Zeugen

Die Zahl derer, die Therese Neumann erlebt und von ihr mehr als nur beeindruckt waren, läßt sich nicht, ermitteln. Man vermag sie, kaum zu ahnen. Viele von ihnen wußten sich von den Konnersreuther "Phänomenen" in einem Maße betroffen, daß sie sich mit dem bloßen Eindruck nicht zufriedengeben konnten und deshalb begannen, das Unbegreifliche durch naturwissenschaftliche oder theologische Forschung zu ,erhellen. Da waren heftige Dispute und literarische Fehden unausbleiblich. Die meisten Zeugen jedoch enthielten sich des, überflüssigen Streits. Sie kamen, sahen und glaubten. Zu ihnen zählen auch jene fünf Persönlichkeiten, die ich nunmehr dem Leser vorstellen möchte: Helmut Fahsel, Dr. H. Lemke, Dr. Placidus Jordan, Dr. Richard Sattelmair und Josef Schuhmann. Den meisten werden diese Namen kaum etwas besagen. Die vier Erstgenannten sind längst verstorben. "Greifbar" ist nur noch Geistlicher Rat Josef Schuhmann, der Nachfolger des Pfarrers Josef Naber. Er verbringt in Konnersreuth den Lebensabend. Ich habe mich diesen Zeugen deshalb zugewandt, weil ich sie alle mit Ausnahme des Dr. Lemke aus Berlin - persönlich gekannt, mit ihnen über Therese Neumann gesprochen und von ihnen vielfältige Denkanstöße empfangen habe. Ich durfte sie alle auch als kritische Beobachter kennenlernen, die einzig auf Wahrheit bedacht waren. Die fünf dünkten mich alles andere als Frömmler, religiöse Schwärmer oder die Wirklichkeit Überspielende Utopisten. In ihren Köpfen geisterte kein realitätsfremder Mystizismus. Jeder von ihnen praktizierte einen Beruf und stand mit beiden Beinen mitten im Leben.

Helmut Fahsel

Unter Jenen Persönlichkeiten, die ich im Zusammenhang mit den mystischen Vorgängen in Konnersreuth kennenlernen durfte, war er die mir am meisten zusagende: Kaplan Helmut Fahsel. Kein einziger klerikaler Ehrentitel schmückte seinen Namen. Bis zu seinem Lebensende - er wurde zweiundneunzig Jahre alt - nannte er sich "Kaplan". Als solcher hatte er sich einst durch seine Predigten weit über Deutschland hinaus einen Namen gemacht. Wo immer er auftrat, strömten ihm, besonders in den Großstädten, die Massen zu. Vor -allem deswegen, weil er "aktuell" zu predigen und die Wahrheiten des Christentums als Frohbotschaft zu vermitteln verstand. Wortmächtig widersprach er dem Zeitgeist, überzeugend zog er gegen den Materialismus als Weltanschauung und Lebenspraxis zu Felde.

Helmut Fahsel wurde am 2. November 1891 in Kiel geboren. Noch im gleichen Jahr übersiedelte er mit seinen Eltern nach Berlin. Die Mutter bekannte sich zum evangelisch-reformierten Glauben, der Vater zeigte sich kaum geneigt, dem Christentum bewußt näherzutreten. Nach dem Volksschulabschluß begann Helmut Fahsel als Volontär eine Buchhändlerlehre.

Der Drang nach Bildung hatte ihn wohl zu dieser Berufswahl veranlaßt. In diese Zeit fallen entscheidende Begegnungen. Er lernte zwei Männer kennen, die für seinen geistigen Lebensweg bestimmend werden sollten: den Jesuiten Georg von Sachsen und den Rabbiner Beck. Ihr Einfluß auf den jungen, lebensfrohen, sogar als Boxer auftretenden Helmut war derart, daß er sich entschloß, das Abitur nachzuholen, um später studieren zu können. Darüber hinaus wußte er sich vom Evangelium Jesu in einem Maße angesprochen, daß er den katholischen Glauben annahm und später in Innsbruck Theologie studierte. Dieser Lebenswende war ein visionäres Erlebnis vor einer Statue des heiligen Thomas von Aquin in einer Berliner Kirche vorausgegangen. Am 20. Juni 1920 empfing er die Priesterweihe. Dann berief ihn sein Bischof als Kaplan an die Kirche Sankt Klara in Berlin. Als die Nazis kamen, erkannten sie in ihm sofort einen ernstzunehmenden Gegner. Sie nannten ihn einen Juden, obwohl er von Geburt Nichtjude war. Seine rhetorisch kaum zu überbietenden Predigten hatten ihn verdächtig gemacht. Bevor er in den Ruhestand trat, wirkte Fahsel als Pfarrer an der Kirche Sankt Albertus Magnus in Berlin. Dann zog er sich in die Schweiz zurück. Er starb am 15. Januar 1983 in Locarno.

Helmut Fahsel war Theologe. Aber er war kein Doktor der Theologie, denn er legte wenig Wert auf akademische Auszeichnungen. Er verstand das Wort "Theologie" von seiner ursprachlichen griechischen Bedeutung her als "Rede von Gott oder Über Gott". Solcher Rede wußte er sich ein ganzes Leben lang verpflichtet. Diesen Gott wollte er bekannt machen, damit viele ihn verstehen und lieben lernten. Auf dieses Ziel hin hatte auch er selbst nach einem Führer und Wegbegleiter Ausschau gehalten. Er fand ihn in Thomas von Aquin, dem bedeutendsten Theologen des Mittelalters, dem auch heute noch hohe Aktualität zugesprochen werden muß. Fahsel war von diesem Meister der Logik fasziniert. Derart, daß er daranging, ein Riesenwerk des Thomas zu Übersetzen und zu kommentieren: die "Summa contra gentiles", "Die Summe wider die Heiden" oder, wie es im Untertitel heißt, "Die Verteidigung der höchsten Wahrheiten". Dieses literarische Lebenswerk des Helmut Fahsel brachte ein Schweizer Verlag in sechs Bänden auf den Buchmarkt. Die Kommentare des Übersetzers lassen auf fast jeder Seite eine Universalität des Wissens und der Belesenheit erkennen, die erstaunen macht. Fahsel hatte einen im 13. Jahrhundert neben seinem Lehrer Albertus Magnus hochmodernen, ja aufrührerischen Denker entdeckt. Dieser Thomas hatte nämlich gewagt, sich gegen den Willen des Papstes in seiner Glaubensbegründung auf einen vierhundert Jahre vor Christus geborenen griechischen Philosophen zu beziehen, auf Aristoteles. Der galt den damaligen Gottesgelehrten für ihr Denken als völlig unzuständig, denn er war - wie die Christen sagen - "Heide". Thomas machte sich deshalb an der Universität Paris den "Traditionalisten" gefährlich unglaubwürdig. Dennoch begründete er eine Theologie, die ob ihrer geistigen Dichte und Klarheit Bewunderung auslöst. Sogar der Dichter Hermann Hesse geriet ins Staunen, als er sich mit der zweiten Summe des Thomas von Aquin, der "Summa theologica", auseinander setzte.

Diese Rückblende in mittelalterliches Geistesleben war nötig, um meinen Zeugen, den Kaplan Helmut Fahsel, ins rechte Licht zu rücken. Sein Beobachten, Denken und Urteilen waren an Thomas von Aquin orientiert. Auch sein Verständnischristlicher Mystik. So konnte er mir denn einmal anvertrauen, daß Pfarrer Naber Dinge sage, die er, -normalerweise nicht wissen könne. Daß dessen durchdauernde, bewundernswerte Gesundheit ihren Grund darin habe, daß sein Denken und Sinnen stets nur auf eines, nicht aber auf vieles gerichtet seien, auf Christus nämlich. Menschen von solcher Art blieben gesund. An Therese Neumann bewunderte Fahsel vor allem deren Kindlichkeit. Der kindliche Mensch aber werde heute nicht mehr verstanden, ja er werde angefeindet von denen, die in der Welt "etwas sein und gelten wollten". Deshalb erwähle Gott vor allem einfache, kindliche Menschen, um sich an ihnen und durch sie zu offenbaren.

In Konnersreuth machte Helmut Fahsel merkwürdige Beobachtungen. Einmal sagte er mir, er treffe hier immer wieder auf Menschen, denen man anmerke, daß sie von "Mystik" ergriffen seien. Ihr Reden und Tun lasse keinen anderen Schluß zu. Wie überraschte er mich doch mit der geistig nur schwer nachvollziehbaren Feststellung: "Hier in Konnersreuth ist alles mystisch!" Derartiges kann nur einer behaupten, der sich auf eindeutige Erfahrungen zu berufen vermag. An dieser Stelle erscheint mir auch eine Episode in Berlin wichtig. Fahsel pflegte in den notvollen Nachkriegsjahren immer wieder Strümpfe für arme Leute nach Konnersreuth zu schicken. Kurz vor einer Reise nach Konnersreuth trat aus dem Menschengewühl der Großstadt auf Fahsels Haushälterin eine ihr völlig fremde Frau zu, um ihr zu bedeuten, sie solle doch ja nicht auf die für Konnersreuth bestimmten Strümpfe vergessen. Fahsel schloß daraus auf unsichtbare Verbindungen und Beziehungen von Konnersreuth her, ja er meinte sogar, daß dabei Engel im Spiel sein könnten.

Nicht selten bestieg Helmut Fahsel die Kanzel der Konnersreuther Pfarrkirche. Gerade in seinen Predigten wurde deutlich, daß er nicht gekommen war, um in aufdringlicher Rede die Konnersreuther Mystik zu verherrlichen. Im Gegenteil: Er predigte im Geiste Thomas von Aquins. Einmal hatte er als Thema ein Wort seines Lieblingsheiligen gewählt. Dieser Satz, so ließ er mich wissen, sei ihm Lebensmaxime. Er lautet lateinisch so: Omnis recta ratio vult semper Deum contemplari et semper aliquid facere meritorium. Wörtlich Übersetzt: Jede rechte Vernunft will stets Gott betrachten und stets irgendetwas Verdienstliches tun. In freier Rede wiedergegeben würde das etwa bedeuten: Jeder wahrhaft vernünftige Mensch sollte stets der Gegenwart Gottes eingedenk und bemüht sein, jederzeit Gutes zu tun. Bei anderer Gelegenheit wiederum klagte er im Predigtwort die weithin dem Materialismus verfallene Menschheit und den Übermut der Technik an, die sogar vermöge, den eigenen Planeten zu zerstören.

Seine Stellung gegenüber Therese Neumann war klar und unverrückbar. Keine, Einwände der Gegner vermochten sie zu erschüttern. Seine Sicht der Mystik von Konnersreuth präzisierte er einmal in größerem Zusammenhang so: "Obschon ich zur Zeit meiner ersten persönlichen Bekanntschaft mit Therese meine öffentliche Vortragstätigkeit nicht in den Dienst von Konnersreuth stellte, auch nicht darüber schrieb', auch von seiten der Therese und ihrer Umgebung niemals dazu irgendwie angesprochen wurde, so wurde ich doch, als man draußen nach zwei Jahren meiner oftmaligen Besuche in Konnersreuth etwas davon erfuhr, von vielen Seiten aufgefordert, hierüber zu reden und zu schreiben. Sprach ja schon seit 1927 nicht nur die ganze Presse Deutschlands, sondern auch des Auslandes von diesem Falle, und überall diskutierte man die Fragen: Ist es echt oder unecht? Was hat das Ganze für einen Sinn und wie kann man die angeblichen Phänomene von Konnersreuth mit unserer christlichen Weltanschauung, mit unserem Glauben und unserer Moral vereinbaren? Hierüber Auskunft zu geben, versuchte ich nun mit meinen Vorträgen an vielen Orten Deutschlands, der Schweiz und Hollands während der Jahre'1931 und 1933, dann von 1934 bis 1950 in der Schweiz und ab 1951 wieder in Deutschland, und zwar aufgrund folgender Erkenntnisse:

1. Therese Neumann ist keine kranke Person, weder psychisch noch physisch.

2. Weder sie noch ihre mit ihr vertraute Umgebung hat mir je auch nur den Anschein irgendeiner moralisch anfechtbaren Gesinnung oder Machenschaft nahegelegt.

3. Die einzelnen mystischen Gnadengaben und Phänomene lassen sich vereinbaren mit den gediegensten und bekanntesten Lehrbüchern der Theologia mystica und mit den Monographien katholischer Heiliger und Mystiker, die ich seit 1911 bis heute in meiner Bibliothek zu sammeln und zu studieren pflege.

4. Diese Gnadengaben und Phänomene an der Person der Therese und in ihrer nächsten Umgebung erwiesen sich mir im Laufe meiner Erfahrungen in Konnersreuth als solche, die einander nicht widersprechen, sondern im Gegenteil einen organischen Zusammenhang bilden, so daß sich ihre Echtheit auch von dorther erweist. Therese ist eine ausgesprochene Christus-Mystikerin, und der Heiland, scheint den ganzen Komplex von Konnersreuth zu dirigieren, ebenso Thereses Verhalten gegenüber ihren Besuchern.

5. Hierzu gehört auch der mystische Einfluß, den seit ihrer plötzlichen Heilung von Blindheit und Lähmung die heilige Theresia vom Kinde Jesu auf sie ausübt, die ihr bei ihrer Heilung am Tag ihrer Heiligsprechung zum erstenmal erschien und von da ab fast jeden Monat, um Therese asketisch zu bilden und zu ermahnen und zwar mit dem oft wiederholten Hinweis: "Durch Deine nun bevorstehenden Leiden darfst Du beitragen zum Heile der Seelen. Bewahre Deine Kindlichkeit und Demut! Alles Außergewöhnliche an Dir geschieht, damit die Welt erkenne, daß es ein höheres Eingreifen gibt."

6. Mit dem Einfluß der heiligen Theresia vom Kinde Jesu und dem außergewöhnlichen sakramentalen Innewohnen des Heilands hängt auch zusammen, wie Therese sich gegenüber ihren Besuchern in Konnersreuth in Stimmung und Benehmen verhält, ein Verhalten, das hie und da falsch gedeutet wird, ja gelegentlich zu heftigem Widerstand gegen Konnersreuth geführt hat. In solchen Fällen ist Therese offenbar ein Werkzeug dessen, der in ihr ruht, der aber auch in seiner nächsten Umgebung unduldsam ist gegen alles Eitle, Gekünstelte sowie übertriebenes Pochen auf Titel und Wissenschaftlichkeit. Heilsbegierde und Bußgesinnung sind ihm wichtiger."

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