Dr. med. et phil. Lemke,

Schon bald nach dem Auftreten der Wundmale an Therese Neumann und dem Bekanntwerden ihrer Nahrungslosigkeit kam dieser Berliner Arzt nach Konnersreuth. Ich war ihm nie begegnet. Seine Biographie blieb mir ebenso unbekannt wie die Bedeutung des "H. " vor seinem Familiennamen. Nur seine 1927 in Berlin publizierte Schrift Über die Stigmatisierte liegt mir vor. In irgendeiner Antiquariatsbuchhandlung hatte ich sie vor Jahrzehnten "entdeckt". Seitdem ist mir das. schmale Bändchen aus mehreren Gründen kostbar geworden.

Lemke bekennt sich eindeutig zur Psychosomatik, das heißt zu einem Verständnis des Menschen als leib-seelischer Ganzheit. Seine Therapie nimmt demnach die Seele des Menschen, den unsichtbaren Teil seines Wesens, ebenso ernst wie den Leib. Nur im harmonischen Zusammenwirken beider entsteht nach dieser medizinischen Lehre Gesundheit. Gottlob finden derartige Überlegungen auch in die moderne Medizin, wenn auch zögernd, mehr und mehr Eingang. Die griechischen Arzte der Antike hatten bereits fünfhundert Jahre vor Christus psychosomatische Heilungsmethoden erfolgreich praktiziert. Geradezu wunderbar anmutende Heilerfolge sind uns - etwa aus Epidauros - Überliefert. Auf sie kann hier nicht näher eingegangen werden. ,

In diese große Tradition reihte sich auch Dr. Lemke ein. Dies machte ihn mir von vornherein sympathisch. Doch er war nicht nur Doktor der Medizin, sondern auch der Philosophie. Darin wird er den Therapeuten der Antike noch ähnlicher, denn die Ärzte jener frühen Jahrhunderte waren auch, ja, vielleicht vorab Philosophen, das heißt, sie entwickelten ihre Medizin entscheidend von "Weisheit" her.

"Ich bin, an den Fall Konnersreuth", schreibt Dr. Lemke, "in erster .Linie als Arzt und Naturwissenschaftler herangetreten und habe alle diese Gedanken veröffentlicht, weil ich der modernen Wissenschaft das beschämende Bekenntnis ersparen möchte, daß sie sich einem solchen Fall gegenüber wissenschaftlich nicht einstellen kann und nicht in der Lage ist, ihn wissenschaftlich zu behandeln. Ich` habe das versucht und bin zu folgendem Ergebnis gekommen: Im Falle Konnersreuth sind materielle, somatische (leibliche, körperliche) Vorgänge, deren Gesetzmäßigkeit man naturwissenschaftlich feststellen und nachprüfen kann, zum Ausgangspunkt genommen. Es sind durch körperliche Vorgänge ewige, mit dem Menschenverstand nicht faßbare, also göttliche Wahrheiten veranschaulicht. Durch ihre Leiden ist der Körper der Stigmatisierten in solcher Weise in einen für uns scheinbar krankhaften Zustand versetzt, aber erst dieser Zustand ermöglicht dem Körper das Eingehen auf jene, wunderbaren Erscheinungsformen, die in Konnersreuth vorliegen."

Bei seiner Deutung der Phänomene rückt der Berliner Arzt die Stigmatisation der Therese Neumann an die erste Stelle. Sie ist der Ausgangspunkt seiner Überlegungen: "Hat Therese die Wundmale Christi an ihrem Körper oder nicht? Sind die Wundmale echt oder künstlich nachgemacht? Das ist der Kernpunkt des ganzen Problems von Konnersreuth. Die Taktik der Gegner nun läuft klugerweise darauf hinaus, Nebensachen zu bestreiten und zu bekämpfen, um dadurch die Aufmerksamkeit von der Hauptsache, von den Wundmalen, abzulenken." Wenn nun Dr. Lemke die Nahrungslosigkeit in den Bereich des Unwesentlichen verweist, so kann ich ihm darin nicht zustimmen: "Eine vollkommene Nebensache aber ist, ob Therese Neumann viel oder weniger ißt oder sich gar der Nahrung enthält. Dadurch, daß um diese Nebensachen gestritten wird, wird der klare Tatbestand der wunderbaren Erscheinungen in Konnersreuth verdunkelt. Das gerade aber wollen die Gegner und Feinde alles Wunderbaren."

Aber dennoch anerkennt Dr. Lemke, daß Therese Neumann ausschließlich von der konsekrierten Hostie lebt: "Sie nimmt Nahrung auf, aber nur Nahrungsstoffe, die wir nicht sehen können. Der eine sagt, sie lebt vom Willen, ein anderer, sie lebt vom Gebet. Ich sage: "Therese Neumann lebt von göttlicher Speise. Für den, der geistige Gesetze kennt, ist eine monate- und jahrelange Nahrungsenthaltung durchaus nichts Wunderbares. Es handelt sich auch gar nicht um Nahrungsenthaltung, sondern um eine andere Art der Speisung. Das Leben der Therese Neumann regiert die Macht göttlicher Gedanken." Diese Argumente klingen durchaus Überzeugend, aber es fehlt ihnen doch eine klare Definition dessen, was nach katholischem Glaubensverständnis Eucharistie meint: die Leben schenkende Gegenwart des auferstandenen Herrn.

Zu den Visionen und Ekstasen der Stigmatisierten bemerkt Dr. Lemke, daß Hypnose oder Suggestion völlig auszuschließen sind: "Zum Zustandekommen einer Hypnose gehört ein Hypnotiseur und ein hypnotischer Befehl. Pfarrer Naber ist seiner ganzen Art nach kein geeigneter Hypnotiseur. Fremdhypnose ist im Fall Konnersreuth völlig ausgeschlossen, ebenso Selbsthypnose. Denn bei jeder Art von Hypnose fehlt die Rückerinnerung. Der Hypnotisierte erinnert sich nicht an das, was er gesagt und getan hat. Therese Neumann aber hat Rückerinnerung."

Auch mit "Hysterie" lassen sich die Phänomene nicht erklären: "Wenn immer wieder betont wird, daß jede Hysterische die Wundmale an sich hervorbringen könne, so möchte ich alle Nervenärzte bitten, in ihrem Patientenkreise nach dieser Richtung zu wirken. Wir würden ja auf diese Weise ein schönes Beobachtungsmaterial zustandebringen, und die Wissenschaft könnte doch durch derartige Experimente ganz unabhängig von Konnersreuth wesentlich bereichert werden. " Auch die Echtheit der Ekstasen erklärt Dr. Lemke als erwiesen. Und zu den Visionen der Therese Neumann meint er, daß es sich hier um Mitteilungen von Intelligenzen handle, die jenseits des Lebens stehen: "Warum sollten wir Christen, die wir an ein Fortleben nach dem Tode glauben, nicht glauben können, daß uns Wesen von dort, seien es Heilige oder sonst hochstehende Verstorbene, Botschaften in irgendeiner Form zukommen lassen? Eine materielle Erklärung für diese Zustände gibt es nicht und wird es nie geben".

Der Arzt und Humanist Lemke faßt zusammen: "Wir wollen die Erscheinung in Konnersreuth getrost als das nehmen, was sie ist, als eine tatsächliche Materialisation des christlichen Gedankens. Nicht die Materie ist das Herrschende, sondern der Geist Gottes, der uns in jedem Naturgesetz entgegentritt. Die Erscheinungen an Therese Neumann sind echt und als Offenbarungszeichen anzusehen."

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