Dr. Max Jordan

Schon gegen Ende der zwanziger und zu Beginn der dreißiger Jahre durfte ich ihm immer wieder begegnen. Nichtpersönlich zwar, aber auf der Titelseite der damals bedeutendsten deutschen Zeitung, des "Berliner Tageblatt". Dr. Max Jordan war nämlich damals als Korrespondent in Paris und später in den Vereinigten Staaten tätig. Seine Artikel verrieten nicht nur hohe politische Bildung, mehr noch eine Weise des Umgangs mit der deutschen Sprache, die mir Bewunderung abnötigte, ja mich zuweilen neidisch werden ließ. So oder wenigstens annähernd so möchte ich auch einmal schreiben können, sagte ich mir beharrlich vor.

Innenpolitisch war der Zeitung in jenen Jahren eine Aufgabe von äußerster Brisanz zugewachsen. Die Gefahr nämlich, daß die Nationalsozialisten an die Macht kämen, hatte Beunruhigung und Sorge ausgelöst. Deshalb versuchte das "Berliner Tageblatt", der heraufziehenden Katastrophe mit allen geistigen Mitteln zu begegnen. Chefredakteur der Zeitung war Theodor Wolff, ein Mann von universaler Bildung, dessen Leitartikel der Leser wie ein literarisches Kunstwerk genoß. Er setzte klare, politische Maßstäbe, die in aller Welt Beachtung fanden. Ich erinnere mich noch seines Beitrags zu einem J. S. Bach-Jubiläum. Mit wenigen Strichen entwarf er da ein Porträt des Thomaskantors, das Über alle musikwissenschaftliche Qualität hinaus enge Vertrautheit mit dem Geist und der Frömmigkeit des Meisters verriet. Auf der Abschußliste der Nazis stand Theodor Wolff in der ersten Reihe. Er vermochte zwar rechtzeitig ins Ausland zu fliehen, doch fiel er 1943 der Gestapo in die Hände. Nach vielen Leiden starb er in seiner Geburtsstadt Berlin.

Auch sein politischer Mitarbeiter Dr. Max Jordan war unter der Herrschaft der Nazis untragbar geworden. Das "Berliner Tageblatt wurde verboten. Jordan blieb in den USA, um von dort aus die politische Entwicklung Deutschlands weiterzuverfolgen und seine Beobachtungen journalistisch zu verarbeiten. In Amerika genoß er so hohes Ansehen, daß ihn die Rundfunkgesellschaft NBC zum Europa-Direkor ernannte. Man hatte ihm auch die amerikanische Staatsbürgerschaft zuerkannt. Erst 1945 kehrte er nach Deutschland zurück.

Schon vor seiner Emigration war Max Jordan in Berlin dem großen Religionsphilosophen und Theologen Romano Guardini begegnet, der an der dortigen Universität den Lehrstuhl für christliche Weltanschauung innehatte. Studenten aller Fakultäten strömten damals zu Guardinis Vorlesungen. Auch Max Jordan wird sich ihnen zugesellt und immer wieder auch die persönliche Begegnung und das Gespräch mit .Romano Guardini gesucht haben. Die Persönlichkeit, die Weise, Theologie zu vermitteln, und das literarische Werk des Professors hatten Jordan in einem Maße beeindruckt, daß er sich entschloß, zum katholischen Glauben Überzutreten, Theologie zu studieren und Priester zu werden. In der berühmen Benediktinerabtei Beuron nahm er das Ordenskleid. 1951 wurde er als Sechsundfünfzigjähriger in Rom zum Priester geweiht. Er blieb Benediktiner. Als Ordensnamen wählte er Placidus. Als Pater Placidus beschloß er sein ungewöhnliches Leben in der Schweiz, doch nicht in weltfremder Abgeschiedenheit, sondern bis zuletzt als kritischer Beobachter der weltpolitischen Szene.

Noch heute mutet es mich wie eine wunderbare Fügung an, als dieser Pater Dr. Placidus Jordan an einem Karfreitag in Konnersreuth auf mich zukam. Er war von hoher hagerer Gestalt, seine Gesichtszüge schienen mir von asketischer Strenge gezeichnet. ich durfte einen freundlichen Menschen kennenlernen, dessen Sprache und Argumentation benediktinische Spiritualität offenbarten. Was suchte dieser Mann in Konnersreuth? Hatte er, seiner Neugierde nachgegeben, war er als Journalist gekommen oder lag ihm Tieferes im Sinn? Pater Placidus gab mir zu verstehen, daß er die Konnersreuther Vorgänge schon seit vielen Jahren mit großem Interesse verfolge. Nun wolle er endlich einmal die Stigmatisierte * und ihre Leidensekstase mit eigenen Augen sehen.. Schon in Amerika sei er von der Wahrheit dieser mystischen' Geschehnisse Überzeugt gewesen. Man könne und dürfe diesen wunderbaren Ereignissen nur in der Haltung der Ehrfurcht begegnen. Und er wisse aus Erfahrung, daß gerade in Amerika für Konnersreuth außerordentliches Interesse bestehe. Deshalb werde er seinen amerikanischen Freunden den Ablauf des heutigen Karfreitags in Konnersreuth eingehend schildern und für eine vielgelesene Zeitung in den USA einen Artikel schreiben.

Doch weil er nicht alljährlich nach Konnersreuth reisen könne, seine amerikanischen Leser aber nicht enttäuschen wolle, traf er mit mir folgendes Abkommen: Ich solle ihm Jahr um Jahr über den Konnersreuther Karfreitag berichten, und zwar nicht brieflich, sondern telefonisch. Schon am Nachmittag solle ich die Abtei Beuron anrufen, damit er meinen Bericht sofort nach Amerika weiterleiten könne.

Der Beuroner Mönch hat einige vielbeachtete Bücher hinterlasen, die von seiner immensen Vertrautheit mit der Theologie zeugen. Seine hohe wissenschaftliche Bildung war wohl auch dafür ausschlaggebend, daß ihn Papst Paul Vl. zum Zweiten Vatikanischen Konzil als theologischen Sachverständigen berief. Den spirituellen Ertrag des Konzils versuchte Jordan in seinem Buch "Vom Innewerden Gottes" niederzulegen. Er hatte es an die vielen Suchenden und Zweifelnden unserer Zeit adressiert. Noch weiter holt er in dem Romano Guardini gewidmeten Band "Antwort auf das Wort" ("Zur Sinndeutung des Glaubens") aus. Das Buch ist ein grandioser Einstieg in die geistliche Fülle der christlichen Glaubenswahrheiten. Aus seinem umfangreichen Briefwechsel ist vor allem jener mit Hermann Hesse bekannt geworden. Dem Dichter unterstellte er ein Daseins- und Weltverständnis, dem er als Katholik nicht allerwärts zu folgen vermochte.

Genau genommen hatte mir die Begegnung mit diesem weltoffenen, kosmopolitisch denkenden Mönch aus Beuron mein Vater ermöglicht. Denn der Vater war Abonnent des "Berliner Tageblatt", dessen tägliche Lektüre in mir den Wunsch reifen ließ, selber einmal Journalist zu werden. Als solcher war ich denn auch an jenem denkwürdigen Karfreitag nach Konnersreuth gekommen. Ausgerechnet hier sollte ich den einst von mir so hochverehrten Auslandskorrespondenten Dr. Max Jordan kennenlernen; den Mönch, den Theologen, den Zeugen. Sein leidenschaftsloses Bekenntnis zu Therese Neumann hat viele ' ermutigt, ihren Glauben neu' zu überdenken und der Wahrheit auf der Spur zu bleiben.

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