Nachfragen

Dreiundneunzig Jahre alt war Pfarrer Josef Naber, als ich ihn bat, er möge doch einige mir wichtig gewordene Fragen, die Therese Neumann betrafen, beantworten. In heutiger Journalistensprache würde das heißen, er möge mir ein Interview gewähren. Ich fühlte mich dazu um so mehr ermutigt, als ich den Priester in geradezu heiterer Stimmung antraf Keine Spur von körperlicher Schwäche oder geistiger Müdigkeit war ihm anzumerken. Ich befragte ihn nicht, um Neues Über die Stigmatisierte zu erfahren. Nur einige Unklarheiten wollte ich korrigiert, dies und jenes präziser dargestellt wissen. Freilich schweifte mein Gesprächspartner zuweilen vom Thema ab, wenn ihn die Erzählfreude überwältigte. Doch alles, was er sagte, ließ seinen klaren, wahrhaftigen, nur dem Objektiven zugewandten Geist erkennen. Sein Denken und Reden schien vom Alter kaum beeinträchtigt zu sein.

Panzer: Neulich stellte mir ein Augenarzt die Frage, ob denn Therese Neumann wirklich blind gewesen sei, als sie geheilt wurde. War diese Blindheit wirklich nachgewiesen?

Naber: Sie hat einfach nichts mehr gesehen. Und wenn man nichts mehr sieht, ist man eben blind. Nach vierjähriger Blindheit ist sie plötzlich geheilt worden. Sie hatte eine Novene zur heiligen Theresia vom Kinde Jesu gemacht mit der Bitte, um sehend zu werden - im Geiste. Um geistige Erkenntnis ging es ihr da. Am gleichen Tag war der Vater zu einem Heilkundigen gegangen, um für die Resl ein Medikament zu holen. Und als er heimkam, war die Tochter sehend. Die Geschwister hat sie gar nicht mehr erkannt. Es waren zehn Geschwister. Hinter ihr waren noch neun.

Panzer: Wie war das denn mit ihrem Gespür für die Gegenwart Christi in der konsekrierten Hostie?

Naber: Da hat kürzlich einer angefragt, ein theologisch Interessierter, ob denn auch bei der Abendmahlsfeier der Evangelischen der Heiland wirklich gegenwärtig sei. Ob dazu auch die Resl etwas gesagt habe. Darüber hat sie wohl gesprochen, aber zu erkennen gegeben, daß sie kein Dogmatikprofessor sei. Sie hat da nicht lange herumdiskutiert, sondern sich einfach zu ihrem Glauben bekannt.

Panzer: In ihr ist ja, wie man nachgewiesen hat, die Hostie bis zum nächsten Kommunionempfang erhalten geblieben.

Naber: Sehen Sie, das ist das Geheimnis ihrer Nahrungslosigkeit. Ein Geheimnis, das so viele Zweifel erregt hat bei Katholiken und Nichtkatholiken. Fünfunddreißig Jahre lang hat, sie nicht das Geringste gegessen und getrunken. Wenn ich hie und da zur Resl gesagt habe: Resl, wir müssen doch essen und trinken, sonst können wir nicht leben, und Du ißt Wochen und Jahre lang nichts. Wie kannst Du denn leben? Ich leb' vom Heiland, hat sie gesagt. Wenn wir kommunizieren, verschwindet die Brotsgestalt mit der Gegenwart des Heilandes etwa innerhalb einer Stunde. Der Heiland ist dann sakramental nicht mehr in uns, wohl der Gnade, der Liebe nach, aber nicht mehr sakramental. Bei ihr ist die Hostie erhalten geblieben. Sie hat den Heiland in sich gefühlt.

Panzer: Einmal hat Therese mir erzählt, daß sie das Sterben Pius XII. miterlebt hat.

Naber: Ja, da war sie dabeigewesen. Sie hat auch den Arzt gesehen. Darüber ist manches geschrieben worden. Ähnliches ist auch vom Sterben ihres sechsundvierzigjährigen Bruders Engelbert zu berichten. Der war zuerst zehn Jahre freiwillig beim Militär gewesen, dann kam der Krieg, und man hat ihn bis nach Norwegen hinaufgeschickt. Danach ist er bei der Post untergekommen. Später befiel ihn eine unheilbare Krankheit. Wieder und wieder mußte er ärztlich behandelt und operiert werden. Als er starb, waren wir alle dabei. Nachdem er den letzten Atemzug getan hatte, sah ihn die Resl vor dem Heiland als seinem Richter. Zugleich mit ihm waren mehrere verstorbene Verwandte gekommen. Der Heiland hat den Engelbert gut angeschaut, und dann sind alle hinauf in den Himmel. Als ihre Schwester Ottilie starb, hat sie das Gleiche gesehen. Auch bei ihrem Vater. Da ging es freilich anders zu. Als das Gericht zu Ende war, haben der Heiland und alle Himmlischen mit ihm den Platz verlassen, sind in den Himmel zurückgekehrt und haben den Vater allein gelassen. Und der stand tieftraurig da. Nun begann sein Fegfeuer.

Panzer: Was Sie mir da vom Vater der Therese erzählt haben, war mir schon bekannt. Ich habe nämlich an der Beisetzung des Ferdinand Neumann teilgenommen. Hernach, traf sich die Trauergesellschaft im Gasthof "Deutsches Haus" zu einem Mahl. Auch der damalige Regensburger Domprediger Pater Leo war, dabei. Später gesellte sich auch Therese dazu. Als sie eintrat, ging ich auf sie zu und fragte Sie, weshalb sie denn heute am Grab so bitterlich geweint habe. "Ihr Vater ist doch ganz gewiß im Himmel", sagte ich. Die Resl darauf: "Eben niad" (eben nicht). Nun, Herr Pfarrer, haben Sie mir den Tatbestand bestätigt.

Panzer: Schon lange wollte ich wissen, welche Heiligen denn Therese Neumann bevorzugt verehrt hat.

Naber: An erster Stelle natürlich Theresia vom Kinde Jesu. Der verdankte sie ja auch die Heilung von der Blindheit und Lähmung. Offensichtlich hat ihr auch das Temperament der neuen Heiligen zugesagt, ihre Frische und Lebendigkeit. So war ja die Resl auch. Natürlich verehrte sie auch sehr Maria, die Gottesmutter. Man hat ihr nachgesagt, hier lasse ihre Frömmigkeit zu wünschen Übrig. Solchen Anschuldigungen gegenüber beteuerte die Resl immer wieder, wie "schrecklich gern" sie Maria habe.

Panzer: Auch Papst Pius X., der spätere Heilige, war ihr doch ganz nahe gestanden.

Naber: Auf den hat sie viel gehalten. Man vermutet nämlich, daß dieser Papst seinen Nachfolger Pius XI., was Konnersreuth betrifft, günstig beeinflußt hat. Pius XI. hat sich voll Überzeugt für Konnersreuth eingesetzt. Er ließ Therese Neumann sogar zu sich einladen. Ein österreichischer Adeliger, welcher der päpstlichen Garde angehörte, machte einmal' Urlaub und gab zu verstehen, daß er auch Konnersreuth besuchen wolle. Als der Papst dies hörte, ließ er den Osterreicher rufen und gab ihm für Therese Neumann eine Reliquie des Franz von Assisi mit.

Panzer: In diesem Zusammenhang ist noch ein dritter Papst zu nennen, der ihr viel bedeutet hat, Pius XII. Über ihn habe ich mich einmal eingehend mit Therese unterhalten.

Naber: Ja, das ist mir bekannt.

Panzer: Wie war denn das Gebetsleben der Resl beschaffen. Darüber weiß ich soviel wie nichts. Ich vermute, daß sie vor allem in den Nachtstunden gebetet hat.

Naber: Ja, das stimmt. Tagsüber hatte sie ja kaum Gelegenheit dazu, weil sie da so viel von Besuchern geplagt worden ist. Aber Therese wollte nicht nur beten, sie wollte auch arbeiten. Arbeiten galt ihr sehr viel. Gebet und Arbeit gehörten für sie zusammen. Als es zur Gründung des Klosters kam, trat sie besonders für solche Weise des Lebens ein. Die dort anzusiedelnden Ordensschwestern sollten Über ihre Gebetspflicht hinaus auch arbeiten, das heißt, die im Kloster untergebrachten Pensionärinnen betreuen.

Panzer: Sie sprachen einmal davon, daß die Resl mit ihrem Engel, das heißt mit ihrem sogenannten Schutzengel, innigen Umgang gepflogen habe. Wie war das?

Naber: Ja, mit dem hat sie immer wieder geplaudert und erfolgreich verhandelt. Wenn irgendwo etwas Besonderes vorgekommen ist, war sie häufig der Überzeugung, daß da der Schutzengel dahinter gewesen sein müsse.

Panzer-. Auch der Dämmon, nach christlichem Verständnis der Teufel, ist ja ein Engel, allerdings einer, der von Gott abgefallen ist und nun versucht, auch den Menschen in die Verderbnis der Gottferne zu stürzen. Auch Therese, so haben Sie mir einmal erzählt, habe er nicht in Ruhe gelassen.

Naber: Besonders zur Faschings- und Kirchweihzeit hat er sie gequält. Nichts weiter wollte er erreichen, als daß sich Therese vom Leiden absetze, daß sie also nicht mehr leiden solle. Das Mitleiden mit dem Heiland aufkündige. Dann würden alle Betrübnis und alles Unangenehme schwinden. Sie werde dann wieder heiter und lustig und fröhlich sein können wie alle anderen Menschen auch. Da ist ihm die Resl dann mit aller Entschiedenheit entgegengetreten und hat gesagt: "Ich will, was der Heiland will, und wenn der Heiland will, daß ich leide, dann leide ich eben."

Panzer: Hat er sich dann entfernt?

Naber: Nein, nein, dann begann er mit schändlichsten Ausdrücken auf den Heiland zu schimpfen, nannte ihn sogar einen Hund, der sich nur deswegen habe annageln lassen, damit ihm die Leute nachlaufen. Auch Maria hat er gelästert. Doch wenn es dann gar zu arg geworden ist, hat die Resl mich rufen lassen und gebeten: "Vertreib" ihn!" Ich griff dann zu geweihtem Wasser. Daraufhin ließ er sie in Ruhe.

Panzer: Und wie hat sie denn nun den Teufel gesehen? Jemand hat mir gesagt, er sei ihr wie ein modern gekleideter Gentleman entgegengetreten.

Naber: Nein, sie hat ihn nicht gesehen, sondern nur gehört. Einmal freilich hat sie den Sturz der aufrührerischen Engel aus dem Himmel geschaut. Das aber war für sie so ungeheuerlich, so schrecklich gewesen, daß sie den Heiland gebeten hat, er möge sie diese Vision nicht mehr erleben lassen, diese Verwandlung der lichten Geister in Geister der Finsternis.

Panzer: Dem Teufel. war ja solche Macht gegeben, daß er sogar an Jesus, den Gottessohn, herantrat, um *ihn von seinem Heilsplan abzubringen. Damals in der Wüste und dann in Jerusalem. Auch diese Szenen hat Therese Neumann geschaut. Sie erzählten mir einmal davon. Können Sie mir jene Dramatik noch etwas eingehender, schildern?

Naber: Da ist der Heiland in der Wüste draußen, und es kommt der Satan zu ihm und hält ihm ein paar Steine hin: "Wenn Du der Sohn Gottes bist, dann sprich, daß diese Steine zu Brot werden!" Da hat der Heiland gesagt: "Der Mensch lebt nicht allein vom Brot, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt." Dann hat er ihn auf die Tempelzinne hinaufgetragen. Stellen Sie sich vor: Der Heiland läßt sich vom Teufel durch die Luft schleppen! Welche Erniedrigung, welche Verdemütigung! Dort droben sagte der Teufel zu Jesus:."Da schau, wenn Du da jetzt hinunterspringst unter die Leute hinein und wenn Dir dabei nichts passiert, dann wird es im Volk ein großes Staunen und Rühmen geben." Der Heiland darauf: "Du sollst den Herrn, Deinen Gott, nicht versuchen!" Dann nahm er Jesus auf einen hohen Berg mit und zeigte ihm alle Reiche der Welt in ihrem Glanz und in ihrer Schönheit und sagte: "All das will ich Dir geben, wenn Du niederfällst und mich anbetest!" Da ist der Heiland dann ernst geworden: "Es steht geschrieben: Du sollst den Herrn, Deinen Gott, allein anbeten und ihm allein dienen. Weiche Satan!" Oh, da hat er sich dann, ganz schnell davongemacht. Das hat die Resl alles geschaut. Das waren ganz dramatische Schauungen.

Panzer: Aber die wichtigste Schauung ihres mystischen Lebens war doch immer wieder jene der Passion Jesu.

Naber: Das war der Resl die Hauptsache, das Leiden, das sie erduldet hat. Ich bin vierundvierzig Jahre neben ihr. gewesen, vierundvierzig Jahre. Was sie in dieser Zeit alles gelitten hat, das kann man sich gar nicht vorstellen. Die Wundmale, immer Schmerzen, Hände, Füße., Seite und Kopf. Immer Schmerzen. Wenn Leute sie begrüßt und ihre Hand auch nur ein wenig zusammengedrückt haben, empfand sie argen Schmerz. Mit den Fußsohlen konnte sie gar nicht auftreten, sondern nur mit dem Rand der Füße und auf den Fersen, sonst hätten ihr die Wundmale der Füße Schmerzen bereitet. Das war keine Kleinigkeit. Fünfhundert- oder gar sechshundertmal hat sie in diesen vierundvierzig Jahren das ganze Leiden Christi geschaut, vom Ölberg bis nach Kalvaria. Sie ist mit dem Heiland gegangen und hat alles gesehen, auch das Kleinste, was mit ihm geschehen ist. Aber sie hat nicht nur geschaut, sondern Jesu Todesqualen auch mitgelitten.

Panzer: Die Passion begann doch stets in der Nacht vom Gründonnerstag zum Karfreitag.

Naber: Ja, etwa um Mitternacht. Da hat das Leiden begonnen, da hat sie den Heiland getroffen auf dem Weg zum Ölberg hinaus, sie hat sich angeschlossen und den Heiland auf seinem Leidensweg Schritt für Schritt begleitet. Sie hat alles ganz genau gesehen, was er gelitten hat, aber nicht bloß gesehen, sondern alles selber mitgelitten. Auch die seelischen Leiden, die Todesangst und Gottverlassenheit etwa. Zuerst fing dann die Herzwunde an zu bluten, dann rann Blut aus den Augen. Schließlich bluteten die Hände, die Knie, die Füße, die Geißelwunden an Brust und Rücken. Mittags hat sie den Heiland sterben sehen. Um diese Zeit ist er, gekreuzigt worden und um drei Uhr ist er dann gestorben. Der plötzliche Tod Jesu war stets fürchterlich. Da wurde ihr Antlitz bleich, fahl und länglich, einem Totengesicht ähnlich, die Todesqualen hatten ihren Höhepunkt erreicht. Therese selber ist übrigens an einem Herzleiden gestorben. Schon lange litt sie an Angina pectoris. Wenn sich dann immer wieder Herzkrämpfe einstellten, hat man jedesmal befürchten müssen, es könnte ein plötzliches Ende eintreten.

Panzer: Nach diesem schrecklichen Leiden, mit dem ja auch ein ganz erheblicher Blutverlust verbunden war, ist sie dann am Ostermorgen sofort wieder aufgestanden und hat den Ostergottesdienst besucht. War das wirklich so?

Naber: Am Ostermorgen um fünf Uhr! Da hat sie den Heiland auferstehen sehen auf dem Kalvarienberg draußen. Dorthin hatte er auch seine Mutter bestellt, und die ist mit einigen Frauen hinausgegangen. Die Resl erzählte: Die Mutter ist dann weitergegangen bis zum Ort der Kreuzigung, wohin der Heiland die Mutter gerufen hatte. Die anderen Frauen gingen zum Grab, um den Leichnam zu sehen. Und die jammerten: Wer wird uns denn den Stein wegwälzen? Der aber war schon weg. Die Mutter hat offensichtlich die Auferstehung Jesu erlebt. Ihr ist Jesus zu allererst erschienen.

Panzer: Therese Neumann hat ja auch die Himmelfahrt Jesu miterlebt. Darüber habe ich bereits einiges vernommen. Wie lief denn dieses Ereignis gemäß den Schauungen der Stigmatisierten ab?

Naber: Die Himmelfahrt Jesu geschah nach meiner Erinnerung gegen vier Uhr morgens. Schon in aller Frühe hatte der Heiland die Seinen auf den Ölberg hinausbestellt. Nach einer kurzen Stärkung im Abendmahlssaal brachen Maria, die Apostel und Jünger dorthin auf. Auch die Resl war mit ihnen, ebenso die Frau des Pilatus.

Panzer: Tatsächlich?

Naber: Ja. Die war nämlich eine Anhängerin des Heilands. Sie hatte ja ihren Mann gewarnt, daß er sich an Jesus schuldig mache, denn sie hatte in jener Nacht wegen dieses Gerechten viel zu leiden gehabt. Sie forderte sogar den Siegelring des Pilatus als Pfand, daß er diesen Jesus ja nicht verurteile. Als sie bei der Gerichtsverhandlung merkte, daß Pilatus wankelmütig zu werden begann, schickte sie ihm den Ring. Aber sie hat dann doch nicht mehr helfen können.

Panzer: Wie ging's nun weiter am Himmelfahrtstag?

Naber: Es muß wohl eine ergreifende Stunde gewesen sein. Alle sahen den auferstandenen Heiland verklärt. Er hat noch eine Ansprache an alle gehalten, dann wandte er sich an die Apostel und schließlich nahm er von seiner Mutter Abschied. Die hat geweint. Kann man sich denken. Nach diesen Reden erhob er sich, stieg zum Himmel empor und entschwand.

Panzer: Das Kreuz, an dem Jesus wie ein Verbrecher zu Tode kam, ist ja nicht verlorengegangen. Es lag meines Wissens unter der Erde und wurde dann unter mysteriösen Umständen wiedergefunden. Auch da hatte, glaub' ich, Therese Neumann eine den historischen Hintergrund aufhellende Schauung.

Naber: Da waren wir einmal in Weingarten. Man hatte uns eingeladen, und wir sind dann auch hingefahren. Acht Tage sind wir geblieben. Der Aufenthalt dort hat uns sehr beeindruckt, zumal wir in Weingarten auch mit dem Kardinal Bea und dem Bischof von Fatima zusammentrafen. Auch die Fürstin Monika von Waldburg-Zeil haben wir auf ihrem Witwensitz besucht. Wir begegneten auch dem jungen Fürsten, der sich gegenüber der Resl sehr freundlich gab. Das hat der Resl wohlgetan. Wir sind dann heimgefahren. Dann hat die Resl den Vorgang der feierlichen Einholung des aufgefundenen Kreuzes geschaut. Das Kreuz war wieder in die Hände der Griechen gelangt, die es den Persern abgekämpft hatten. Vierzehn Jahre lang hatten es die Perser zurückbehalten, wohl in der Erwartung, man werde das Kreuz vielleicht einmal dringend brauchen können, etwa als Friedensbedingung, wenn ihnen, den Persern, ein christlicher Nachbar allzusehr zusetze.

Panzer: Hat damals nicht Kaiser Konstantin, als er das Kreuz auf den Kalvarienberg hinauftragen sollte, versagt, und war er dann nicht aufgefordert worden, sein Prachtgewand abzulegen?

Naber: Das hat Therese Neumann gesehen. Als die Griechen die Perser besiegt hatten, wollten sie nur dann Frieden schließen, wenn man ihnen das Kreuz zurückgebe. Das ist, geschehen. Die Griechen waren über diese Rückgabe so sehr erfreut, daß sie das Ereignis festlich begingen. Der Kaiser erklärte sich bereit, das Kreuz Christi persönlich auf den Kalvarienberg hinaufzutragen. Aber er kam mit seiner Last nicht vorwärts. Da sagte ihm der Bischof von Jerusalem: "Kaiser, in einem solchen Aufzug hat seinerzeit Jesus das Kreuz nicht auf den Kalvarienberg geschleppt. Keinesfalls in kaiserlichem Schmuck. Konstantin hat sich das zu Herzen genommen, allen Pomp abgelegt und sich ein ganz schlichtes Kleid übergeworfen. Barfüßig schritt er dann den Berg hinan und legte auf der Höhe das Kreuz Das war also geschehen zur Zeit des Kaisers Konstantin und seiner Mutter, der heiligen Helena (255 bis 330). Dieser Frau ist die Auffindung des Kreuzes zu danken. Sie hatte nachgraben lassen und war tatsächlich auf Kreuzteile gestoßen. Das war recht schwierig, denn die gesuchten Balken lagen sehr tief. Nun kamen aber auch noch andere Kreuze zum Vorschein, so daß man nicht unterscheiden konnte, welches von ihnen das Kreuz Christi war. Wohl hatten die Gräber die Titelschrift des Pilatus gefunden (Jesus, König der Juden), aber niemand wußte, zu welchem Kreuz sie gehöre. Da riet der Bischof, eine schwerkranke Person kommen zu lassen, um ihr die verschiedenen Kreuzteile aufzulegen. Die Resl hat das alles ganz genau gesehen. Nun probierte man halt aus. Und in der. Tat: Bei der Berührung mit ganz bestimmten Holzteilen gelang die plötzliche Heilung der kranken Person. Daraus schloß man wie selbstverständlich darauf, daß es sich hier um das Kreuz des Heilandes handeln müsse. Nur von ihm konnte eine solche Kraft ausgehen. .

Panzer: Therese Neumann vermochte doch auch Partikel des wahren Kreuzes von unechten spontan zu unterscheiden.

Naber: Das Kreuz ist dann hochverehrt worden. Einen Teil von ihm schenkte die Kaiserin ihrem Sohn Konstantin, manches blieb in Jerusalem. Teile und Teilchen wurden in die ganze damalige Welt versandt, vieles gelangte natürlich auch nach Rom.

Panzer: Von der römischen Kirche Santa Croce ist mir bekannt, daß man dort eine große Reliquie des Kreuzes Christi zur Verehrung aufbewahrt.

Naber: In Eichstätt, bei Bischof Rackl, hat die Resl einmal eine Kreuzreliquie identifiziert. Der Bischof ließ diese daraufhin in kleinste Teile zerlegen und diese fassen. Auch beglaubigte er amtlich deren Echtheit. Ach mit Eichstätt war ja die Resl so vertraut. Bischof Rackl und die Hochschulprofessoren Franz Xaver Wutz und Franz Mayr hatte sie zu Freunden. Da ist die Resl bei Professor Wutz, wo sie zu wohnen pflegte, einmal in Ekstase gekommen. Das konnte bei ihr leicht passieren. Die haben da irgendwas gemacht ...

Panzer: Der Professor Mayr war doch an der Eichstätter Hochschule zuständig für Biologie.

Naber: Ja,. der ist Naturwissenschaftler. Der hat der Resl allerlei schöne Bilder aus dem Leben der Natur gezeigt, wunderbare Vergrößerungen, die sie begeistert haben und bei deren Betrachtung sie viel gestaunt hat.

Panzer: Ich nehme an, daß es sich da um mikroskopische Aufnahmen gehandelt hat. Ob die Resl je einmal durch ein Mikroskop geblickt hat?

Naber: Das waren herrliche Bilder, und die Resl wurde bei ihrer Betrachtung mit solcher Freude erfüllt, daß sie in Verzückung geriet. Das geschah auch bei vielen anderen Gelegenheiten, etwa wenn sie einen schönen Sonnenuntergang erlebte. Da schaute sie ' hinter den Dingen Gott, seine Macht und Schönheit. Von solchen Visionen wurde sie einfach Überrascht. Hier erlebte sie den sogenannten erhobenen Ruhezustand. Wenn ich dann die Resl gefragt habe, was denn nun gewesen sei, so hat sie geantwortet: "Ich hab jetzt nicht mehr denken, sondern nur noch den Heiland liebhaben können." Das schlußfolgernde Denken, wie es uns eigen ist, hat sie nicht mehr gehabt. Daist ein Stück Himmel. Die vollständige Hingabe an Gott. Einmal waren wir auf der Luisenburg im Fichtelgebirge und standen vor dem riesigen Felsenlabyrinth. Da wollte die Resl unbedingt hinauf. Wie kann denn das geschehen, dachte ich mir. Aber die Resl ist uns allen vorangegangen. Dabei begannen ihre Füße zu bluten. Aber das hat ihr gar nichts ausgemacht. Und als sie der herrlichen Felsbildungen ansichtig wurde, kam sie in Ekstase. Sie war dem Schöpfer begegnet und seiner Herrlichkeit innegeworden.

Panzer: Können Sie mir noch einiges Über Thereses sogenannte ekstatische Kommunionen und deren mystischen Hintergrund erzählen? Einmal durfte ich ja dabei sein. Da hatten Sie mich vor etlichen Jahren als Beobachter mitgenommen. Als die Hostie plötzlich von der Zunge verschwand ...

Naber: Das war gewöhnlich an höheren Festtagen oder bei besonderen Anlässen. Da hat sie den Heiland vor der Kommunion sehen dürfen. Eigens dafür haben wir ihr hinter dem Hochaltar einen Sitz aufgebaut, der einem Beichtstuhl ähnelt. In der Kirche ist ja kein einziges Plätzchen, an dem man sich vor den Leuten verborgen halten könnte. Und die Resl wollte nicht begafft werden. Diesen Sitz konnte man auch heizen, denn die Resl hat unter der Kälte sehr gelitten. Wenn man nun an solchen Tagen dorthin mit der heiligen Hostie kam, geriet sie in erregte Verzückung und sie hat dann weder den Priester noch die Hostie, sondern nur den verklärten Heiland gesehen, so, wie er von den Toten auferstanden ist. Nachher stellte sich der erhobene Ruhezustand ein. Da konnte man Fragen an sie stellen, wenn zuweilen etwas Wichtiges zur Entscheidung stand, und man hat auch Antwort bekommen. Dem Professor Rackl hatte sie Jahre zuvor vorausgesagt, daß er einmal Bischof von Eichstätt werde. So geschah es auch. Ja - Eichstätt! Dort war die Resl auch sehr befreundet mit der Äbtissin des Benediktinerinnenklosters, Benedicta von Spiegel. Die duzten sich sogar. Diese Äbtissin war eine theologisch hochgebildete und überaus vielseitige Frau.

Panzer: Ich kenne sie von der Literatur her. Ich habe zwei Bücher von ihr gelesen, die mich sehr bereichert haben. Sie hat sich auch eingehend mit Fragen der Mystik beschäftigt.

Naber: Die Abtissin hat der Resl immer wieder alles Interessante im Kloster gezeigt, auch den Stall, denn dem Kloster war eine große Ökonomie angeschlossen. Diese Freundschaft miterleben zu dürfen, war mir stets eine Freude. Eichstätt! Sehen Sie, das war der große Unterschied zwischen Eichstätt und Regensburg. In Eichstätt waren alle für die Resl, der Bischof, die Professoren und die Geistlichen, die bei ihnen studiert hatten. Besonders Professor Wutz, der persönlich sehr bescheiden war, aber sich auch energisch, ja draufgängerisch zeigen konnte. Die dortigen Priester und Studenten haben immer wieder gesagt: "Wenn in Konnersreuth ein Schwindel vorläge, dann wäre der Professor Wutz längst dahintergekommen."

Panzer: Aber gab es im Hochschulbereich nicht auch Gegner von Konnersreuth? Ich hörte davon.

Naber: Doch. Da war in Regensburg ein Professor Waldmann, der dort Moraltheologie gelehrt hat. Der nun hat bei jeder Gelegenheit gegen Therese Neumann gesprochen bei jeder Gelegenheit.

Panzer: Er soll aber nur ein einziges Mal in Konnersreuth gewesen sein. Wie hat er sich denn da verhalten?

Naber: Ja, einmal ist er gekommen. Aber nicht allein. In seiner Begleitung waren mehrere Herren. Als ich von der Resl wegging, hob sie die Hände hoch. Daran konnte man erkennen, daß noch eine Vision komme. Da waren die Herren dabei. Hernach kam der Professor Waldmann zu mir in den Pfarrhof und fragte, was die Resl denn geschaut habe. Therese sagte mir, daß sie die Verklärung Christi erlebt habe. Die Kirche feierte nämlich an eben diesem Tag das Fest der Verklärung. Ich erzählte dies dem Professor Waldmann, und der sagte darauf: "Das habe ich mir gedacht." Später habe ich erfahren, daß Waldmann seinen Leuten zuvor gesagt habe: Denkt nur jetzt fest daran und konzentriert euch darauf, daß Therese Neumann heute unter allen Umständen die Verklärung Jesu schauen muß! Sie haben sich, also eingebildet, sie hätten auf diese Weise die Schauung suggestiv hervorgerufen ... Ich habe dann von dem Professor Waldmann nichts weiter mehr gehört. Hab ihn auch nicht näher gekannt.

Panzer* Jedenfalls hat er in Regensburg eine ganze Theologengeneration gegen Konnersreuth geimpft.

Naber: Es ist halt so, daß ein Student seinem Professor zunächst alles glaubt, was er sagt oder lehrt. Da war noch einer aus Regensburg dabei, der sich auffallend kritisch benahm. Naja - und der Bischof dort, Erzbischof Michael Buchberger, der war wohl Überzeugt, daß in Konnersreuth alles mit rechten Dingen zuging. Aber ich weiß nicht ... der hat sich nicht recht getraut, Ein Amerikaner hat ihn einmal hart angefaßt: "Exzellenz, wie stehen Sie zu Konnersreuth?" Seine Antwort: "Zurückhaltend." Ich habe mit dem Bischof ganz offen geredet. Einmal waren wir in Wiesau zusammen, sind im Friedhof hin und hergegangen. Da haben wir buchstäblich gestritten miteinander. Später sah ich mich sogar gezwungen, einen längeren Artikel zu schreiben, wie er mir gar nicht gleichsieht. Ich hab' mich selber darüber gewundert., Da hatte mich nämlich ein Jesuit geärgert. Ich weiß nicht mehr wie er geheißen hat. Sein Artikel war in einer Zeitschrift seines Ordens erschienen.

Panzer: Wahrscheinlich in den "Stimmen der Zeit".

Naber: Da bin ich ganz energisch geworden.

Panzer: Hier liegt ja ein Überaus eindrucksvolles Bild der Resl vor Ihnen.

Naber: Das hat Dr. Mittendorfer, ein Arzt aus München, aufgenommen. Der ist heute auch da. Ich hab' ihn vorhin getroffen. Die Aufnahme stammt noch aus der ersten Zeit der Stigmatisation. Da hat Mittendorfer Therese in Eichstätt bei Professor Wutz fotografiert. Sie schläft. Sehen Sie, wie da ihre Hand den Kopf hält! Der Gesichtsausdruck ist herrlich.

Panzer: Mir ist aufgefallen, daß ihr Antlitz im erhobenen Ruhezustand zuweilen ausgesprochen schön erscheint.

Naber: Das ist gewiß so.

Panzer: Darf ich Sie, Herr Geistlicher Rat, zum Schluß noch fragen nach dem Stellenwert der Eucharistie im Leben der Therese Neumann. Der eucharistische Christus war ihr doch Mittelpunkt schlechthin.

Naber: Gewiß - aber sagen wir, noch höhergreifend: Die Liebe zum Heiland. Der Heiland hat bei der Resl alles gegolten. Wenn man sie gesehen und erlebt hat, kann man sich nur wundern, wie der Heiland ,einem so einfachen Menschenkind solche Herablassung und Liebe entgegenbringen kann. Ihr ganzes Leben war von der Liebe zum Heiland bestimmt. Nach außen hin hat sich die Resl kaum bemüht, stets völlig tadellos zu erscheinen." Da hat sie sich ziemlich gleichgültig verhalten. Wenn es aber um den Heiland und seine Ehre ging, dann gab es weder Halbheiten noch Kompromisse "Der Heiland über alles!" Von diesem Grundsatz her lebte sie. Darin gründet das Geheimnis ihres Lebens.

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