Dankbrief an Josef Naber

jetzt wird wohl mancher Leser zu lächeln beginnen und dem Autor ausgefallene Spinnerei unterstellen. Ich nehme es ihm nicht Übel. Wie kann man mit einem längst Verstorbenen Verbindung durch einen Brief aufnehmen wollen, durch Mitteilungen, die ihn gar nicht erreichen, geschweige denn, daß er sie lesen könnte. Doch diese "Idee" stammt gar nicht von mir, ich habe sie nicht erfunden. Zugespielt hat sie mir kein Geringerer als der Baseler evangelische Theologe Karl Barth (1886-1968), der eine Generation von Theologen geprägt und eine hinreißende Christologie entwickelt hat. Wie kam es, daß Barth sich am 23. Dezember 1955 in einem "Dankbrief" ausgerechnet mit Wolfgang Amadeus Mozart in Verbindung setzte? Und so hebt der Brief an: "Lieber Herr Kapellmeister und Hofkompositeur! Da hat nun jemand den kuriosen Gedanken gehabt, mich mit einigen anderen zusammen aufzufordern, für seine Zeitung einen Dankbrief an Mozart zu schreiben. Ich habe zuerst den Kopf geschüttelt und schon nach dem Papierkorb geblickt. Aber wenn es sich um Sie handelt, kann ich nur in den seltensten Fällen widerstehen. Und haben Sie selbst zu Ihren Lebzeiten nicht auch mehr als einen ein bißchen ausgefallenen Brief geschrieben? Also warum nicht? Dort, wo Sie jetzt sind, weiß man freilich unbehindert durch Raum und Zeit sicher mehr voneinander, und auch von uns, als es uns hier möglich ist. Und so zweifle ich eigentlich nicht daran, daß es Ihnen längst bekannt ist, wie dankbar ich Ihnen, fast solange als ich zurückdenken kann, gewesen bin und immer wieder werde. Aber eben: Warum sollten Sie das nicht auch einmal schwarz auf weiß zu Gesicht bekommen?" So ähnlich hätte ich als Glaubender meinen Brief an Pfarrer Naber auch einleiten können. Viele Erfahrungen führten mich nämlich zu der Überzeugung, daß sich Jenseits" dieser unserer Welt eine Wirklichkeit, eine "Dimension", auftut, die sich "hiesigem" Denken nur im. Glauben öffnet. Ihre "Schau" wird uns erst nach dem Tode geschenkt werden. Aber es bestehen schon jetzt innige Beziehungen dorthin und von dort her. Therese Neumann hat es vielfach bezeugt. Mein Brief an Pfarrer Naber wird, deshalb kein absurdes Unterfangen sein. Ich bin überzeugt, daß er ihn zur Kenntnis nehmen wird:

Verehrter, lieber Herr Pfarrer Naber, ein neues, tieferes Bedenken der mystischen Vorgänge in Konnersreuth ließ mich erkennen, daß ich fast alles, was ich über Therese Neumann weiß, Ihnen verdanke. Die Stigmatisierte sprach ja nur ungern Über sich selbst und das Außergewöhnliche, das sich an ihr ereignete. Vor allem Ihnen aber als ihrem Seelsorger öffnete sie ihr Herz. So wuchs Ihnen eine Zeugenschaft zu, mit der die Botschaft von Konnersreuth steht und fällt. Ihr sind Sie bis ans Lebensende in vorbildlicher Weise gerecht geworden. Sie ließen auch mich, überreich daran teilhaben. Mein "Einstieg" in Konnersreuth ereignete sich nicht durch das Lesen gelehrter, vielfach der Wahrheit zuwiderlaufender Bücher, Broschüren oder Zeitungsartikel, sondern einzig durch meine Freundschaft mit Ihnen.

Wie oft, lieber Herr Pfarrer, habe ich doch bei Ihnen vorgesprochen, zuerst im alten Pfarrhaus und später in Ihrer Ruhestandswohnung. Wie oft habe ich Sie gestört, als Sie gerade an Ihrem Schreibtisch arbeiteten oder mit dem Beten des Breviers beschäftigt waren. Doch nie haben Sie mich abgewiesen, nie habe ich an Ihnen auch nur eine Spur von Unfreundlichkeit oder Gereiztheit entdecken können. Stets kamen Sie mir mit einer Herzlichkeit entgegen, von der ich heute sagen möchte, sie sei Ihnen eingeboren gewesen, ja zur zweiten Natur geworden. Bereitwillig, von sichtbarer Freude bewegt, haben Sie alle meine Fragen beantwortet und mir oft darüber hinaus unerwartete Einblicke in das Leben der Therese Neumann gewährt.

Wann immer wir zusammensaßen, erlebte ich Sie zumeist als Erzähler. Sie berichteten, was Sie gesehen und gehört hatten, was Ihnen außergewöhnlich und deshalb bedeutsam erschien. Immer wieder bewunderte ich Ihre Objektivität. Sie gaben keine Deutungen der Ereignisse, Sie versuchten auch keine theologische Einordnung der Dinge im wissenschaftlichen Sinne. Heute darf ich es doch aussprechen: Die gelehrte Theologie interessierte Sie kaum, ebenso wenig die Literatur der sogenannten Fachleute. Das haben Sie mir einmal unzweideutig gesagt. Ich glaube kaum - so vermag ich aus mancher Ihrer Bemerkungen zu schließen -, daß Sie den mehr als fünfhundert Seiten umfassenden Band "Konnersreuth im Lichte der Mystik und Psychologie" durchgehend gelesen haben. Sein Verfasser war ein Fachmann der Mystik, der Erzbischof von , Lemberg, Dr. Josef Theodorowicz. Sie werden sich dieser gründlichen Studie kaum mehr als auswählend angenähert haben, obwohl Ihnen der Autor in sein Buch die Widmung geschrieben hat: In liebevoller Zuneigung und in dankbarer Erinnerung widme ich dieses Buch dem hochverehrten Pfarrer Naber." Das .Werk war 1936 in einem Salzburger Verlag erschienen. Sie Überließen es mir, daß ich es lese." Ich setzte an, resignierte jedoch bald.

Sie, lieber Herr Pfarrer, gaben sich mit dem zufrieden, was Ihnen 'vor Augen lag. Deshalb brauchten Sie keine schlußfolgernde Wissenschaft und keine eingrenzende Systematik. Dennoch wachten Sie in Konnersreuth stets sorgsam darüber, daß nichts geschehe, was der Glaubenslehre der katholischen Kirche zuwiderlaufe. Nie ließen Sie sich von den mystischen Ereignissen sozusagen vereinnahmen. Vielmehr möchte ich Ihnen mein Erstaunen darüber nicht verhehlen, wie souverän Sie das Ungewöhnliche und Außergewöhnliche beurteilten. Innigst teilnehmend zwar, aber doch stets kritischen Sinnes. Wie töricht daher, zu sagen, ohne Sie wären alle diese Dinge nicht geschehen. So als ob Sie ein unsichtbares Fadenwerk bedient hätten, um das jeweilige Ereignis auszulösen. "Gelehrt' ausgedrückt würde das heißen, Sie hätten Therese Neumann in einem Maße suggestiv beeinflußt, daß sich eben an ihr zeigte, was Sie bewirken wollten. Ihrer "Vorstellung". habe dann das "Phänomen", dem griechischen Wortsinn gemäß, das "Aufscheinende", das "Erscheinende" entsprochen.

Wahr ist, daß Sie von den sichtbar werdenden Veränderungen an Therese Neumann ebenso überrascht waren wie Thereses Eltern und Geschwister. Auch Ihrer bemächtigte sich zunächst Ratlosigkeit darüber, was denn da geschehe und noch geschehen werde. Aber schon damals standen Sie insofern" über den Dingen", als Sie all das erstaunlich sich Anbahnende Gott anheimstellten und einzig von ihm her den Wahrheitsbeweis erwarteten. Deshalb lehnten Sie auch einen voreiligen Konnersreuth-Kult, an dem sich so leicht der Aberglaube hätte entzünden können, ab.

Nur der Wahrheit wußten Sie sich verpflichtet. Was Ihnen wichtig schien, vertrauten Sie Ihrem Tagebuch an. Die Aufzeichnungen sind bereits veröffentlicht. Jedermann kann. sie nachlesen und sich von ihrer Zuverlässigkeit Überzeugen. Was mit Therese Neumann auf Sie zukam, war eine ungeheuere Herausforderung. Daß Sie ihr bis an das ,Ende Ihrer Tage physisch, seelisch, und theologisch standgehalten haben, grenzt an ein Wunder. Wie viele Menschen aller Bildungsgrade kamen im Laufe von Jahrzehnten auf Sie zu, um Sie Über die Stigmatisierte auszufragen, ihre Zweifel und Bedenken anzumelden, ihr Lebensschicksal vor Ihnen auszubreiten oder eine Begegnung mit Therese zu erreichen. Solche Beanspruchung schien oft ihre Kräfte zu übersteigen. Denn schließlich waren Sie ja auch Pfarrer, von Könnersreuth, der eine große Gemeinde seelsorgerlich zu betreuen hatte. Die aber haben Sie nie vernachlässigt. Im Gegenteil: Es wird berichtet, daß die Konnersreuther unter Ihrer geistlichen Führung frommer geworden sind und vor allem das Mysterium der Eucharistie neu "entdeckt" haben.

Nein - Ihre Predigten waren keine rhetorischen Ereignisse. In einfach gebauten Sätzen verkündigten Sie Jesu Frohbotschaft gemäß den Schriften des Neuen Testaments. Der Stellenwert der Predigt schien Ihnen ohnedies durch jenes berühmt gewordene Wort der Theresia von Lisieux eingeschränkt oder zurechtgerückt zu sein: "Durch Leiden werden mehr Seelen gerettet als durch die glänzendsten Predigten." Hier tritt, erneut das Beispiel der Therese Neumann ins Licht, der - allen offenkundig - mit Christus Leidenden, von seiner Passion Gezeichneten.

Siebzig Jahre lang, verehrter Herr Pfarrer, durften Sie den Menschen als Priester mit Wort und Sakrament dienen. Ihre Gemeinde beging den Jubiläumstag Ihrer Priesterweihe vor sieben Jahrzehnten in festlicher Weise am 20. Juni 1965. Auch mich hatten Sie zur Mitfeier eingeladen. Über dieses Ereignis galt es natürlich ausführlich zu berichten. Darf ich den Artikel, den ich damals geschrieben habe, hier nochmals wiedergeben? Sie werden ihn jetzt wohl ganz anders bewerten und kritischer beurteilen als damals nach der Festfeier:

"Zu Ihrem Jubiläum Glück- und Segenswünsche, begleitet von Gebet, Opfer und meinem persönlichen Segen", so lautete das Telegramm des Kardinals Augustin Bea aus Rom, das den vierundneunzigjährigen Priesterjubilar Geistlichen Rat Josef Naber am vergangenen Sonntag anläßlich seines 70. Priesterjubiläums in Konnersreuth erreichte. Dieses Telegramm war geradezu die Sensation des Tages. Ein Zeichen dafür, wie tief die Freundschaft mit dem römischen Kurienkardinal nach wie vor gründet, auch über den Tod der Therese Neumann hinaus. Es darf daran erinnert werden, daß der im Konzil mit dem Werk der Wiedervereinigung der Christen beauftragte Kardinal die Stigmatisierte kurz vor ihrem Hinscheiden um ihr Gebet , für das Gelingen des Konzils ersucht hatte.

Die Feier des Priesterjubiläums nahm am Sonntag bei strahlendschönem Sommerwetter einen eindrucksvollen Verlauf. Die Pfarrgemeinde hatte dem Jubilar bereits tags zuvor ihre Aufwartung gemacht. Vor dem Wohnhaus des Priesters versammelten sich die Gläubigen mit den Vereinen sowie den Gemeinde und Kirchenräten, um ihrem einstigen Pfarrer, der mehr als fünfzig Jahre in Konnersreuth als Seelsorger gewirkt hatte, Dank abzustatten. Kirchenchor und Blaskapelle bestritten, den musikalischen Teil der Feierstunde, die ein vortrefflich dargebotener Lichterreigen der Mädchen beschloß.

In ehrenden Ansprachen würdigten Bürgermeister Josef Bauer, Pfarrer Josef Schuhmann und stellvertretender Landrat Hans Thoma das außerordentliche Lebenswerk des Jubilars und Überreichten Geschenke. Beachtliches Niveau verriet die Ansprache des Ortspfarrers, die wir wegen ihrer, wesentlichen Aussagen in einer unserer nächsten Ausgaben im Wortlaut veröffentlichen werden.

Geistlicher Rat Josef Naber bedankte sich herzlich für die Ehrung und brachte -sichtlich gerührt - zum Ausdruck, daß er seine frühere Gemeinde noch nie so schön beieinander gehabt habe wie heute. Wenn er im Laufe seiner Konnersreuther Priesterjahre etwas falsch gemacht habe, so bitte er um Verzeihung, wie er auch all jenen vergebe, die ihn verunglimpft hätten. In seinen alten Tagen fühle er sich - allerdings sehr einsam, besonders seit die "Resl" und ihre Verwandten durch den Tod abberufen worden seien. Nach wie vor aber habe er viel Freude an der Jugend, auch wenn er sie nun nicht mehr in die Wahrheiten des Glaubens einführen könne.

Der Sonntag: Wiederum strahlende Sonne über dem festlich geschmückten Ort, frohgestimmte Menschen aus nah und fern und viele Bekannte aus dem Kreis derer, die der Stigmatisierten immer wieder haben begegnen dürfen. Musikkapelle, Vereine und viele Priester geleiteten Geistlichen Rat Naber zum Gotteshaus, vor dessen Portal ein großer bunter Blumenteppich gelegt war. "Priester auf ewig" war darauf zu lesen. Nach einem trefflichen Begrüßungsgedicht, von einem Mädchen gesprochen, zog der Jubilar in das Gotteshaus ein. Er nahm im Altarraum Platz, um dem Jubiläumsgottesdienst beizuwohnen, denn körperliche Indisposition verbot ihm die eigene Zelebration.

Unter den Ehrengästen sah man als bischöflichen Delegierten Prälat Lorenz Rosner, den Provinzial der Oblaten des heiligen Franz von Sales, Pater Schauer aus Wien, Stadtpfarrer Martin Rohrmeier, Waldsassen, Stadtpfarrer Franz Hartl, Marktredwitz , Geistlichen Rat Josef, Plecher, Wiesau, den Rektor der Spätberufenenschule Fockenfeld, Pater Lackner sowie Landrat Otto Freundl.

Eucharistie feierte Prälat Rosner, assistiert von zwei aus Konnersreuth stammenden Kaplänen. Bei diesem Hochamt zeichnete sich aufs neue der Konnersreuther Kirchenchor unter Leitung von H. Queitsch durch die tonschöne Darbietung einer mehrstimmigen Messe und Gregorianischer Melodien in lateinischer Sprache aus. Nach dem Evangelium hielt Prälat Rosner die Festpredigt.

Zunächst verlas er einen Brief des Regensburger Bischofs Dr. Rudolf Gräber an den Jubilar. Der Oberhirte verwies darauf, daß Josef Naber mehr als fünfzig Jahre seines Priesterlebens Konnersreuth gewidmet habe und daß das Anbetungskloster "Theresianum", mit dem sich der Geistliche Rat innigst verbunden wisse, in seinem Namen nicht nur die ,Erinnerung an Theresia vom Kinde Jesu, sondern auch an Therese Neumann wachhalte. "Ihr Bischof möchte Ihnen herzliche Glückwünsche Übermitteln und Ihnen zugleich Vergelt's Gott für Ihr priesterliches Wirken, für Ihr Beten und Opfern bis auf den heutigen Tag sagen. In tiefer Verbundenheit bin ich Ihr Bischof Rudolf", heißt es in dem Schreiben abschließend.

Die Predigt des Regensburger Prälaten bezog sich in der Hauptsache auf die Fülle der Gnaden des Priestertums., die ein Geschenk der Liebe Gottes seien. Siebzig Jahre Priester zu sein, bedeute viel. Dem Jubilar sagte der Prediger dafür Dank, daß er ihm den Weg zum Priestertum geebnet und ihn den humanistischen Studien zugeführt habe. Er lobte die religiöse Aufgeschlossenheit der Konnersreuther Katholiken, die sich besonders in der Zeit der Diktatur des Nationalsozialismus bewährt habe. Der Prälat distanzierte sich schließlich von gewissen Illustrierten und Magazinen, die immer wieder versuchten, die katholische Kirche nachträglich als Schrittmacherin des Hitler-Regimes zu diffamieren.

Im Anschluß an den Gottesdienst trafen sich die Ehrengäste mit dem Jubilar im "Theresianum" zu einer, wie es hieß, "Agape", zu einem festlichen Mahl also. Geistlicher Rat Josef Plecher, einst Benefiziat in Konnersreuth, beglückwünschte dort namens des verhinderten Dekans Josef Neidl den Jubilar herzlich und versicherte ihn der Hochschätzung des Dekanatsklerus.

Nach mehreren Tischreden meldete. sich ein Gast -aus Belgien, ein Industrieller, ehemaliger Direktor Firmin Haven, zu Wort. Die Frau des Direktors ist eine Cousine des im Konnersreuther Friedhof beigesetzten, dreiunddreißigjährig verstorbenen jüdischen Priester-Konvertiten Bruno Rothschild. Haven meinte: "Es ist doch erstaunlich, daß wir heute noch kein Wort darüber vernommen haben, daß unser Jubilar Jahrzehnte hindurch Seelsorger der stigmatisierten Therese Neumann gewesen ist. Diese Seelsorge war doch etwas ganz Außerordentliches. Ich bedauere sehr, daß davon heute kaum die Rede war." Der Sprecher erhielt allgemeinen, starken Beifall.

In der Tat: Man hatte am Jubiläumstag darüber nichts gehört. Kein Wort. Auch nicht in der Predigt des Prälaten, der seine Rede mehrmals als "Rückblick" angekündigt hatte. Die providentielle Aufgabe des Jubilars im Zusammenhang mit Therese Neumann wurde aber nicht erwähnt. So blieb denn dieser "Rückblick" -wir müssen das im Interesse der Objektivität anmerken - leider Fragment.

Da sprach der Rektor der Spätberufenenschule Fockenfeld, Pater Lackner, allen aus dem Herzen, als er in seiner Dankrede sagte: "Sein (des Jubilars) Beispiel hat unseren Studenten viel gegeben, und sein Wesen hat auf sie einen tiefen, prägenden Eindruck gemacht, nicht zuletzt dann, wenn sie ihm als vielbegehrten Beichtvater begegnen durften. . .

So, lieber Herr Pfarrer, hatte ich damals den Ablauf der Feier Ihres Ehrentages darzustellen versucht. Als ich Sie im "Theresianum" persönlich beglückwünschte, bedankten Sie sich für meine Würdigung Ihres Lebenswerkes in der Zeitung am Vortag des Festes: "Ihr Beitrag hat mir sehr gefallen-. Ihre Artikel erkenne ich immer sofort. Da brauche ich gar nicht nach der Unterschrift schauen. Machen Sie so weiter, auch gegen mögliche Widerstände! Lassen Sie sich nicht beirren!

Ich bewunderte Ihre ungezwungene Herzlichkeit. Dennoch - so notierte ich -machten Sie mir den Eindruck körperlicher Schwächlichkeit', Ihr Aussehen, dünkte mich wie unirdisch, Sie schienen mir bereits vom Tode gezeichnet. Pater Rektor von Fockenfeld hatte Übrigens in seiner Tischrede auch von der Vollendung des Lebens, die sich im Tode ereigne, gesprochen.

Aber bei jeder Gelegenheit sagten Sie mir, daß Sie sich wohl. fühlten: "Ich wundere mich oft selber Über mich, weil ich früher nicht immer so gesund war." Als Sie neunzig Jahre alt geworden ' waren, beklagten Sie den Verlust des Geruchssinnes und fuhren fort: "Nun läßt mich fortschreitend auch der Geschmackssinn im Stich. Meine Weibersleut schimpfen mich aus, weil ich nur noch ganz wenig esse, aber ich fühle mich dabei sehr wohl." Doch Sie verschmähten zuweilen keineswegs ein Gläschen Wein. Ich erinnere mich: Als ich Sie einmal mit einer kleinen Gesellschaft anläßlich eines Ihrer Geburtstage besuchte, da überraschten Sie uns alle durch eine Heiterkeit, wie ich Sie noch nie an Ihnen beobachtet hatte. Unter denen, die damals das Glas auf Ihre Gesundheit erhoben, war auch mein Chef, der Weidener Verleger Viktor von Gostomski, dem Therese Neumann viel bedeutete.

Ob Sie mir die folgende Begebenheit überliefert haben oder ob sie mir ein anderer erzählt hat, weiß ich nicht mehr. Irgendwo war ein Flugzeug abgestürzt. Dabei waren viele Menschen zu Tode gekommen. Man veranstaltete deshalb eine große Öffentliche Trauerfeier, die der Bayerische Rundfunk ausstrahlte. Dieser Übertragung wohnte auch Therese Neumann zusammen mit mehreren Bekannten oder Verwandten bei. Politiker und Kirchenvertreter hielten Ansprachen. Nach der Feierstunde konnten sich die Versammelten nicht genugtun im Lob der Ansprache des evangelischen Geistlichen oder Bischofs. Der habe so ausgezeichnet geredet wie keiner der anderen. Therese darauf: "Was hat er denn schon gesagt? Es nützt nichts, Über die Toten nur zu reden, man muß vielmehr für sie etwas tun, beten nämlich. Das ist das Entscheidende. Bedenkt doch: Wenn einer so plötzlich aus dem Leben herausgerissen wird, dann braucht er doch das Gebet." Gegenüber den Evangelischen, den "Lutherischen", wie sie zu sagen pflegte, stand sie in einem gebrochenen Verhältnis. Dafür hatten sicher auch Sie, Herr Pfarrer, insofern Verständnis, als es für Therese Neumann eben nur eine geistige und religiöse Heimat gab, die katholische Kirche. Über diesen Horizont blickte sie kaum hinaus. Ganz gewiß hätte sie nach dem Konzil auf ihre Art zu ökumenischem Denken hingefunden.

Am 23. Oktober 1965 durfte ich aufs neue Ihr Gast sein. Zuvor unterhielt ich mich mit Ihrer neuen Haushälterin Genoveva, die mir sagte, daß Ihr Gesundheitszustand sehr zu wünschen Übrig lasse. Dennoch feierten Sie noch täglich in Ihrer Hauskapelle Eucharistie. Vor einigen Tagen seien Sie auf der Straße hingefallen und hätten mit dem Kopf gegen einen Randstein des Gehsteiges aufgeschlagen. Sie hätten sich aber nur eine kleine Wunde zugezogen, sonst sei weiter nichts passiert. Nicht einmal Ihre Brille sei beschädigt worden. Zur Zeit nähmen viele Besucher Sie Über Gebühr in Anspruch. Das unablässige Sprechen tue Ihnen nicht gut. Genoveva berichtete weiter, daß Sie jüngst einen Herzspezialisten aufgesucht hätten. Der habe sich gewundert, daß Sie Überhaupt noch leben könnten, - denn, Ihr Herz liege nicht normal, sondern quer, der Blutdruck sei lebensbedrohend.

Bei unserem anschließenden Gespräch konnte ich nicht der geringsten Anormalität gewahr werden. Ich fragte Sie, was Sie von dem angeblichen Wunder an der holländischen Bäuerin, der Frau Berta, Meuleberg, halten. Sie darauf: "Ich bin darüber nicht näher unterrichtet. Zu mir sind die betreffenden Personen nur vorübergehend gekommen. Und Über Personen, die ich persönlich nicht kenne, will ich nicht urteilen. Im übrigen habe ich an Ihrem (meinem) Bericht in der Zeitung nichts zu beanstanden. Jeder, der Therese Neumann kennt, wird nichts gegen Konnersreuth unternehmen, wer aber dagegen ist, dem kann man halt das Maul nicht zubinden. Wenn Leute zu mir mit Wunder- oder Erhörungsberichten kommen, so sage ich ihnen stets: Wenn Sie etwas Wichtiges Über Konnersreuth zu vermelden haben, so schreiben Sie das auf und schicken Ihre Aussage brieflich an den Regensburger Bischof oder an mich. Ich werde dann die Zuschrift weiterleiten.

Was Sie mir nun sagten, war mir wohl interessant, aber es hat mich nicht überrascht: "Ich bin von der Resl immer wieder getadelt worden, wenn ich mich allzusehr mit der Sache befaßt habe. Sie wollte nämlich nicht, daß man sich so nachdrücklich ihrer Person zuwende... Jetzt lebe ich halt in der Einsamkeit."

Dann erzählten Sie mir einen Traum, den Ihnen vor wenigen Tagen eine Frau aus dem "Theresianum" mitgeteilt hatte. Diese Frau war der Resl begegnet. Sie sagte der Stigmatisierten: "Warum nimmst du dich jetzt so wenig um den alten Pfarrer an?" Die Resl: "Der m' uß sich erst noch recht auf die Ewigkeit vorbereiten." Ich wollte gegen diesen Traum ob seiner Unangemessenheit protestieren. Sie aber antworteten gelassen: "Ich fand die Antwort der Resl sehr vernünftig. Es ist so: Das, was ich zur Zeit erlebe, ist tatsächlich so etwas wie ein kleines Fegfeuer. " Sie hatten damit Ihre Einsamkeit und die Abwesenheit der Resl gemeint.

Mit der Berufung der Genoveva Trissl zu Ihrer Haushälterin hatten Sie, lieber Herr Pfarrer, offenbar einen guten Griff,getan. Die war nämlich nicht nur um Ihr äußeres Wohlergehen besorgt, sondern sie interessierte sich auch für die ständig anwachsende Literatur über Konnersreuth. Nach einem Gespräch reichte sie mir einen Artikel, den der Benediktinerabt Emanuel Heufelder von Niederalteich verfaßt hatte. Dieser sympathische Theologe brachte auch Ihre Überzeugung auf den Punkt: "Es geht letztlich nicht um Lourdes und Fatima, es geht darum, daß der urbiblische Ruf zur Buße und Umkehr in neuer Eindringlichkeit in eine Welt hineingerufen wird, die dem Zorngericht Gottes verfallen muß, wenn dieser Ruf nicht gehört wird. So geht es auch bei Konnersreuth nicht um eine Person oder um einen Ort... Der guten Resl wird nichts liegen an persönlichen Ehrungen. Aber daran, wird ihr liegen, daß diese Botschaft gehört wird."

Die Botschaft war nicht nur in alle europäischen Länder gedrungen, sondern längst weltweit vernommen worden. Schon einmal hatte sich hoher Besuch aus Rom angesagt, wo soeben ein Konzil die künftige Gestalt der katholischen Kirche beriet. Im November 1965 traf eine zweite Delegation von Bischöfen in Konnersreuth ein. Ihre Herkunftsländer waren Asien, Afrika und Südamerika. Sie besuchten das Grab der Stigmatisierten und versammelten sich anschließend im "Theresianum". In der Anbetungskirche begrüßten sie den Herrn im Sakrament und beteten die Herz-Jesu-Litanei. Vor dem Kloster hatte sich inzwischen viel Volk versammelt, um den Segen der achtundzwanzig Konzilsväter zu erbitten.

Dann, lieber Herr Pfarrer, waren natürlich Sie wieder gefordert. Eine Stunde lang ließen sich die aufmerksam zuhörenden Gäste über Therese Neumann informieren. Dolmetscher übersetzten Ihre Darlegungen in mehrere Sprachen. Ihre Schilderung beeindruckte. Es schien, als hätten die Bischöfe das Erlebnis von Konnersreuth als den Höhepunkt ihrer Reise in die Oberpfalz verstanden.

Auch der Münchner Weihbischof Dr. Johannes Neuhäusler, der unter den Nationalsozialisten im Konzentrationslager unsäglich gelitten hatte, machte Ihnen, dem nunmehr Fünfundneunzigjährigen, seine Aufwartung, ebenso der Bischof von Fatima. Nicht weniger aber waren Sie überrascht, als sich um eben diese Zeit ein amerikanischer Oberst und seine Gattin bei Ihnen vorstellten. Colonel Cecil George Doyle war'1945 mit den US-Besatzungstruppen nach Deutschland gekommen. Viele erinnern sich noch des ehemaligen Stadtkommandanten von Weiden, dem im Zuge der politischen Neuorientierung der Deutschen heute kaum noch ermeßbare Aufgaben übertragen worden waren. Doyle berichtete Ihnen, daß er mit Therese Neumann nach 1945 dreimal zusammengewesen sei. Auch ihr Karfreitagsleiden habe er erlebt "schon damals", sagte der Oberst, "war ich von der Echtheit der Phänomene überzeugt. Da kam etwas ganz Neues auf mich zu. Ich war mehr als erstaunt und nahm von Konnersreuth einen unvergeßlichen Eindruck mit nach Amerika.'.'

Sie haben mir auch erzählt, daß sich die Konzilsbischöfe später noch schriftlich bei Ihnen. für Ihre Auskünfte Über Therese Neumann bedankt hatten. Den in lateinischer Sprache abgefaßten Brief hatte im Auftrag seiner Mitbrüder Weihbischof Anastasius Granados aus dem spanisch en Toledo formuliert. Er rühmte darin "die große Liebe und Gastfreundschaft", die den Bischöfen in Konnersreuth gewährt worden seien. Für Sie, Herr Pfarrer, hielt der Schreiber noch ein Sonderlob bereit: "Die Worte des ehrwürdigen Pfarrers haben uns alle tief bewegt."

Trotz Ihres hohen Alters ließen Sie sich nicht von dem Plan abbringen, eine Reise, einen Flug, nach Fatima zu unternehmen. Ihre Haushälterin Maria Neumann sollte Sie begleiten. Die aber war erkrankt. In Sorge um Ihr Leben riet sie Ihnen dringend ab, die strapazenreiche Reise allein anzutreten: "Sie fürchtete, ich könne dabei in Gefahr kommen, und sie war deswegen sehr niedergeschlagen. Dann bin ich halt daheimgeblieben." Wie hatte Ihnen doch Therese Neumann im erhobenen Ruhezustand gesagt? "Wenn ich einmal gestorben sein werde, wird Dir das Leben sehr hart sein." So geschah es auch. Sie bestätigten mir immer wieder, wie sehr Ihnen die Einsamkeit zu schaffen mache: "Vierundvierzig Jahre hat man Außerordentliches erlebt. Visionen über Visionen. Und mit einem Schlag ist alles zu Ende. Ab und zu halte ich schon eine kräftige Ansprache an die Resl: Du hast mich ganz allein gelassen. Komm' doch wenigstens einmal im Traum zu mir! Aber ich hab' keine Träume von ihr." Geblieben aber war die Gebetsverbindung. Und die ist nie unterbrochen worden. Man erzählt, daß Sie gern den Friedhof aufgesucht haben. Dort hätten Sie zuerst all jene Verstorbenen begrüßt, von denen Sie überzeugt waren, daß sie schon der ewigen Seligkeit teilhaftig geworden sind. Dann hätten Sie sich jenen zugewandt, die nach Ihrer Meinung ihr ewiges Ziel noch nicht erreicht hatten. Sie segneten deren Gräber, weil Sie sich nach wie vor mit ihren einstigen "Pfarrkindern" in Treue verbunden wußten und Ihnen deren ewiges Schicksal am Herzen lag.

Auf ewiges Heil, auf "Erlösung" durch den österlichen Christus hin, zielen vor allem die Sakramente der Kirche, nicht zuletzt jenes der Sündenvergebung. Am Karfreitag 1965 bat ich Sie, lieber Herr Pfarrer, mir die Beichte abzunehmen. Noch heute sehe ich Ihr zartes, vergeistigtes Profil vor mir-, vernehme ich Ihren klar formulierten Zuspruch, weiß ich mich bewegt von einer Stimme, die wie von fernher, aus einer anderen Welt, zu reden schien. Damals wurde mir deutlich, wie sehr Ihr Wesen auch vom Wort geprägt war. Routine war Ihnen fremd. Sie verstanden es, das Sakrament als geistliche Wirklichkeit erfahrbar zu machen. "Schließen wir alles ein", sagten Sie zuletzt. "Vertrauen Sie sich Therese Neumann an. Sie tut für uns viel von der Ewigkeit her. Sie wird auch Ihnen ganz gewiß helfen, haben Sie doch zu ihren besten Freunden gezahlt."

Beim Abschied traf ich Genoveva. Sie war überaus besorgt um Ihre Gesundheit. Vor kurzem erst, sagte sie, habe Ihr Herz derart versagt, daß Sie wohl kaum noch zu retten gewesen wären, hätte man nicht sofort einen Arzt gerufen. Deshalb umgab man Sie mit viel Aufmerksamkeit, Hingabe und Liebe. Besonders als Ihr Körper immer schwächer wurde und Ihr Leben sich dem Ende zuneigte. Ihr Nachfolger im Amt, Pfarrer ~Josef Schuhmann, brachte Ihnen immer wieder das Sakrament und begleitete Sie seelsorgerlich, bis Gott Sie nach siebenundneunzig Lebensjahren am 23. Februar 1967 heimholte. Bevor Sie Ihre Seele aushauchten, hinterließen Sie der Nachwelt noch ein bedeutsames Wort, ein Bekenntnis, eine Beglaubigung. Pfarrer Schuhmann fragte Sie nämlich, ob Sie im Sinne einer Stellungnahme noch, irgend etwas Über Therese Neumann ergänzend sagen wollten oder zu sagen hätten. Da bekannten Sie im Angesicht des Todes, daß dem, was Sie über Therese Neumann je gesagt oder auch geschrieben hätten, nichts hinzuzufügen sei, und daß Sie ebenso nicht bereit seien, davon auch nur den geringsten Abstrich zu machen. Mit diesem Wort haben Sie der Nachwelt ein überzeugendes Testament Ihres stets der Wahrheit verpflichteten Lebens zugesprochen.

Der Tag Ihrer Beisetzung nahte. Am Montag, dem 27. Februar 1967, trug man Sie zu Grabe. Nun weiß ich nicht, ob die raum- und zeitlose Existenz im "Drüben" "Ausblicke" auf unseren Planeten zuläßt. Daß es Kommunikation hin und her gibt, ist längst erwiesen. Therese Neumann darf hier als beispielhaft gelten. Vielleicht wird der Mensch in jenem unsichtbaren Kosmos mit einer neuen Weise des Sehens begabt, werden unbekannte Gesetze einer transzendentalen "Optik" wirksam, die es ermöglichen, etwa auch der Grablegung des eigenen Leibes "beizuwohnen". Ob Sie nicht doch, verehrter Herr Pfarrer, damals auf den Konnersreuther Friedhof herabgeblickt haben? So daß Ihnen, jene Vorgänge längst bekannt sind, auch die Lobreden, mit denen man Sie überhäuft hat. Aber wie dem auch sei: Ich erlaube mir dennoch, Ihnen meinen, einst einer großen Leserschaft zugedachten Bericht über die Beisetzungsfeierlichkeiten anzubieten:

Konnersreuth: Die Beisetzung des früheren Pfarrers von Konnersreuth, des Geistlichen Rates Josef Naber, am gestrigen Montag war für die Marktgemeinde ein Ereignis. Zahlreiche Trauergäste hatten sich eingefunden, aus der Bundesrepublik ebenso wie aus Holland, der Schweiz und Österreich. Stark vertreten waren die Diözese Eichstätt sowie der Klerus des Dekanats Tirschenreuth. Als Vertreter des Regensburger Bischofs waren die Domkapitulare Rosner und Erhardsberger gekommen, außerdem sah man Helmut Fahsel aus Locarno, ,Verleger Dr. Johannes Steiner, München, Passionistenpater Paul, Holland, die Holländerin Berta Meuleberg, Landrat MdL, Otto Freundl und den Bundestagsabgeordneten Franz Weigl. Das Requiem in der Pfarrkirche zelebrierte Prälat Lorenz Rosner, ein Sohn der Pfarrgemeinde Konnersreuth.

Anschließend formierte sich ein langer Trauerzug zum Friedhof mit allen Vereinen des Ortes und der Blaskapelle Konnersreuth, die auch am Grabe Trauermusik spielte. Die Gedenkrede hielt der Dekan des Landkreises, Geistlicher Rat Josef Neidl aus Mitterteich. Pfarrer Naber, so sagte er einleitend, sei eine einmalige Priesterpersönlichkeit gewesen. Ja man könne ihn den Priester schlechthin nennen. Nicht weniger als einundsiebzig Jahre lang habe er dem Herrn gedient: "Geistlicher Rat Josef Naber war weithin bekannt, wie die Resl von Konnersreuth, die er als Seelsorger betreut hatte. Er war begnadet wie, kein anderer Priester, aber auch mit außerordentlichen Aufgaben betraut, die im Zusammenhang mit den mystischen Ereignissen in~ Konnersreuth standen.

Dazu habe ihm Gott auch die rechten Geistesgaben verliehen: "Der einfache Landpfarrer im schlichten Priesterrock war beschlagen auf dem Gebiet der Theologie und war Experte im Bereich- der Mystik, der mit jedem Spezialisten die Klinge der Wissenschaft und der Theologie kreuzen konnte und auch kreuzte, und dies aus dem Überzeugten Glauben an die Übernatürlichkeit der Konnersreuther Ereignisse." Im Kampf um das Für und Wider Konnersreuth sei Pfarrer Naber unbeirrt seinen Weg gegangen und habe von seiner tiefgründenden Heilandsliebe her alles der göttlichen Vorsehung anheim gestellt,

Außerordentlich, meinte der Dekan, sei, bei Pfarrer Naber auch das priesterliche Tun gewesen: "Dieses Wirken war nicht bestimmt von der vermeintlichen Vollmacht des Wortes, vielmehr von der Allmacht der Gnade sowie der Macht des priesterlichen Gebetes und Beispiels: Pfarrer Naber liebte nicht die Lautstärke des Wortes. " Wenn das Konzil gesagt habe, alle wahre Erneuerung müsse vom Altar ausgehen, so habe der Heimgegangene diese Erneuerung langst vor dem Konzil praktiziert, denn im Mittelpunkt seiner Seelsorge seien Meßopfer und Opfermahl gestanden: ',Seine seelsorgerliche. Methode war die Weckung der Heilandsliebe, der eucharistischen Liebe und die Hinführung seiner Pfarrkinder zum Mysterium der Eucharistie." Nicht die geringste Frucht dieser Seelsorge seien die vielen Priester, die Konnersreuth der Kirche geschenkt habe. In diesem Zusammenhang erwähnte der Dekan auch das "Theresianum" und die Spätberufenenschule Fockenfeld.

Der Sprecher rühmte schließlich die Kindlichkeit des Heimgegangenen, seine Vornehmheit, Demut und Bescheidenheit. Er sei kein Freund persönlicher Ehrungen gewesen. Allzeit habe er sich dem benediktinischen Grundsatz verpflichtet gewußt, daß Gott in allem verherrlicht werde. "Was von dieser Priesterpersönlichkeit bleibt", meinte der Dekan, "ist das gelebte Beispiel", von dem her er zwei Generationen geformt habe. Er habe Liebe gepredigt und ausgestrahlt: "Wir danken Gott, daß er ihn uns gab, und wir freuen uns, daß er ihn uns nahm, wissen wir doch, daß er noch unser ist als Fürbitter."

Nun nahm Pfarrer Josef Schuhmann Abschied von seinem Vorgänger: "Die Pfarrei nimmt heute Abschied von der sterblichen Hülle ihres heimgegangenen geistlichen Vaters. - Der eigentliche Abschied zwischen ihm und der Pfarrgemeinde liegt bereits zwanzig Monate zurück. Er geschah bei der Feier seines siebzigsten Priesterjubiläums. Als sein Benefiziat und Nachfolger in der Pfarrseelsorge habe ich am Vorabend des Jubelfestes versucht, sein lauteres, priesterliches Leben nach dem Vorbild des guten Hirten aufzuzeigen. Persönlich und im Namen der Pfarrgemeinde habe ich ihm gedankt für sein seeleneifriges Wirken in der Pfarrei. Die Worte, die dann der ehrwürdige Priestergreis an uns gerichtet hat, waren die Abschiedsrede an seine, wie er sich ausdrückte, lieben und treuen Pfarrkinder. Die Teilnahme der ganzen Pfarrfamilie an seinem seltenen Fest erfüllte ihn mit tiefer Freude. Es war ein Segenswunsch, als er sagte: Das wäre schön, wenn wir einmal im Himmel so versammelt wären wie heute. Ich bete für die Pfarrgemeinde, der ich vorgesetzt war und die ich mit mir im Himmelreich haben möchte. Das ist mein letzter Wunsch.'


Dieses Schreiben des Pfarrers Josef Naber läßt erkennen, wie sehr sich Therese Neumann immer wieder von den Massenbesuchen an ihren Leidenstagen distanziert hat.

 

Alle, die den Heimgegangenen näher kannten, wissen, daß dies keine leeren Worte waren. Mir persönlich hat er öfter versichert, daß er täglich für die Pfarrgemeinde bete und seine ehemaligen Pfarrkinder häufig segne. Für die Zeugen war es ergreifend, als er auf dem Sterbebett die Pfarrei nochmals gesegnet hat. Dann bat er seinen Beichtvater, er möge des sterbenden Pfarrers Grüße an alle Pfarrangehörigen weitergeben. Als großer Beter und als. Segenspfarrer soll uns der Heimgegangene in Erinnerung bleiben."

Pfarrer Schuhmann fuhr fort: "Bis ins hohe Alter, ja bis in seine letzten Lebenstage, hat er die heilige Messe mit erbaulicher Andacht gefeiert. Solange er in der Pfarrkirche zelebrieren konnte - bis zu seinem neunzigsten Lebensjahr, hat er, wenn möglich, auch noch die zweite Messe mitgefeiert und keine Andacht versäumt. Oft sahen wir ihn nachmittags als stillen Beter vor dem Tabernakel knien. So hat er der Pfarrgemeinde das gute Beispiel der Hochschätzung der Eucharistie gegeben. Jene, die ihn in den letzten Monaten und Wochen mit aufopfernder Hingabe umsorgt und betreut haben, wissen, wieviel und wie innig er auch noch in den Tagen der Krankheit und des leidvollen Absterbens gebetet hat. Er hat das Sterben und den Heimgang zu seinem Heiland herbeigesehnt, ebenso das Wiedersehen mit seinen verstorbenen Pfarrkindern, mit den vielen Freunden und Bekannten, die ihm im Tod vorausgegangen sind. Und es darf gesagt werden: Besonders herbeigesehnt hat er das Wiedersehen mit der seiner priesterlichen Führung anvertrauten Stigmatisierten, in deren Nähe er nun ruhen wird."

Den Dank des Regensburger Bischofs überbrachte Domkapitular Erhardsberger: "Dieser Priester hat die Ehre der Diözese hinausgetragen in alle Welt. Auch die Weltkirche grüßt ihn." Dann wurde ein Beileidstelegramm des Bischofs von Leiria (Fatima) verlesen. Der Bürgermeister von Konnersreuth, Josef Bauer, dankte dem verstorbenen Ehrenbürger der Marktgemeinde, der mit allen Bürgern Freud und Leid geteilt habe. Pfarrer Naber sei in die Geschichte des Ortes eingegangen. Geistlicher Rat Josef Naber wurde neben dem großen Friedhofskreuz nahe dem Grab der Stigmatisierten beigesetzt.

Soweit mein Bericht von damals. Viel Gutes ist über Sie gesagt worden, verehrter Herr Pfarrer Naber. Doch jener Charakterisierung hätten Sie sicher widerstanden, als man Sie einen Experten der Mystik genannt hat. Ein Experte ist nach heutigem Verständnis ein Fachmann, der sein Wissensgebiet bis ins Detail beherrscht, sich darin ständig fortbildet und forschend stets neuen Horizonten zustrebt. Von solcher Art waren Sie nicht. Da bleibe ich lieber beim lateinischen

Wortsinn von "expertus". Es leitet sich ab von "experior" und bedeutet soviel wie aus Erfahrung kennenlernen, erfahren, erleben, erleiden. Ja - auch erleiden. Haben Sie all das, was an Therese Neumann und um sie herum geschah, nicht auch mitgelitten? Da war nicht immer die Freude der Visionen. Fast jeder Tag forderte Ihre Hingabe und Aufopferung. Nur insofern waren Sie "Experte". Daß sich die Mystik von Konnersreuth nicht in dürre Begriffe einfangen läßt, darüber waren wir uns von Anfang an einig. Ohne Ehrfurcht vor dem Mysterium läßt sich Konnersreuth nicht entdecken. Auch nicht ohne Gebet. Therese Neumann pflegte auf ihre Andenkenbildchen zu schreiben: "In hl. Gebet vereint!" Darf ich unsere, über Ihren Tod hinaus währende Freundschaft auch so verstehen?

 

 

 


Grabstätte des Pfarrers Josef Naber

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