Dr. Richard Sattelmair

Über viele Jahre hinweg verband uns eine herzliche Freundschaft. Schon von Anfang an fühlte ich mich ihm geistesverwandt. Denn auch er war ein begeisterter Verehrer der Antike, vorab in ihrer griechischen Ausprägung. Seine humanistische Bildung hatten ihm die Lehrer des traditionsreichen Gymnasiums Sankt Stephan in Augsburg vermittelt. Diese Lehrer waren benediktinische Mönche. Sattelmair sprach gerne von ihnen und rühmte ihnen nach, wie sehr ihre große Zusammenschau von Antike und Christentum das Weltbild des Gymnasiasten geformt habe. Diese Erzieher seien nicht nur Theologen, sondern auch überzeugte Humanisten gewesen. So sei ihm eine geistige Grundverfassung zugewachsen, die ihn sein ganzes Leben hindurch begleitet habe.

An eben dieser Schule empfing der junge Student auch erste Eindrücke von den einzigartigen Bildungen der griechischen Kunst, der Architektur ebenso wie der Plastik. Sie trafen ihn wie Offenbarungen. Hier schon begann Sattelmair zu erkennen, daß Kunst wesenhaft mit Religion zu tun habe. Jeder griechische Tempel war einer Gottheit geweiht, jede Plastik der Alten hatte ihr göttliches Fluidum. Auch die Literatur der Hellenen, vor allem ihre große Dichtung, war dem jungen Mann wichtig geworden. Er hatte die Bedeutung des Wortes, der Sprache, entdeckt. So beschloß denn Richard Sattelmair nach dem Abitur Kunstgeschichte zu studieren.

Von vornherein war er sich darüber klar, daß man im Bildungsbereich der Kunst ohne Theologie nicht auskomme. Deshalb bemühte er sich beharrlich, nicht nur die Götterlehre der Griechen, sondern auch das Gottverständnis des Christentums, seine Theologie also, kennen zu lernen. Das Studium beschloß er mit der Promotion zum Doktor der Philosophie. Nun hätte man erwarten können, daß der Kunsthistoriker seinem "Fach" treu geblieben wäre und einem seiner Ausbildung entsprechenden Beruf angestrebt hätte. Doch es kam ganz anders. Richard Sattelmair entschied sich für den Journalismus. Schreibend wollte er seine geistigen Erfahrungen weitergeben. Nicht nur als. Kunstgelehrter, sondern auch als Politiker.

Seine journalistische Tätigkeit nahm er als Redakteur einer Regensburger Zeitung auf. Der Verleger setzte in ihn hohe Erwartungen. Denn immer brutaler drängten die Nationalsozialisten an die Macht. Ihrer Ideologie die Stirne zu bieten, betrachtete Sattelmair als publizistische Hauptaufgabe. Er wurde ihr mit Bravour gerecht. Bis dann doch die Barbaren siegten und den Widerstand der Einsichtigen brachen. Doch Dr. Sattelmair ließ sich nicht ködern. Er blieb seinen politischen Überzeugungen über den Zweiten Weltkrieg hinaus treu. Bis die Amerikaner kamen, um nach deutschen Persönlichkeiten Ausschau zu halten, die der Diktatur getrotzt hatten.

Die neuen Machthaber gingen dabei mit äußerster Vorsicht ans Werk. Besonders im Bereich der Presse. Denn die Deutschen sollten nach zwölfjähriger ideologischer Unterdrückung endlich wieder objektiv unterrichtende Zeitungen lesen und zu demokratisch verstandener Politik hinfinden. In dieser Situation lernte der zuständige amerikanische Presseoffizier Dr. Sattelmair kennen. Er bot ihm sofort, eine Zeitung an, die er in Lizenz als Verleger übernehmen und gestalten sollte. Doch er lehnte ab. Denn wirtschaftliches Denken und kaufmännisches Kalkulieren lagen ihm nicht. Er wollte weiterhin schreiben nur schreiben. Als die Amerikaner im Jahre 1946 in Weiden die Zeitung "Der neue Tag" ins Leben riefen, holten sie Dr. Sattelmair in die Chefredaktion und übertrugen ihm die Ressorts Politik und Kultur. Er wurde zum Mann der ersten Stunde. Seine Leitartikel gerieten zu stilistischen Glanzleistungen. Der von ihm gestaltete Kulturteil konnte sich mit jeder Zeitung einer deutschen Großstadt messen..

Am 1. Februar 1947 berief mich Dr. Sattelmair in die Redaktion. Wir wußten um die Bedeutung und das Wagnis unseres Auftrags. Deutschland war besiegt, vom Tyrannen befreit. Die Deutschen hungerten, doch nicht nur nach Brot, sondern mehr noch nach geistiger Nahrung. Lange Zeit gab es weder Zeitungen noch Bücher. Die literarische Hinterlassenschaft des sogenannten "Dritten Reiches" war Makulatur geworden. Ganz von vorne, ganz von unten her war zu beginnen. Das damals noch recht kleine Redaktionsteam mußte erst geistig Fuß fassen. Nicht selten saßen wir bis Mitternacht zusammen, um die nächste Ausgabe zu planen und den Umfang der jeweiligen Beiträge festzulegen. Denn Papier war knapp geworden. Gerade in solcher Notlage lernte ich Dr. Sattelmair als sachkundigen Pressemann alter Schule kennen. Ordnung und Klarheit gingen ihm über alles.

Mit besonderer Hingabe widmete sich Sattelmair geistig-kulturellen Themen. In der Zeitung hatte, er sich eine regelmäßig erscheinende Seite, "Die Besinnung", reserviert. Hier wurden Fragen und Probleme abgehandelt, die Über den Tag hinauslagen. Die Artikel sollten den inneren Menschen anrühren und den Sinn menschlicher Existenz bewußt machen. Eine solche Seite widmete Dr. Sattelmair am 7. April 1948 Therese Neumann, die tags darauf den fünfzigsten Geburtstag feierte. Dieses Datum hatte uns bewogen, nach Konnersreuth zu fahren, um Therese Neumann und Pfarrer Josef Naber zu besuchen. Wir wurden freundlich empfangen. Beide zeigten sich überaus gesprächsbereit. Pfarrer Naber ließ uns sogar einer ekstatischen Kommunion der Stigmatisierten in der Pfarrkirche beiwohnen. Das Ereignis hatte uns tief beeindruckt. Sattelmairs umfangreicher Geburtstagsartikel fand überraschend große Beachtung:

"Therese Neumann, die Stigmatisierte von Konnersreuth, vollendet am 8. April das fünfzigste Lebensjahr. Der bis vor wenigen Jahrzehnten in lauter Abgeschiedenheit hinlebende und seit nun Über zwanzig Jahren weltberühmte Marktflecken, der seine Geschichte aber bis ins Mittelalter verfolgen kann, liegt im Verbreitungsgebiet, unserer Zeitung. Wie jener Ort kann auch das einfache Menschenkind, das man bezeichnenderweise im Dialekt ihrer Heimat allerwärts "Resl von Konnersreuth" nennt, nie mehr zurück in die Stille, in die Unbekanntheit und Verborgenheit. Wie auf dem Ort ruht noch viel mehr auf Therese Neumann, ihren Eltern und dem greisen Priester von Konnersreuth, Pfarrer Josef Naber, das Opfer einer ungewöhnlichen Öffentlichkeit. Das Opfer, nunmehr ein ganzes Leben lang und für immer der Welt und den Menschen, aller Schaulust und Neugierde ausgeliefert zu sein, ist sehr hart, schon für einen nur innerlichen Menschen und erst für ein Menschenkind, dem die Geheimnisse Gottes und die Demut des Geschöpfes alles, das Leben und die Seligkeit bedeuten. Dieses Opfer und das Leid aus diesem Opfer kann nur der ahnen, der Therese Neumann persönlich kennt."

Sattelmair fährt in seinem hier nur auszugsweise wiedergegebenen Beitrag fort: "Therese sagte: Mein Geburtstag ist mein Tauftag. Ich lasse den Herrn Pfarrer eine Messe an diesem Tag feiern, und wir opfern eine brennende Kerze auf meinem Taufstein. Das ist mein Geburtstag. Wir erfahren in dieser Aussprache, daß Therese in einer Karfreitagsnacht geboren und am darauffolgenden Ostermorgen getauft wurde. Kann es einen schöneren Tauftag geben?' fragt sie uns freudig. Alle diese Worte und Sätze kommen aus einer seelischen Lauterkeit, Frische und Einfachheit, daß man daran froh wird."

Pfarrer Naber sagte von Therese Neumann, daß sie nie nach außerordentlichen Dingen gestrebt habe, daß sie denkbar nüchtern veranlagt sei und nichts Gekünsteltes, Abergläubisches oder Betschwesterliches an sich habe. Zweck des ganzen außerordentlichen Geschehens sei kein anderer, als den Heiland immer mehr zu lieben, damit sie dahin gelänge, jedes Opfer zu bringen, um so auch viele andere dem Heiland zuzuführen.

Für die Beurteilung des Falles und der einzelnen Erscheinungen ist nach den Grundsätzen und Weisungen der Kirche große Vorsicht, strenge Sachlichkeit und unbedingte Wahrheitsliebe , notwendig. Leichtgläubigkeit, Sensations- und Wundersucht müssen ebenso ausgeschlossen sein wie Hyperkritik und grundsätzliche Ablehnung alles Außer- und Übernatürlichen. Faktisch haben Freunde wie Gegner von Konnersreuth nach der einen und anderen Seite hin gefehlt. Dabei ist unter der fast unübersehbaren Literatur Über die Stigmatisierte viel Wertloses und Unzuverlässiges. Papst Benedikt XIV. stellt sehr strenge Anforderungen, wenn auf den wunderbaren Charakter einer außerordentlichen Erscheinung geschlossen werden soll. Dies gilt auch von den Erscheinungen in Konnersreuth, speziell, von den Stigmen, Visionen und der jahrelangen Nahrungslosigkeit. Therese Neumann ist zwei Wochen lang unter ärztlicher Kontrolle auf ihre Nahrungslosigkeit hin beobachtet worden. Für die Zeit dieser Beobachtung ist ein vernünftiger und berechtigter Zweifel an der Tatsache der Nahrungslosigkeit nach dem bestimmten Zeugnis der vereidigten, sehr erfahrenen und völlig verlässigen Beobachtungsschwestern, die Therese keinen Augenblick allein und unbeobachtet ließen, ausgeschlossen."

Ich Übergehe nun Darlegungen des Berichterstatters zu Phänomenen, die dem Leser dieses Buches längst bekannt sind, und gebe den Schluß der Betrachtungen des Autors wieder: "Der fünfzigste Geburtstag wird für Therese Neumann so still und feierlich, so bedeutend und unbedeutend sein wie jeder andere Tag ihres Lebens, oder eben vielmehr: Er wird das Fest ihrer Taufe sein. Es wird von niemandem erwartet, daß er die Geschehnisse von Konnersreuth der Frohbotschaft, dem göttlichen Evangelium, gleichsetzt. Aber gerade darum darf man erwarten, daß man Therese Neumann an diesem Tag und in dieser Zeit wahrhaftig in der Stille und in Frieden läßt. Es gibt in diesen Tagen nichts zu ,sehen' in Konnersreuth. Außerdem ist sie seit längerem schwer leidend. Daß wir Therese diesen Tauftag selbst besitzen, daß wir sie auch einmal wirklich menschlich gelten lassen und ihre Person vergessen, das ist unser Geburtstagswunsch für sie und auch in ihrem Namen. Das ist ein mitmenschlich gerechter und guter Wunsch.

Was immer der Christ im Leben erfährt, erlebt er irgendwie christlich, das heißt er versucht alles christlich zu verstehen und zu werten, er versieht das Erlebte mit einem christlichen Vorzeichen. So blickt der Christ von der Nähe oder aus der Ferne auf Konnersreuth. Es kann ihn nicht gleichgültig lassen, wenn er seelisch und religiös lebendig ist. Es besteht für ihn keine Verpflichtung, anzuerkennen. Auch für den Katholiken gibt es keine Glaubensverpflichtung gegenüber Konnersreuth. Aber sein Blick, dorthin muß immer christlich sein, er muß das Zeichen verstehen und sich christlich ansprechen' lassen. Das Zeichen von Konnersreuth sagt dem Katholiken jenseits von, allem angemaßten Urteil: Erkenne und liebe das Leiden des Herrn! Suche das Sühneleiden für die Mitmenschen zu verstehen!. Räume dem Geheimnis der Eucharistie die. Mitte und die Macht in Deinem Leben ein!"

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