit haben, denn die Resl ist nicht mehr da". Man erzählt sich, daß schon viele Gebetserhörungen geschehen sind. Und die Leute warten förmlich darauf, ob sich nicht in nächster Zeit ein sichtbares Wunder ereignet." - "Man hätte in den Sarg ein Glasfenster einbauen sollen, damit man hätte sehen können, ob der Leichnam verwest." Die Wirtin, der ich auch sonst viele wertvolle Informationen verdanke, ließ mich wissen, daß im Juli (1963) ein Neffe der Resl, Franz Pflaum, in Konnersreuth Primiz feiere. Der Priester, der sich später als Pfarrer in Hohenthan hohen Ansehens erfreuen durfte, konnte seine seelsorgerlichen Fähigkeiten zeitlich nur begrenzt entfalten, denn er starb allzu früh. In dieser Fastenzeit sind nur wenige Fremde nach Konnersreuth gekommen. Es war wohl auch viel zu kalt. In der vergangenen Woche wären Leute aus Stuttgart und Bonn da." Und, wiederum: Tatsächlich wir können es einfach nicht fassen, daß die Resl nicht mehr da sein soll. Wir meinen immer noch, sie sei nur krank. Wenn wir mit unserem Bulldog an ihrem Haus vorbeifahren, meinen wir stets, sie müßte doch mit ihrem weißen Kopftuch herauskommen." Schließlich war noch die Rede von Leuten, die auch jetzt noch nach Konnersreuth kommen, um die Einheimischen auszuhorchen und die Gedenkstätten zu fotografieren, aber nicht in lauterer Absicht, sondern um mit Konnersreuth ihr materielles Geschäft zu machen.

Eine Engländerin fragte mich nach dem Weg zum Friedhof. Sie sei eigens nach Konnersreuth gereist, um das Grab der Therese Neumann zu besuchen. Ich traf auch meinen alten Freund Dr. Josef Mittendorfer, den Münchner Arzt. Er war ein zuverlässig beobachtender Verehrer der Stigmatisierten, zu deren medizinischer Beurteilung er wichtige Aspekte beigebracht hatte. Mittendorfer beklagte sich Über einen Artikel in einer katholischen Wochenzeitschrift, dessen Verfasser die Konnersreuther Vorgänge völlig verkannt und ein ganz falsches Persönlichkeitsbild der Verstorbenen gezeichnet hatte. Dann machte ich noch einen kurzen Besuch bei Pfarrer Naber. Ich mußte einige Zeit warten, weil sich soeben ein Ehepaar eingefunden hatte, das den Priester sprechen wollte. Bis mich Pfarrer Naber rufen ließ, verweilte ich in dem kleinen Hofraum hinter dem Neumann-Haus, wo Therese einen Taubenschlag und einen Hühnerstall hatte aufbauen lassen. Zu ihren Lieblingstieren gehörten nämlich auch Pfautauben und Zwerghühner. Sie waren noch da. Doch den prächtigen Fasan, der da herumstolzierte, hatte ich noch nie gesehen.

Konnersreuth, Karfreitag, 12. April 1963. Als ersten Besucher traf ich den Tirschenreuther Landrat Otto Freundl. Um neun Uhr am Grab. Es war reich mit Blumen, vornehmlich mit Osterglocken, geschmückt. Zwei Kerzen brannten. Eine Frau hatte sich eingefunden, um zu beten. Wie überraschte und enttäuschte doch dieser erste Karfreitag nach dem Tod der Stigmatisierten! Wer gedächte da nicht der Jahre und Jahrzehnte zuvor, als alljährlich Tausende nach Konnersreuth pilgerten, um die Leidende zu sehen. Jetzt, da sie ihr auch wieder ganz nahe sein könnten, blieben sie. aus. So waren die meisten also doch nur gekommen, um zu sehen, zu schauen, ihre Neugierde zu befriedigen. Ich hatte zumindest dreihundert "Pilger" erwartet. Doch der Friedhof blieb leer. Auch in den Wirtshäusern sah man kaum auswärtige Gäste, Fremdenzimmer wurden nicht in Anspruch genommen. Pfarrer Josef Schuhmann zeigte, sich als Seelsorger verständlicherweise erfreut: "Heute haben wir endlich einmal einen stillen Karfreitag. Jahrüber sah man schon viele Fremde. Aber die besuchten nur kurz das Grab und verweilten einige Zeit betend in der Pfarrkirche. Dann verließen sie den Ort wieder. Die im Gotteshaus aufliegenden Kleinschriften Über Therese Neumann wurden gerne angenommen."

Pfarrer Naber traf ich in jenem Zimmer seiner Wohnung an, das er sich als Hauskapelle eingerichtet hatte. Hier feierte er täglich Eucharistie. Er saß auf einem Sofa und war mit dem Beten der Tagzeiten (Brevier) beschäftigt. Vor dem Kreuz auf dem kleinen Altar brannten vier Kerzen. Er begrüßte mich überaus herzlich und bat mich, neben ihm Platz zu nehmen. Sofort begann er von der "Resl" zu erzählen und über wichtige Ereignisse ihres Lebens. Im angrenzenden Arbeitszimmer hatte er auf einem Tisch zahlreiche Andenken an Therese ausgebreitet, die er mir zeigte und erklärte. Auch ein Aquarium mit vielen bunten Fischchen erinnerte an die Stigmatisierte. In einem anderen Zimmer lag seine Haushälterin, Maria Neumann, krank darnieder. Für sie gab es offenbar keine Rettung mehr. Pfarrer Naber führte mich an das Krankenlager. Ich begegnete einer Leidenden, die mich mit strahlendem Angesicht willkommen hieß. Sie nehme ihre Krankheit als von Gott verfügt täglich gerne an, meinte sie , Und alles werde und solle so fortgehen, "wie der Heiland es will". Dann erinnerte sie mich an die vielen Jahre, da sie im alten Pfarrhaushabe walten und ihrem Pfarrer habe dienen dürfen.

Als ich mich von Pfarrer Naber verabschiedete, ergriff er mit beiden Händen meine Rechte und bedankte sich für meine langjährige Treue zur Resl und mein ungebrochenes Einstehen für Konnersreuth. Beim Hinausgehen wies er auf eine kleine Stiege, Über die er jüngst gestürzt war, doch ohne sich verletzt. zu haben: "Da bin ich einmal hingefallen." Die drei oder vier Stufen wurden daraufhin abgesichert.

Konnersreuth, Karfreitag, 27. März 1964. Es regnete, als ich heute zur alljährlichen Karfreitagsfahrt nach Konnersreuth aufbrach. Der Ort war menschenleer. Nur wenige Autos 'parkten an der Durchfahrtsstraße. In der Pfarrkirche beteten die Gläubigen soeben den Kreuzweg. Auch Pfarrer Josef Naber sah man unter ihnen. Es war der zweite Karfreitag in Konnersreuth ohne Therese Neumann, ohne die vielen Wartenden vor dem Neumann-Haus, ohne das an diesem Tag Üblich gewesene Polizeiaufgebot und ohne die sichtbare Spannung, die über der Masse derer lag, die Therese zu sehen begehrten. Ja - sie wollten sehen, zum größten Teil nichts als sehen. Dies war bereits am Karfreitag des vergangenen Jahres deutlich geworden, noch mehr aber wurde es am Karfreitag 1964 offenkundig. Am Grab der Heimgegangenen brannten Kerzen. Kein Mensch war zu sehen. Wie mir die Gastwirte sagten, waren. nur ganz wenige Gäste von auswärts gekommen. Vielleicht hat das ungünstige Wetter manche abgehalten. Eigenartig, jetzt, da jedermann Zugang zu Therese Neumann hat oder haben könnte – am Grabe nämlich - wird es immer stiller in Konnersreuth. Ich besuchte Pfarrer Josef Naber, den nunmehr Dreiundneunzigjährigen. Freudig berichtete er wieder Über unvergeßliche Erlebnisse mit Therese Neumann, von übernatürlichen Geschehnissen an ihr und von ihren mystischen Begnadungen. Da war keine Rede von den Tausenden, die einst Resls Haus umlagerten. Die waren dem Priester nie Hauptsache, gewesen, nur eine - oft genug recht unangenehme - Randerscheinung.

Drüben in der Pfarrkirche wurde zu dieser Stunde am "Heiligen Grab" das Allerheiligste angebetet. Anbetung war eine Grundhaltung der Stigmatisierten gewesen. Deshalb setzte sie auch ein Werk der Anbetung dadurch in Gang, daß sie in Konnersreuth unbedingt ein Kloster begründet wissen wollte, dessen spirituelle Mitte der eucharistische Christus bilde. Als ich Pfarrer Naber nach dem Verhältnis der Stigmatisierten zum Altarssakrament fragte und von ihm bestätigt wissen wollte, daß hier in der Tat der Angelpunkt der Konnersreuther Ereignisse liege, bejahte er dies zwar, fügte jedoch hinzu: "Das Entscheidende war ihre Liebe zum Heiland, ihre ganzgroße Liebe zum gekreuzigten Herrn."

Konnersreuth, im Januar 1965. Samstag, elf Uhr. Als wir in den Ort einfahren, hellt sich der Himmel auf. Der Nebel weicht. Tauben fliegen auf , Krähen schreien. Nichts sonst stört die Stille. An der linken Straßenseite stehen einige Autos. Kein fremdes Fahrzeug ist zu sehen. Wir biegen rechts um die Ecke, fahren an der Pfarrkirche vorbei und parken vor dem Haus der verstorbenen Therese Neumann, das jetzt ihr einstiger Seelsorger, der vierundneunzigjährige Geistliche Rat Josef Naber, bewohnt. (Der Bischof hatte ihm zum Lebensende diesen klerikalen Titel zugesprochen.) Die Räume, in denen Therese lebte und litt, stehen einsam und sind verschlossen.

Dr. med. Josef Mittendorfer, München

Ich will Pfarrer Naber besuchen, um mich nach seinem Gesundheitszustand zu erkundigen. Bevor ich sein bescheidenes Arbeitszimmer betrete, begegne ich dem Münchner Arzt Dr. Josef Mittendorfer, der sich seit vielen Jahren mit den außerordentlichen Begebenheiten in Konnersreuth von medizinischer Warte aus beschäftigt hatte und die Phänomene aus unmittelbarer Anschauung begutachten konnte. Jetzt ist er ausschließlich um den greisen Priester, seinen hochgeschätzten Freund, besorgt. Deshalb verbrachte er in Konnersreuth einen vierzehntägigen Urlaub.

"Wie geht es Pfarrer Naber?" "Fragen Sie ihn nur", meinte Dr. Mittendorfer, "er soll es Ihnen selber sagen!" Alle Sorge war unbegründet. Pfarrer Naber ist nämlich nach wie vor außerordentlich gesund. Vor allem Überraschen seine geistige Frische, sein Gedächtnis und die Logik seiner Rede, wenn man ihn nach Therese Neumann befragt. "Ja, sehen Sie nur, was da alles liegt", meinte Naber. Täglich erreichen ihn nämlich Briefe aus aller Welt, die es - soweit möglich zu beantworten gilt. Briefe mit Bitten um Auskünfte über Therese und mit vielen Anliegen, die dem Gebet des Pfarrers empfohlen werden.

Als eine Kostbarkeit schätzt Pfarrer Naber ein Lichtbild auf seinem Schreibtisch mit Therese Neumann, die ein Lamm in den Armen hält und innig an sich drückt. "Therese ist hier in Schauung. Am Bild des Lammes durfte sie der Gegenwart des Agnus Dei, des Lammes Gottes, innewerden. So wie ihrem erleuchteten Blick auch alle übrige Schöpfung auf Gott hin durchscheinend, transparent, geworden ist. "Therese war eine große Naturfreundin", stellte der Pfarrer fest. Dabei verwies er, auch auf die Inschrift am Grabdenkmal Thereses im Friedhof, die gleiches besagt.

Die Gebetsglocke erinnerte an die Mittagszeit. Deshalb hieß es Abschied nehmen. Einkehr im nahen Gasthaus Schiml. "Dreiundzwanzig Betten habe ich anzubieten", sagte der Wirt. "Einst haben bei uns viele, Konnersreuth-Pilger Übernachtet, unter ihnen hochgestellte Persönlichkeiten. Auch der Theologe Helmut Fahsel, der jetzt in der Schweiz lebt, war oft da. Heute gibt es bei uns kaum noch Übernachtungen." Gleiches erfuhr ich vom Inhaber des Gasthofes "Deutsches Haus", dem Verwalter der örtlichen Poststelle: "An drei Wochentagen halten wir unser Lokal geschlossen." Dennoch bestätigten beide Wirte, daß immer noch viele Leute nach Konnersreuth kommen, und zwar täglich. Allerdings bleiben sie nicht lange. Sie besichtigen das Geburtshaus der Therese, die Kirche, das Kloster und besuchen das Grab. Dann fahren sie wieder ab, ohne, in einem hiesigen Wirtshaus eingekehrt zu sein Eine Frau, die nahe am Friedhof wohnt, hatte mir gesagt: "Sie glauben gar nicht, wie viele an das Grab kommen. Die Besucher treffen sogar in Omnibussen ein, ganz zu schweigen von den vielen Privatautos.

Da wurde erneut ein Thema akut, das seit Jahren immer wieder angeklungen war: Sollen die Konnersreuther mit Rücksicht, auf die Besonderheit des Ortes den Fremdenverkehr gezielt fördern? Die Resl war stets dagegen. Daher entstand auch kein Hotel, wie sehr sich damals ein solches Haus auch rentiert haben würde. Heute sind nicht einmal mehr die beiden größeren Gaststätten "ausgelastet".

Bevor ich Konnersreuth verlasse, spreche ich noch im Theresianum vor. Hier beten Karmeliterinnen Tag um Tag bis in die Nacht hinein vor dem eucharistischen Christus für den Regensburger Bischof und

seine große Diözese. In der Kapelle kniet nahe dem Altar eine Schwester in weißer Ordenskleidung. In den Bänken haben ältere Damen, "Pensionärinnen", die ihren Lebensabend im Kloster verbringen, Platz genommen. Sechs Kerzen brennen vor dem Allerheiligsten, das von einem künstlerisch eigenwillig gestalteten, einer Dornenkrone ähnlichen Gebilde aus Metall umschlossen wird. Vor einigen Wochen beteten hier ausländische Konzilsväter anläßlich einer Reise entlang des "Eisernen Vorhangs".

Kurzes Verweilen noch am Grab der Stigmatisierten. Eisiger Wind pfeift über den Gottesacker hin, der "Böhmische". Von hier aus kann man auf schön bewaldete Anhöhen und nach Mitterteich hinüberblicken. Überall liegt Schnee. Vom Leichenhaus schimmert Kerzenlicht herüber. Die älteste Einwohnerin von Konnersreuth liegt dort aufgebahrt. Nun ist Pfarrer Naber der "Senior" der Gemeinde.

Konnersreuth, 21. August 1965. Mit Pfarrer Naber zusammen. Auch Dr. Mittendorfer ist wieder da. Wir sprechen über Nabers siebzigjähriges Priesterjubiläum, da er jüngst hat feiern dürfen. Sein gesundheitlicher Zustand ist mehr als zufriedenstellend: Ich kann nicht klagen, habe allerdings einen Katarrh, aber der ist bei mir Brauch. An den habe ich mich schon gewöhnt...

Die Grabstätte der Therese Neumann ist mit Danktäfelchen von Menschen übersät, die überzeugt sind, daß ihnen Therese durch ihre Fürbitte geholfen hat.

Die Resl ist halt nicht mehr. Zwar kommen immer wieder Freunde, aber die Resl ist halt nicht mehr. Sie schaut jetzt sicher vom Himmel her auf uns. Den Anbau des Hauses, den ich jetzt bewohne, hat die Resl organisiert, damit der Pfarrer einen guten Lebensabend hat." In einem Käfig am, Fenster scherzen zwei papageienähnliche Vögel. Naber: "Das sind meine zwei Komiker".

Er kommt auf den Himmel zu sprechen. Weint und zitiert aus einem Kirchenlied: "Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh?" Dann erwähnt der Greis den verstorbenen Regensburger Erzbischof Michael Buchberger, der einmal gesagt habe, daß in Konnersreuth schön viele Menschen getröstet worden seien. Viele hätten hier ihren Glauben neu entdeckt und seien zur Kirche zurückgekehrt. Als ich die mögliche Seligsprechung, der Therese Neumann anspreche, meint der Pfarrer leidenschaftslos: "Ach ja - davon ist schon zu ihren Lebzeiten gesprochen worden. Man wird lange an ihr herumziehen. Aber der Heiland wird einmal alle Bedenken mit einem Hieb zerschlagen".

Es ist Zeit zur Abfahrt. Pfarrer Naber verabschiedet mich wie einen alten Freund. Aufs neue beteuert er, wie sehr mich doch die Resl immer wieder "gebraucht" und zu Rate gezogen habe. Er freue sich jedesmal über meinen Besuch, und ich solle nur recht bald wiederkommen. Der Priester feiert am 4. Dezember 1965 den 95. Geburtstag.

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