Josef Schuhmann

Jahrzehnte liegen zurück, seit ich ihn zum erstenmal sah. Es war im Hof einer in Bayern berühmt gewordenen Schule, des Alten Gymnasiums in Regensburg. In geschichts- und kulturträchtiger Umgebung, denn unmittelbar neben dem Pausenhof erhob sich die schönste gotische Kirche der Stadt, die Dominikanerkirche. Mir war dieses Gotteshaus im Laufe der Jahre ob seiner architektonischen Klarheit kostbarer geworden als der mit tausend Zierraten Überladene Dom. Zur Kirche gehörte einst ein Dominikanerkloster mit einem noch heute erhaltenen Kreuzgang. An der dortigen Schule soll neben anderen bedeutenden Lehrern auch Albert der Große unterrichtet haben, der spätere Bischof von Regensburg (1260-1262). In diesem Gebäudekomplex brachte man später die Philosophisch-Theologische Hochschule der Diözese Regensburg unter. Auf einem Gebäudeteil gegen den Ägidienplatz zu war sogar die Kuppel einer kleinen Sternwarte zu bewundern.

Damals waren wir uns, Josef Schuhmann und ich, kaum nähergekommen. Es blieb bei gelegentlichen zufälligen Begegnungen in der Schule und bei Augenkontakten. Dies hatte seinen Grund auch darin, daß mir Schuhmann um einige Klassen voraus war und somit bereits zu den "Senioren" der Anstalt zählte. Überdies war er "Zögling" des Bischöflichen Knabenseminars Obermünster, während ich im Studienseminar Sankt Emmeram und Sankt Paul meine Bleibe hatte.

Welche Überraschung gab es da, als ich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Josef Schuhmann in Konnersreuth wiedersah. Er war Priester geworden. Der Bischof hatte ihn hinbeordert und ihm die dortige Benefiziatenstelle übertragen. Er sollte als Seelsorger und Religionslehrer wirken. Doch der Regensburger Erzbischof Dr. Michael Buchberger hatte Josef Schuhmann noch mit einer weiteren Aufgabe betraut: Er solle die mystischen Geschehnisse in Konnersreuth genau und kritisch beobachten. Irgendwelche "lrregularitäten", die katholischem Glaubensverständnis zuwiderliefen, habe er sofort nach Regensburg zu melden.

Dieser Auftrag war mir bereits bekannt. Aber als wir uns in Konnersreuth wiedertrafen, hatte ich keineswegs den Eindruck, einen hörigen Aufpasser vor mir zu haben. Im Gegenteil: Als ich ihn daraufhin ansprach, sagte er: "Ich stand diesen Dingen nie negativ gegenüber, sondern klar und nüchtern. Ich glaube auch heute noch, daß ich damit der Sache am besten gedient habe." Da waren wir uns sofort einig, und wir sind es heute noch. Deshalb habe ich den damaligen Benefiziaten und späteren Pfarrer von Konnersreuth immer wieder zu Rate gezogen, wenn unsachgemäße Deutungen der Phänomene in die Öffentlichkeit drangen oder fromm getarnte Verniedlichung der Dinge die Runde machte. Josef Schuhmann wußte, was er redete. Seine Offenheit war ausschlaggebend dafür, daß wir nicht nur ständige Gesprächspartner blieben, sondern Freunde wurden.

Als Josef Schuhmann in der Nachfolge des Geistlichen Rates Josef Naber die Pfarrei Konnersreuth Übernahm, war ihm klar, daß ihn ein verpflichtendes Erbe band. Konnersreuth war ja nicht irgendeine Pfarrei wie jede andere. Sie war herausgehoben und weltberühmt geworden durch Therese Neumann. Schuhmann sah keinen Grund zu einer geistlichen Neuorientierung, vielmehr war er bestrebt, das Werk seines Vorgängers mit allen Konsequenzen fortzusetzen. Als ich ihn einmal fragte, wie er "Konnersreuth" aus heutiger. Sicht beurteile, meinte er:" Von zwei Phänomenen bin ich hundertprozentig überzeugt: Von der jahrzehntelang währenden Nahrungslosigkeit der Therese Neumann und von der Echtheit ihrer Leidensekstasen. Dafür bürgt mir nicht zuletzt die lautere Persönlichkeit meines Vorgängers, des Geistlichen Rates Josef Naber."

Der Priester verstand sich in erster Linie als Seelsorger, der seiner Gemeinde die christliche Heilsbotschaft zu verkünden und anzubieten hatte. Diesem Ziel dienten auch Volksmissionen und Triduen, vor allem aber das ihm von seinem Vorgänger inspirierte Bestreben, Konnersreuth zu einer betont eucharistischen Gemeinde zu formen. "Dies scheint mir auch gelungen zu sein", ließ er mich wissen, "denn die Zahl der jährlichen Kommunionen ist erstaunlich".Nicht zuletzt deshalb zeichnete der Regensburger Bischof Josef Schuhmann mit dem Ehrentitel eines Bischöflichen, Geistlichen Rates aus.

Der längst im Ruhestand lebende Priester hat Konnersreuth nicht nur geistlich bereichert. Die Hochschätzung des eucharistischen Gottesdienstes ließ ihn immer wieder auch an den Raum denken, darin er gefeiert wird. So entschloß er sich denn, die Konnersreuther Pfarrkirche total renovieren zu lassen, außen und innen. Die Erneuerungsarbeiten nahmen drei Jahre in Anspruch. Hinzu kam der Einbau einer neuen Orgel. Das Gotteshaus wurde zu einer barocken Perle der nördlichen Oberpfalz. Nicht unerwähnt dürfen schließlich die Kirchenheizung, die Einrichtung eines Kindergartens und der Bau des Pfarrhauses bleiben. Auf die Konnersreuther Kirche werde ich später noch eingehend zu sprechen kommen.

Natürlich war der Pfarrer auch immer wieder von den vielen aus aller Welt in Anspruch genommen, die nach Konnersreuth pilgerten, um die Erinnerungsstätten der Therese Neumann zu besuchen, und die Auskunft über das Leben der Stigmatisierten begehrten. Hier tat sich dem Priester geradezu ein zweiter, außerordentlicher Bereich von Seelsorge auf, der mit viel Geduld und einfühlsamen "Instinkt" bewältigt sein wollte.

Wie sich der Geistliche Rat die Zukunft von Konnersreuth im Blick auf die Stigmatisierte vorstelle, fragte ich. "In den letzten Jahren", sagte er, "haben die Besucher des Ortes aus aller Welt stark zugenommen. Ihrer viele erstreben die Seligsprechung der Mystikerin und melden immer wieder Gebetserhörungen, die sie der Fürbitte der Therese Neumann zuschreiben."

In diesem Zusammenhang ließ mich Geistlicher Rat Josef Schuhmann noch wissen, daß die Blutungen an Therese Neumann nach seiner Überzeugung "echt" waren und ihre "Natürlichkeit" nicht angezweifelt werden könne. Als er der Stigmatisierten an zwei katholischen Festtagen in der Pfarrkirche den Leib des Herrn reichte, habe er beobachtet, daß aus den Augenwinkeln Blut, hervordrang und sich über die Wangen ergoß. In beiden Fällen brachte man dann Therese in ihre Wohnung zurück. "Das kann ich bezeugen", bekräftigte Schuhmann.

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