Besucher

Die Vielen, die nach Konnersreuth kamen, um Therese Neumann zu sehen oder mit ihr zu sprechen, sind nicht zu zählen. Auch die vielfältigen Beweggründe, die ihre Pilgerschaft veranlaßt haben, können nicht ermittelt, werden. Wenn die Erfahrungen der Mystikerin zutreffen, darf man -pauschal sagen, daß etwa der halbe Teil der Besucher in gläubiger Erwartung nach Konnersreuth gekommen war, während die Übrigen mehr den Neugierigen, Sensationslüsternen, den Zweiflern, den an ihrem Glauben Gescheiterten, ja auch den Spöttern zuzuordnen , sind. Sie trafen nicht nur aus Deutschland und dem gesamten europäischen Ausland, sondern auch aus fernen, überseeischen Ländern ein. Konnersreuth war ja zum Weltgespräch geworden.

In einem Maße, daß sich auch Wissenschaftler nahezu aller Disziplinen aufgerufen sahen, , Kontakt aufzunehmen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Natürlich lagen die Theologen an der Spitze, doch auf den Fuß folgten ihnen die Mediziner.. die Psychologen, die Parapsychologen und Naturwissenschaftler. Über die Leidensekstasen, die Visionen und Entrückungen der Therese Neumann hinaus gab ihnen vor allem die behauptete Nahrungslosigkeit Rätsel auf. Ihre forschende Bezugnahme reichte von freundlicher Sympathie bis zu härtester Gegnerschaft.

Die Kirche hatte sich, solange Therese Neumann lebte, zum "Fall Konnersreuth" nicht offiziell geäußert, übrigens bis heute nicht. Dennoch besuchten viele Bischöfe von Überallher die Stigmatisierte, unterhielten sich mit ihr und stellten Fragen. Zu den Besuchern zählten auch zwei Kardinäle: Michael Faulhaber aus München und der Erzbischof aus Prag, Dr. Karl Kaspar. Faulhaber feierte im Leidenszimmer der Therese sogar Eucharistie. Erzbischof Kaspar wiederum war in einem Maße fasziniert, daß er sich bewogen fühlte, seine Konnersreuther Erlebnisse einem Buche anzuvertrauen, um sie seinen tschechischen Landsleuten zugänglich zu machen. Friedrich Ritter von Lama hatte die Schrift vor vielen Jahren ins Deutsche Übertragen. Und so beschließt der Kardinal seinen Bericht: "Zwölf Stunden durfte ich bei Therese Neumann zubringen und bin Zeuge gewesen. Ich vermochte es nicht, von dem zu schweigen, was ich gehört und was ich geschaut hatte.

Aisweiteren, regelmäßig zu erwartenden Besucher möchte ich meinen Lesern den Erzbischof von Lemberg, Dr. Josef Theodorowicz vorstellen. Von ihm und seinem Werk war bereits im Zusammenhang mit Pfarrer Naber die Rede. Sein Buch "Konnersreuth im Lichte der Mystik und Psychologie" aus dem Jahre 1936 ist die wohl umfassendste und gründlichste Studie zum Thema Therese Neumann, die je geschrieben wurde. Ich habe schon angemerkt, daß der Autor weithin wissenschaftliche und theologische Perspektiven einbringt, sodaß das Buch kaum einen größeren, theologisch nicht vorgebildeten Leserkreis erreicht haben wird. Dennoch ist das Werk noch heute von hoher Aktualität, weil es Vorgänge beschreibt und deutet, die für die Stigmatisierte bis an ihr Lebensende charakteristisch geblieben sind.

"Dieses Buch entstand aus meinen persönlichen Eindrücken und Erlebnissen", schreibt der Erzbischof im Vorwort. "Ich kann eigentlich sagen, daß ich dieses Buch in gewisser Hinsicht für mich zu schreiben beabsichtigte, ehe ich daran dachte, es anderen zugänglich zu machen. Ich habe einfach meine Beobachtungen aufgezeichnet und zu ordnen versucht. Nachher wollte ich mir auf verschiedene Zweifel Antwort geben und spähte nach Wegen aus, wie sich das Problem lösen ließe. Ich suchte sie in der modernen Psychologie, vor allem aber auf dem Gebiet der Mystik."

Der Autor verschweigt keineswegs die Schwierigkeiten, die sich seinem Unterfangen auftaten, und sieht langwierige Untersuchungen voraus: " Alle darauffolgenden Jahre besuchte ich Konnersreuth, um den Horizont meiner Beobachtungen zu erweitern und die bereits erlangten Erkenntnisse zu vertriefen. . . Ich besaß nämlich den gänzlich unverdienten und nur glücklichen Umständen zu verdankenden Vorzug vor manchen Forschern, daß Therese Neumann ein besonderes Vertrauen zu mir hegte. Sie hatte mir so vieles aus ihrem Innenleben anvertraut und mir ihr Herz ausgeschüttet. Ich erachtete all das, was sie mir gestand, zur Aufklärung, der, Konnersreuther Frage als unumgänglich nötig." Der Verfasser spricht sogar von einem inneren Imperativ, der ihn angetrieben habe, die Konnersreuther Vorgänge bis ins Detail zu studieren: "Denn entweder sind die Konnersreuther Erscheinungen das Ergebnis einer falschen Mystik, der man sich entgegenstellen muß, um der Gefahr des falschen Mystizismus zu entrinnen, dessen Strömung heute die Welt durchflutet, oder sie sind Gottes Werk und verpflichten somit das Gewissen der Männer der Wissenschaft, ihren übernatürlichen Charakter festzustellen. Sonst würde sich die Wissenschaft Gottes Absichten und Zielen widersetzen, die eben mittels übernatürlicher Erscheinungen das Gewissen der Menschheit wachrufen.

Theodorowicz gelangte nach jahrelangen kritischen Untersuchungen und Beobachtungen zu Ergebnissen, die nicht mehr zu erschüttern sind. Er anerkennt auch die Nahrungslosigkeit der Stigmatisierten: "Therese lebt somit nicht ohne Nahrung. Nur in der Gattung und Art unterscheidet sich diese Speise von den gewöhnlichen-, sonstigen Speisen. Diese ihre Speise ist die heilige Kommunion. Sie ist ihre einzige Nahrung seit Jahren. Eine kleine Verspätung im Empfang der heiligen Kommunion genügt, und der Körper verfällt sogleich dem harten Gesetz völliger Erschöpfung," So scheut sich denn der Verfasser nicht, zu behaupten, daß Konnersreuth ein Trost für die Menschen dieser Weltzeit sei. Man bedenke: Als der Bischof diese Zeilen schrieb, war bereits Adolf Hitler an die Macht gelangt und bedrohte die Menschheit mit Krieg: "Alle erleben wir jetzt die Tragik der Welt mit, die Vernichtung aller ihrer Hoffnungen, den Untergang ihrer Zivilisation und die ganze furchtbare Nichtigkeit ihrer Selbstüberhebung. An die Stelle der Liebe tritt der allgemeine Haß. Das Selbstbewußtsein der Stärke weicht vor dem Geist der Furcht, der alle und alles zu beherrschen sucht. Die Völker. fürchten sich voreinander, weil sie sich gegenseitig, trotz aller Friedenspakte, nicht mehr trauen. Das Kreuz Christi hat man verstoßen, und die Leere, die nun in der Menschenseele entstand, wird durch Verzweiflung gefüllt.

Prophetische Worte fürwahr. Zum Schluß seines Buches zitiert der Erzbischof einen zeitgenössischen Gelehrten, einen Mediziner, von dem er sagt, daß man ihn nicht gerade in allem den Christen zurechnen könne: "Es ist unser Gott, unsere Seele, unser Gewissen, das dort in Konnersreuth blutige Tränen weint, und es sind unsere Tränen, die dort geweint werden. Therese Neumann ist Werkzeug und Symbol eines ungeheuren, unfassbaren Geschehens, das uns alle angeht. Es ist der Schrei unserer gequälten, mißhandelten, unterdrückten Seele, der dort blutig ausbrach.

Zu jenen Besuchern, die Gewichtiges Über Therese Neumann auszusagen haben, zählt auch der frühere Bischof von Regensburg,- Dr. Rudolf Gräber, der Nachfolger des Erzbischofs Michael Buchberger. ja, ich glaube", sagte er, "daß ich einer der ersten gewesen bin, der Therese Neumann besucht hat. Das war im August 1926 kurz nach meiner Priesterweihe. Ich durfte damals fast die ganze Passionsekstase miterleben. Das hatte >auf mich großen Eindruck gemacht, weil alles echt und nicht gekünstelt oder gespielt war.," Gleiches anerkennt der Bischof auch im Blick auf die Visionen der Stigmatisierten: "Schwindel ist völlig ausgeschlossen. Wer die Resl auch nur einigermaßen gekannt hat in ihrer einfachen, robusten Art, der kann nicht von Schwindel reden. Dagegen gibt es zu viele, auch prominente Zeugen." Kardinal Faulhaber habe einmal in einer Predigt gesagt: "Die Kirche ist nicht abhängig von Konnersreuth, sie wird aber alles, was wir auf solchen Wegen zu wissen bekommen, annehmen, wenn es wissenschaftlich gesichert ist.

Grundsätzliches zum Thema äußerte Bischof Gräber auch am Tag der Feier des zehnten Todestages, der Therese Neumann im September 1972. Fünftausend Gläubige und Pilger waren damals nach Konnersreuth gekommen, um dem Pontifikalgottesdienst in der Pfarrkirche beizuwohnen. Der Bischof hatte seine Predigt keineswegs als Glorifizierung der Stigmatisierten angelegt, vielmehr meinte er, daß man sich bei der Beurteilung der mystischen Phänomene der Ganzheitsmethode bedienen müsse. Bei einer Person wie Therese' Neumann könne und dürfe man deshalb deren Umwelt und Milieu nicht außer Acht lassen: "man muß das ganze Leben der betreffenden Person in den Griff bekommen, nicht minder ihr Weiterleben nach dem Tod." Denn ein solches Leben wirke sich, abgeschlossen, oft viel entscheidender aus als vor dem Tod.

Der Prediger nahm auch zu den Charismen, den besonderen ' Gnadengaben, Stellung: "Wir sind der Kirche dankbar, daß sie die Charismen hochschätzt, weil sie dem Aufbau der Gemeinde Christi dienen." Paulus aber' lasse keinen Zweifel darüber, daß es Über der Vielfalt dieser gnadenhaft geschenkten Gaben noch ein Höheres gebe, die Liebe nämlich. Die mystische Theologie bezeuge, daß der geringste Grad von Liebe höher zu bewerten sei als etwa eine Stigmatisation. Die höchste Vollkommenheit bestehe in der Liebe. Aber dennoch dürften die Charismen nicht Übersehen werden. Daher sei es verantwortungslos, an derartige Phänomene ohne ausreichende Kenntnis heranzugehen und sie zu beurteilen. Allerdings warnte der Bischof vor einer "Flucht ins Außerordentliche". Ein Bewunderung erregendes Phänomen sei nämlich kein Ersatz für den Glauben, auch Konnersreuth nicht. Hier erinnerte Gräber an das Konnersreuther Anbetungskloster und seine Bedeutung. An seiner Stiftung habe Therese Neumann entscheidenden Anteil: "Sie war vor zehn Jahren Samenkorn geworden, damit hier in Konnersreuth eine solche Stätte der Anbetung entstehe. Konnersreuth rufe deshalb auf, den eucharistischen Herrn mehr als, bisher anzubeten und zu verehren".

Ich vermag sie nicht zu zählen, die vielen, die ich seit Kriegsende nach Konnersreuth geleitet habe, um ihnen den Zugang zum Hause Neumann zu ermöglichen und sie Therese Neumann vorzustellen. Alle Gäste, die jahrüber aus halb Europa meinen damaligen Chef, Viktor von Gostomski, aufsuchten, verwies dieser kurzerhand an mich, falls sie den Wunsch äußerten, die Stigmatisierte kennenzulernen. Denn man konnte nicht einfach nach Konnersreuth fahren und dort anklopfen, um vorgelassen zu werden. Hätte Therese Neumann jederzeit jedermann Zugang gewährt, so wäre daraus für sie eine Überforderung entstanden, der sie gesundheitlich nicht gewachsen gewesen wäre. Da gab es dann nicht selten recht kurzschlüssige Reaktionen. Als ich einmal den Religionslehrer eines humanistischen Gymnasiums fragte, was er von Therese Neumann halte, ließ er mich spontan wissen, für ihn sei die "Sache" erledigt. Er sei nämlich einmal mit seiner Haushälterin nach Konnersreuth gereist. Dort habe man ihm erklärt, daß Therese Neumann heute nicht zu sprechen sei. Seitdem sei Konnersreuth für ihn nicht mehr diskutabel. Wie soll man eine derart törichte Haltung eines Theologen beurteilen?

Ich vermochte deshalb viele mit der Stigmatisierten bekannt zu machen, weil ich mit ihr und ihren nächsten Verwandten freundschaftlichen Umgang pflegen durfte und ungehinderten Zugang zum Hause Neumann hatte. Zu meinen Begleitern zählten Priester und Ordensleute, Geistliche mit hohen kirchlichen Ehrentiteln, Arzte und viele sogenannte "einfache" Leute, von denen ich Überzeugt war, daß sie die Begegnung mit Therese in ehrlicher Absicht und in erwartungsvoller Freude suchten. Auch ein evangelischer Chefredakteur hatte sich mir anvertraut. Wir trafen Therese auf der Straße nahe der Kirche. Sie war eben auf dem Weg zum Pfarrhaus. Es kam zu einem kurzen Gespräch. Mein Partner wußte sich besonders von Thereses Augen beeindruckt. doch hatte das Gefühl", sagte er, "daß dieser Blick bis in die Tiefen meiner Seele hinabdrang. Ich wußte mich durchschaut." Nicht minder überrascht zeigte sich ein Generalvikar, als er Therese in ihrem

Geburtshaus erwartete. Wie sie ihn wohl empfangen werde? Doch die Spannung löste sich sofort, als die Eintretende auf einen hochbeladenen Erntewagen wies, der soeben am Hause vorbeigefahren wurde. Wie erfreulich es doch sei, sagte sie, daß das schöne Wetter den Bauern das Einbringen des Getreides ermögliche.

Eines Tages besuchte mich ein Kaplan aus Augsburg, mit dem ich seit Jahren befreundet war. In seiner Begleitung war ein Vater mit seiner Tochter, einem harmlos aussehenden Mädchen, von dem man in seiner schwäbischen Heimat sagte, es sei von einem Dämon besessen. In seiner Not hatte der Vater den Wunsch geäußert, die Tochter doch einmal Therese Neumann vorstellen und sie um Rat fragen zu dürfen. Von einem solchen Ansinnen war ich nicht gerade erbaut. Doch um der Freundschaft willen ließ ich mich auf das Abenteuer ein. Zur Stunde, da wir in Konnersreuth eintrafen, weilte Therese Neumann im Pfarrhaus. Ich läutete an der Haustür und erwartete die Haushälterin. Als sich die Tür öffnete, stand Therese vor mir. Ich entschuldigte mich, daß ich nun schon wieder bei ihr anklopfe, der ich doch erst vor wenigen Tagen ihre Hilfe beansprucht habe. Diesmal verhielt sie sich nicht gerade freundlich, besonders als ich ihr sagte, heute hätte ich mit einem besonderen, seltsamen Anliegen aufzuwarten. Ich schilderte ihr, die Umstände und sprach von der angeblichen Besessenheit des Mädchens. Ihre verblüffende Antwort: "An allem soll der Teufel. schuld sein!" Als gäbe es nicht genug andere Ursachen, von denen her sich das unnormale Verhalten dieses Mädchens erklären ließe. Sollte man da nicht zuerst einen Arzt, einen Psychiater, zu Rate ziehen? Das 'hatte Therese wohl mit ihrer hart formulierten Antwort sagen wollen. So war sie: Überlegen, klar, nüchtern. Meine drei Begleiter wurden eingelassen. Ich wollte nicht dabei sein. Auch das Ergebnis der Aussprache interessierte mich nicht.

Wenige Jahre nach dem Krieg war ich zu einer ökumenischen Woche in der Benediktinerabtei Neresheim eingeladen. Namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und der Wissenschaft 'nahm en teil. Leiter und Moderator der Veranstaltung war der Benediktiner Beda Müller, ein universal gebildeter Mönch, der bis zur Stunde die Tradition der Neresheimer Bildungstage fortführt. Mit Pater Beda kam ich außerhalb der Vorträge und Seminare ins Gespräch. Dabei fiel auch einmal - ich weiß nicht mehr in welchen Zusammenhang der Name Therese Neumann. Der Mönch horchte auf und sagte: "Da kann ich Ihnen für Sie Interessantes berichten. Ich war bereits Priester, als man mich unter Hitler an die Front schickte, nach Russland. Nach langer Zeit erhielt ich endlich, einmal Urlaub. Die Fahrt in die Heimat führte durch die Tschechoslowakei. Als ich den deutschen Grenzort Arzberg erreichte, fiel mir ein, daß Konnersreuth ganz in der Nähe liege. Ich wollte Therese Neumann besuchen, die ich noch nie gesehen. hatte. So verließ ich.. den Zug und marschierte nach Konnersreuth. Sie können sich vorstellen, wie ich aussah in meiner verdreckten Uniform und mit meinem schäbigen Reisegepäck. Als ich das Zimmer der Stigmatisierten betrat , erkannte sie in mir sofort den Priester, wußte, welcher Abtei ich angehöre und ließ mich wissen, daß sie meinen Abt gut kenne und ihm sehr gewogen sei: sagen Sie ihm, daß ich seiner Bitte nachkommen und für ihn und seine Mönchsgemeinschaft beten werde." Ich war verblüfft. Später blieb mir auch die russische Kriegsgefangenschaft nicht erspart. Als ich entlassen wurde, war ich insofern sehr traurig, als ich einen lieben Freund im Elend zurücklassen mußte. Nach meiner Heimkehr entschloß ich mich sofort, aufs neue Konnersreuth aufzusuchen, um Therese Neumann zu bitten, sie möge doch beten, damit der Freund sobald wie möglich in die Heimat entlassen werde. Da geschah das Unglaubliche: Nach 'etwa einer Woche durfte ich ihn in meine Arme Schließen."

                 
Therese Neumann vor dem Hubschrauber der US-Streitkräfte, bevor er das Kreuz zur Kirchturmspitze beförderte. Sie blicken dem Hubschrauber nach.

Ständige Besucher der Therese Neumann waren die Amerikaner. Sie "entdeckten" die Stigmatisierte nicht erst, nachdem sie als Besatzungs Soldaten deutschen Boden, betreten hatten. In ihrer Heimat hatte sich nämlich die Botschaft von Konnersreuth bereits in einem Maße herumgesprochen, daß den meisten jene mystischen Ereignisse längst bekannt waren. Deshalb auch die Rücksichtnahme auf den Ort, als die Amerikaner gegen Ende des Krieges gezwungen waren, Konnersreuth zu stürmen, um die SS-Besetzer zu vertreiben. Das war im letzten ein Akt der Pietät. Pietät war den Amerikanern auch anzuspüren, als sie später an den Karfreitagen zu Tausenden nach Konnersreuth kamen, um die mit Jesus Leidende zu erleben. Zu den Verehrern, der Therese Neumann zählten jedoch nicht nur die Soldaten und deren Ehefrauen, sondern auch hohe Offiziere der US-Armee, Vertreter der amerikanischen Intelligenz also. Begegnungen mit ihnen gehörten unmittelbar nach dem Krieg geradezu zur Tagesordnung. Immer wieder boten sie in Freundschaft ihre Hilfe an. Die nahm Therese kaum für sich persönlich in Anspruch, es sei denn, daß sich ihr die Möglichkeit auftat, in einem amerikanischen Auto eine ferne Gegend zu besuchen. Wo immer, sie Hilfe erbat, lag ihr stets ein höherer Zweck im Sinn.

Dies einmal sogar buchstäblich. Das Kreuz auf dem Turm der Konnersreuther Pfarrkirche war schadhaft geworden. Es mußte abgenommen und erneuert werden. Dieses Kreuz wieder an Ort und Stelle zu bringen, hätte viel Arbeit erfordert und technische Schwierigkeiten verursacht. Dies war Thereses amerikanischen Freunden bekannt geworden. Die nun zögerten nicht, Konnersreuth einen Militär-Hubschrauber zur Verfügung zu stellen, der das Kreuz mühelos zur Kirchturmspitze flog und dort mit hoher Präzision aufsetzte. Diese Aktion war ein Ereignis für Konnersreuth. Viele Schaulustige hatten sich versammelt. Amerikanische Offiziere überwachten den Flug. Unter ihnen stand auch Therese Neumann. Bevor der Hubschrauber das Kreuz aufnahm, hatte sich die Stigmatisierte hingekniet, um dem Heilszeichen ihre Verehrung darzubringen.

Nochmals will ich zum Jahr 1945 zurückkehren. Schon damals gab es eine Zeitung für die in Bayern stationierten Soldaten der US-Armee: "The Bavarian". Die ehemalige Diplomhandelslehrerin und spätere Amtsrätin Gerti Löchel fungierte damals im Landratsamt Tirschenreuth als Dolmetscherin. Sie machte mich auf einen ausführlichen Artikel über Therese Neumann aufmerksam, der bereits, am15..November.1945 in der besagten amerikanischen Soldatenzeitung abgedruckt war. Schon kurze Zeit nach der Kapitulation der Deutschen also griffen amerikanische Redakteure das Thema Konnersreuth auf. In der gleichen Nummer erschien auch ein größerer bebilderter Beitrag Über die Kunstdenkmäler des Stiftlandes mit der Waldsassener Basilika, der Kapplkirche und dem Bibliothekssaal der Zisterzienserinnen-Abtei Waldsassen.

Lästige Besucher, die Therese Neumann bis an ihr Lebensende geradezu verfolgten, waren der Stigmatisierten die Journalisten. Einschränkend muß gesagt werden, daß es deren nicht wenige gab, die Konnersreuth in der Absicht aufsuchten, über die dortigen Vorgänge unvoreingenommen und objektiv zu berichten. Aber viele mißbrauchten das Vertrauen der Mystikerin. Ihre Darstellungen strotzten nicht selten von Unwahrheiten, Verdrehungen, beleidigenden Unterstellungen, ja Verleumdungen, Ihr Mißtrauen gegenüber der schreibenden Zunft war daher mehr als gerechtfertigt. Ein Boulevard-Blatt hatte sogar die Behauptung in die Welt gesetzt, Therese. Neumann, sei .Mutter eines außerehelich geborenen Kindes.

Als wieder einmal eine große Zeitung viel Ungutes Über sie verbreitet hatte, ließ mich Therese rufen, weil sie der Uberzeugung war, daß man dazu unter keinen Umständen schweigen könne, vielmehr eine Richtigstellung formulieren müsse. Der beanstandete Artikel war um die Zeit ihres sechzigsten Geburtstages erschienen. Damals gingen ihr viele Glückwünsche aus aller Welt zu, zweihundert Briefe, Telegramme und Blumengrüße. Aber die Freude darüber hatten ihr wieder einmal die Journalisten arg getrübt. Auch Pfarrer Naber nahm an unserem Gespräch teil. Man kann Über diese mystischen Vorgänge unmöglich zutreffend schreiben", meinte er, "wenn man sie nicht an Ort und Stelle gründlich studiert und in ständiger Begegnung mit der Stigmatisierten immer wieder erfahren hat. Am allerwenigsten wird man mit einer psychopathischen Einordnung dieser Vorgänge als schizoider Erscheinungen den Tatsachen gerecht. Und was besagt schon die einschränkend gemeinte Bemerkung mit religiösem Einschlag wenn in jenem Artikel von angeblich gelehrten Bänden die Rede ist, die kurzschlüssig eine solche Auslegung. der Phänomene befürwort en. Konnersreuth ist ein eindeutig religiöses Faktum. Es kann nur vom Religiösen, das heißt ganz konkret von der Wirklichkeit Christi her verstanden werden..

Therese schaltete sich ein. Sie distanzierte sich entschieden von der Unterstellung der, wie es hieß, "eingespielten Organisation" der Konnersreuther Karfreitage und von der "theatralisch aufgezogenen großen, Szene, in die das Wunder gehüllt ist". Erneut ließ sie mich wissen, wie sehr sie allen Massenbetrieb in Konnersreuth ablehne und, wann immer möglich, die Verborgenheit und Abgeschiedenheit suche. Als ausdrückliche Beleidigung empfinde sie die Behauptung " daß in Konnersreuth im Hinblick auf ihre Person' "Haus an Haus Anbeter und Verdammer wohnen". "Ich habe in Konnersreuth keine Feindschaft", erklärte sie. jm Gegenteil: Man holt mich in unserem Ort zu allen Kranken, damit ich sie tröste und für sie bete."

 

 
Der Autor im Gespräch mit Therese Neumann

Und nun soll ich gar noch ein Haus für 110 000 Mark gebaut haben!" Diese Behauptung bezeichnete Therese Neumann als schlechterdings unverschämt. Sie erklärte: "Mit diesem sogenannten Hausbau hatte es folgende Bewandtnis: Es wurde kein Haus gebaut, vielmehr handelt es sich um den Ausbau der mit, dem kleinen Neumann-Anwesen verbunden gewesenen Scheune, deren Mauern und Dach sogar unverändert mitverwendet werden konnten. Die durch den Umbau gewonnenen Räume werden dem jetzt siebenundachtzigjährigen Pfarrer Josef Naber für Wohnzwecke zur Verfügung stehen, wenn, er in den Ruhestand tritt. Denn den Pfarrhof muß er ja schließlich seinem Nachfolger überlassen.

Therese Neumann verfügte damals nicht allein über, das Haus, sie teilte den Besitz vielmehr mit zwei Schwestern. "Auch mit der Bausumme hat der Berichterstatter maßlos übertrieben", bemerkte Therese, "Denn die Bau- und Installationsarbeiten haben zum größten Teil Handwerker ausgeführt, die zu meiner Verwandtschaft gehören. Ich selbst erhebe auf das Haus keinen weiteren Anspruch als den, daß ich fortan mein Stübchen, das ich seit 1918 bewohne, behalten darf.",

Was Therese nun sagte, bezeugt ihren ausgeprägten Realitätssinn. Trotz ihrer außerordentlichen Begnadung stand sie mit beiden Füßen in der Wirklichkeit, des Lebens. Immer wieder bekannte sie sich ausdrücklich, zu Konnersreuth und verfolgte mit große m' Interesse die kommunalpolitischen Bestrebungen der Markträte: "Und was soll man. dazu sagen, wenn in dem Artikel behauptet wird, die Zufahrtsstraßen nach Konnersreuth seien gar so schlecht? Oder wenn das Schulhaus als baufällig bezeichnet wird? Unser Schulhaus ist nicht baufällig, sondern nur zu klein. Natürlich bedarf der Außenputz dringend der Erneuerung. Im übrigen ist Konnersreuth drauf und dran, ein neues Schulhaus zu bauen. Baugrund hat die Gemeinde bereits erworben. Und was die ,wieselflinken Landpolizisten' betrifft, so haben eben diese umsichtigen Polizeibeamten an den Karfreitagen in Konnersreuth alljährlich nur ihre Pflicht getan, und dies jedesmal in vorbildlicher Weise." Jetzt kam Therese auf ihre Vögel zu sprechen, denn auch sie waren in jenem unseriösen Artikel erwähnt worden: "Bleiben noch die piepsenden Wellensittiche, die der Berichterstatter in meinem Zimmer beobachtet hat.. Der gute Mann scheint keine Ahnung von Tierkunde zu haben, denn ich habe gar keine Sittiche, sondern nur einheimische Waldvögel. "

Pfarrer Naber und Therese Neumann baten mich nun, über unser Gespräch in der Zeitung zu berichten, um wenigstens die massivsten Unterstellungen öffentlich zu entkräften. So schrieb ich denn einen längeren Artikel, in , dem ich als wörtliches Zitat auch eine treffliche Charakterisierung des zur Debatte stehenden Journalisten unterbrachte. Diesen wenig schmeichelhaften Satz des Pfarrers Naber nahm der Betroffene zum Anlaß, um mir "berufsschädigende" Absichten anzulasten. Nach wenigen Tagen erhielten Therese Neumann (nicht Pfarrer Naber) und ich von einem Rechtsanwalt einen gleichlautenden Brief. Darin kam in wenigen Sätzen zum Ausdruck, daß sich jener Journalist in seiner Berufsehre verletzt fühle und Genugtuung fordere.

Falls wir - Therese Neumann und ich - bereit seien, den auf der Rückseite des Briefes vermerkten Geldbetrag - es handelte sich jeweils um etwa 200 DM - zu zahlen, sehe sein Mandant von einer Strafanzeige ab. Da war eine sofortige Aussprache unumgänglich. "Was wollen oder sollen wir jetzt tun?" fragte ich Therese,. Sie, darauf: "Wir nichts. Nein. Unter keinen Umständen. Wir lassen es darauf ankommen." Die Dinge hätten nun, wie angekündigt, ganz gewiß ihren vorbedachten Lauf genommen, wäre meinem Rechtsanwalt nicht klar geworden, daß nur ein Frontalangriff die Angelegenheit aus der Welt schaffen könne. Gegen den Schreiber müsse gerichtlich vorgegangen werden. Ich solle. Therese Neumann bitten, sie möge Prozeßvollmacht erteilen. Sie sagte sofort zu und unterschrieb ohne Bedenken das dafür notwendige Formular, das ich ihr vorlegte.> Seitdem war der Streit beigelegt. Denn einen Prozeß hätte sich der "Beleidigte" keinesfalls leisten können. Er wäre der Unwahrheit überführt worden. Therese hat diese Ereignisse nie vergessen. Noch nach Jahren öffnete sie einmal während eines Gesprächs ihren kleinen Schreibtisch und zog die Gebührenquittung "ihres" Rechtsanwalts hervor. Auch sie war ja damals auf Rechtshilfe angewiesen. "Wissen Sie noch ... " meinte sie

Man hätte denken können, daß es nach dem Tod der Stigmatisierten stiller würde um Konnersreuth. Aber die, Erinnerung blieb. Viele besuchen jahrüber das Grab der Therese Neumann, das mit Dankbotschaften für erwiesene Hilfe Übersät ist. Auch Theologen und Naturwissenschaftler machen sich nach wie vor Gedanken über das Geschehene, denn die Konsequenzen dieser Mystik sind noch lange nicht -zu Ende gedacht. An Gedenktagen oder vom Thema angelockt äußern sich auch die Medien mehr oder minder überzeugend über die Stigmatisierte und ihr ungewöhnliches Leben. Sogar das Fernsehen hatte sich bereits mehrfach in die Diskussion eingeschaltet. Einen besonders wertvollen, weil objektiven und umfassenden Beitrag strahlte das Bayerische Fernsehen am 8. November 1974 unter dem Titel "Ist Wunder das richtige Wort?" aus. Der vielbeachtete Film wurde Wochen zuvor einem kleinen Kreis von Redakteuren und Journalisten in München vorgeführt. Ich fand ihn mehr als, nur bemerkenswert und veröffentlichte deshalb die folgende Besprechung:

Für den Film zeichnet Peter Gehring verantwortlich. Er hatte sich die Arbeit wahrlich nicht leicht gemacht. "Mir ging es", sagte er, "weniger darum, in diesem Bericht möglichst viel Psychologisches, oder Theologisches einzubringen, ich wollte sozusagen den Hintergrund darstellen, vor dem sich jene Phänomene an und um Therese Neumann haben ereignen können. Die Menschen auch sollten geschildert werden, um die herum jene Dinge geschahen.

Peter Gehring ging an diese Reportage mit hohem Verantwortungsbewusstsein. Vor allem vermied er jegliche Tendenz im Positiven wie im Negativen. Er wollte der Sache dienen. Ganz im Gegensatz zu manchen anderen Darstellungen in Literatur und Film, welche die Absicht des Autors kaum verbergen und schon in der Einführung die Tendenz Katze aus dem Sack lassen. In diesem Film kommen viele zu Wort. Der Bürgermeister und die Gemeinderäte von Konnersreuth ebenso wie die Verwandten der Stigmatisierten, der Arzt, der Pfarrer" ein Zahnarzt, Theologen, ein Parapsychologe und der Regensburger Bischof Dr. Rudolf Gräber. Es war für Peter Gehring nicht leicht, an alle diese Zeitgenossen heranzukommen und sie zu brauchbaren Aussagen zu bewegen. So nimmt. es nicht wunder, daß der 45-Minuten Film eine Vorbereitungszeit von etwa einem Jahr in Anspruch nahm.

Gehring zeigt den Zuschauern zunächst eindrucksvolle Bilder 'der Landschaft des mit Kulturdenkmälern reich gesegneten Stiftlandes, einer Gegend mit harten Konturen und einem mehr oder minder verschlossenen Menschenschlag. Dientzenhofers Kapplkirche taucht auf. Verträumt im Frühlingswindwehende Birken beleben die Landstraße. Aber dann kommt gleich Dramatik in die Szene. Auf dem~ Platz vor dem Geburtshaus der Stigmatisierten drängen sich die Menschen zu Tausenden. Es ist Karfreitag. Der Zudrang derer, die Therese Neumann sehen wollen, ist so massiv, daß ein starkes deutsches und amerikanisches Polizeiaufgebot die Menschen mit Gewalt zurückdrängen und Ausschreitungen hintanhalten muß. Man hat den Eindruck, als seien die Andrängenden selber ekstatisch bewegt und vom mystischen Ereignis Überwältigt. Immer wieder werden die Bilder von sinnbezogen eingeblendeter Orgelmusik untermalt. Das Ewiges andeutende Geschehen soll auch im musikalischen Gleichnis anklingen.

In Stichworten wird die Biographie der Stigmatisierten geschildert: Ihre Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen, der Unfall, der zu Erblindung, und Lähmung führte, die plötzliche, wunderbare Heilung, das Auftreten der Stigmen, ihre Visionen, die Wiedergabe fremder Sprachlaute, das stellvertretende Leiden und schließlich die nach wie vor vieldiskutierte, Über fünfunddreißig Jahre andauernde absolute Nahrungslosigkeit.

Eben diese Biographie hatte vermocht, in, den zwanziger und dreißiger Jahren die halbe Welt auf die Beine zu bringen. Zu Tausenden kamen sie Jahr um Jahr an den Freitagen der vorösterlichen Zeit, besonders aber an den Karfreitagen, Neugierige, und Spötter ebenso wie Glaubende. und Suchende. Die Weltpresse berichtete darüber jeweils unter großen Schlagzeilen. Die Wissenschaftler und Theologen zerbrachen sich die Köpfe Über das Unerklärliche. Die Diskussion ging seitdem unaufhaltsam weiter. Konnersreuth - Literatur füllt bereits eine Bibliothek. Immer , neue wissenschaftliche, kritische und biographische Abhandlungen beleben den, Büchermarkt. Natürlich gibt es auch gegnerische Stimmen. Die meisten kommen - so wird in dem Film gesagt - seltsamerweise und ausgerechnet aus . der katholischen Kirche.

Nun hat, Bischof Gräber den Informationsprozess für Therese Neumann ins Auge gefaßt. "Wir haben", sagt er im Film, "zunächst den Versuch gemacht, die Dinge exakt festzulegen. Wir sammeln Materialien. Das kann jedoch nicht eine einzelne Person leisten. Deshalb haben wir uns für Teamarbeit entschieden. Erst wenn diese Arbeit abgeschlossen ist, kann man mit dem Seligsprechungsprozeß beginnen

Vor vielen Jahren schon waren Passionsekstasen und Visionsabläufe der Therese Neumann im Film festgehalten worden. Auch sie konnte man in der Fernsehaufzeichnung sehen. Hier freilich scheint uns der Einbruch in eine Sphäre zu geschehen, die den unantastbaren Intimbereich dieses mystischen Lebens umschließt. Die Bilder der Leidensekstasen wirken teilweise wohl erschütternd, jene der Visionen hingegen nicht selten unverständlich, ja grotesk. Sie Überzeugen nicht und fordern daher die Spottlust derer heraus, die Konnersreuth ohnedies mit Skepsis begegnen. Diese seltsame, teilweise fahrige Gestik und Mimik der Mystikerin vermag der Uneingeweihte nicht zu verkraften, geschweige denn aufzuarbeiten. Man hätte auf diese Szenen verzichten sollen.

Peter Gehring hat in seinem Filmdokument nicht nur prominente Konnersreuth-Freunde und Kirchenleute befragt, er ist auch unters Volk gegangen bis hin zum Bürgermeister des Ortes. "Herr Bürgermeister", fragte der Autor provozierend, "kann man in Konnersreuth vierzig Jahre lang mit einer Lüge leben?" Willi Bauer dazu: "Das ist ganz unmöglich. Lüge scheidet schon vom Wesen der Therese Neumann her aus." Ein Gemeinderat: "Ich zweifle in keinem Fall daran." Anderer Meinung ist der in Konnersreuth ansässige Arzt: "Ich pflege mich dazu nicht gerne zu äußern .~ An die Nahrungslosigkeit jedenfalls glaube ich nicht."

Ausgiebig kommt im Film der Bruder der Stigmatisierten, Ferdinand Neumann, zu Wort. Er weiß vieles zu deuten und zu erklären, zeigt Haus und Wohnung, Wäschestücke mit eindrucksvollen Blutspuren, die von den Wundmalen herrühren, und erzählt von den Massenbesuchen an den Karfreitagen. Die Geschwister seien davon gar nicht erbaut gewesen, denn an diesen Tagen habe es für sie soviel wie kein Privatleben mehr gegeben: "Mehrere Millionen kamen im Laufe der Jahrzehnte nach Konnersreuth. Wir waren gar nicht mehr Herr im eigenen Haus." Wenn Ferdinand bei einem solchen Massenandrang ins Freie wollte, entfernte er sich stets durch ein abgelegenes Fenster. Unbeantwortet blieb freilich die Frage, weshalb man die vielen Besucher Überhaupt eingelassen habe.

Natürlich wollte der Filmautor auch Konnersreuth-Gegner zu Wort kommen lassen. Doch mit seiner Auswahl hatte er wenig Glück. .Keiner ging ihm vor die Kamera. Zwei Aussagen dünken uns noch wesentlich zu sein. Peter Gehring befragte den bekannten Parapsychologen Professor Dr. Hans Bender. Sein Buch "Unser sechster Sinn" .hatte Aufsehen erregt. Bender meinte, daß Therese Neumann durchaus eine paranormale Begabung gewesen sei. Die religiöse Relevanz des Wunders könne man nicht ausschließen. Vom Wunder an sich meinte der Gelehrte, daß es eine geheime Möglichkeit der Natur sei. In. ähnlichem Sinne äußerte sich auch der Eichstätter Theologieprofessor Gläser, der von der Vieldimensionalität der Wirklichkeit sprach, für die man offen sein müsse.

In Freimann kam es nach der Aufführung des Films zu einem in vielen Dingen klärenden Gespräch. Die Journalisten zeigten sich dem ungewöhnlichen Thema gegen über sehr aufgeschlossen. Unangenehm allerdings fiel auf, daß kein einziges Bistumsblatt der bayerischen Diözesen trotz schriftlicher Einladung vertreten war, natürlich auch nicht die Regensburger Bischofszeitung. Kann man da raus Rückschlüsse ziehen?

Soweit meine Rezension des Films. Nun interessierte mich natürlich brennend die Reaktion der Bevölkerung, der Zuschauer. Meine breitgestreut angelegten Erkundungen ergaben, daß die Urteile weit auseinanderlagen. Den Kennern jener' Phänomene bot der Film kaum Neues. Für sie war er eine willkommene Reminiszenz. Viele jedoch, die zum erstenmal mit diesen Vorgängen konfrontiert wurden, fühlten sich schockiert, wenn nicht abgestoßen. Einer sprach von "unappetitlichen" Aufnahmen, die ihn wenig später veranlaßt hätten, das Gerät abzuschalten. Ein anderer definierte die "verzückten" Gesichtsbewegungen der Therese Neumann bei einer Vision als Ausdruck von Hysterie, wenn nicht ausgesprochener Geistesgestörtheit. Wieder anderen mißfiel die, wie sie sagten, "Primitivität" und Unzuständigkeit .der "Zeugen". Ich traf aber auch auf Zeitgenossen ohne religiöse Prägung, die sich von dem Film stark angesprochen fühlten, obwohl oder gerade weil sie einer ihnen völlig unbekannten Wirklichkeit begegne t waren. Sehr positiv beurteilten jedoch die meisten die den Film ergänzende und abrundende Diskussion mit einem Theologen, einem Psychologen und einem Parapsychologen. Die Wissenschaftler hellten zwar manche Tatbestände auf, doch blieb am Ende dennoch alles offen., Der Intellekt reicht eben nicht aus, um das "Wunder" zu beweisen oder zu definieren. Stigmatisation, Visionen und Telepathie hatte man gerade noch "geschluckt", aber mit der totalen Nahrungslosigkeit kamen die Diskutierenden nicht oder nur unzulänglich zurecht. Der einzige wesentliche und entscheidende Erklärungsfaktor blieb nämlich ausgeschlossen: die Eucharistie. Um ihn zu akzeptieren, ist Glaube erforderlich. Alles in allem: Wie sehr der Film auch eine Fülle von Fragen offengelassen hat, scheint er doch viele zum Nachdenken und ,zum schöpferischen Zweifel angeregt zu haben.

Im gleichen Jahr wartete noch ein zweiter Autor mit einer Deutung der Konnersreuther Vorkommnisse im Bayerischen Rundfunk auf, der Würzburger Theologe Dr. Max Rößler. Er hat Übrigens ein liebenswertes, reichbebildertes Buch über Therese Neumann geschrieben, das ich jedermann empfehlen kann. Max Rößler erschien mir von Anfang an insofern interessant, als er über den Horizont der katholischen Dogmen weit hinausblickt und in der außerkirchlichen Weltliteratur. eine zweite Heimat gefunden hat. So hat denn auch sein "Hörbild" Über Therese Neumann in jeder Hinsicht gehalten, was sich viele von ihm versprochen hatten. Jenseits alles religiösen Schwärmertums, von dem auch Konnersreuth nicht verschont geblieben ist und bleibt, war klare Objektivität das Kennzeichen dieser Sendung. Rößler versuchte, auszusagen, was er selber, gesehen und gehört hatte, gestützt auf Stimmen von Autoritäten de s geistigen und theologischen Lebens, die nicht überhört werden sollten.

Kein Geringerer als der Dichter Hugo von Hofmannsthal hatte sich bereits mit Therese Neumann beschäftigt. Rößler bezog sich bei dieser Feststellung auf den Schweizer Humanisten Carl J. Burckhardt, dem Hofmannsthal den Plan einer Verfilmung der Konnersteuther Vorgänge eröffnet hatte. Aber eine seltsame innere Stimme hielt Hofmannsthal denn doch von seinem Vorhaben zurück: "Da hatte ich an etwas gerührt, das nicht der Kunst gehört. Die Unantastbarkeit des Geheimnisses war ihm aufgegangen.

Dr. Rößler erinnerte dann an die Karfreitage in Konnersreuth, die Erschütterung und Ratlosigkeit der Eltern ob des unbegreiflichen Geschehens an ihrer Tochter Therese. Ein Lob galt der Bevölkerung von Konnersreuth: "Noch nie erlebte ich eine Kirche, in der so innig der Kreuzweg gebetet wurde wie in Konnersreuth. " Der Autor kam dann darauf zu sprechen, wie und in welchem Maße viele hochrangige Persönlichkeiten den Fall Konnersreuth", zum Anlaß genommen hatten, um den Phänomenen gläubig oder wissenschaftlich nachzugehen, und wie sehr sie von dem, was sie erlebt hatten, betroffen waren; ein Kardinal Faulhaber etwa, der Theologe und Dichter Josef Bernhart, der Schriftsteller Sigismund von Radecki, der Hauptschriftleiter der "Münchner Neuesten Nachrichten" Dr. Fritz Gerlich oder die Schriftstellerin Luise Rinser, um nur einige zu nennen. Gerlich, so berichtete Rößler, sei in der Absicht nach Konnersreuth gekommen, um in journalistischem Übereifer "den ganzen Schwindel" aufzudecken, habe jedoch dort die völlig unerwartete Hinkehr zum katholischen Glauben vollzogen und sei bis zu seiner Ermordung durch Hitlers Schergen in Dachau einer der glühendsten Verfechter der "Konnersreuther Sache" gewesen.

Therese Neumann, so argumentierte Rößler, war weit entfernt von jeglicher Hysterie. Ihr Wesen war schlicht und einfach gebaut" wie nicht zuletzt ihr Schriftbild beweist. Diese Schrift wurde auf Veranlassung von Luise Rinser einer neutralen Graphologin vorgelegt. In deren wissenschaftlichem Urteil wird, die Stigmatisierte als eine Person von außerordentlicher Klarheit des Wesens, als völlig illusionslos, als unbeeinflussbar und von großer Überlegenheit gegenüber dem Urteil anderer geschildert.

Vielsagend ist auch der Wunderbegriff, den Therese Neumann vertreten hat. Als Rößler sie daraufhin einmal ansprach, wies sie auf eine Schale mit Äpfeln und meinte, daß doch auch ein Apfel und seine Entstehung Wunder seien. Nicht minder das festliche Ausblühen der winterstarren Bäume im Frühling. "Alles, was von Gott kam, war für Therese ein Wunder." Ihr Wunderverständnis sei ganz anderer Art gewesen als jenes der Gelehrten. Abschließend erwähnte Max Rößler den Regensburger Erzbischof Michael Buchberger, der gesagt habe, daß viele Menschen in Konnersreuth Hilfe empfangen, den Glauben neu erfahren oder zu. diesem Glauben wunderbar hingefunden hätten. Sein Nachfolger hinwiederum, Rudolf Gräber, verstehe Konnersreuth als Zeichen der Liebe zum eucharistischen und gekreuzigten Herrn. Die Zwanzig-Minuten-Sendung des Bayerischen Rundfunks hat in ihrer Prägnanz mehr über die Botschaft von Konnersreuth ausgesagt als verbreitete süß-fromme Traktätchen oder manches phantasieloskritische, primitivster Pietät entbehrende Buch eines Besserwissers. jenen Besucher von Konnersreuth, den ich jetzt vorstellen werde, habe ich seit je deswegen sehr geschätzt, weil er das mystische Geschehen vom Wort, von der Sprache her angin2: Erzbischof Dr. Josef Parecattil aus Ernakulam in Indien. Er war der Stigmatisierten 1958 und 1960 begegnet. 1967 besuchte er den Regensburger Bischof Rudolf Gräber, der seinem Gast die englische Übersetzung einer Therese Neumann-Biographie des Dr. Johannes Steiner aus München Überreichte. Den Inder hatte die Lektüre dieses Buches derart ergriffen, daß er den Verleger bat, er möge ihm doch die Übertragung des Textes in die Malayalam-Sprache, das heißt in die Eingeborenensprache der Provinz Kerala in Indien gestatten. Der Bischof war an Konnersreuth auch insofern außerordentlich interessiert, als das Aramäische oder Syro-Chaldäische die liturgische Sprache seines Bistums ist. Auch Jesus hatte ja bekanntlich aramäisch gesprochen. Gerade mit Bezug auf diese Sprache hatte sich der indische Bischof mit Therese Neumann mehrfach unterhalten. Sie konnte ihm auf Grund ihrer mystischen Schauungen Über wichtige aramäische Worte Jesu präzise Auskunft geben. Therese Überraschte den Bischof durch ihre erstaunlichen Kenntnisse einer fremden Sprache, die sie nie gelernt hatte.

ich unterließ es, mich in die schwierige, tief ins fremdartig Sprachwissenschaftliche hineinreichende Materie einzuarbeiten, sondern überließ es dem philologisch hochgelehrten Bischof, selber Stellung zu nehmen. Er kam meiner Bitte gerne nach und stellte mir den folgenden Beitrag zur Verfügung: "Vor kurzem hatte ich das Glück, das erregende Leben der Therese Neumann durch das Buch von Johannes Steiner kennenzulernen. Meine Aufmerksamkeit richtete sich besonders auf die aramäischen oder syrochaldäischen Worte und Sätze, die sie aus den Visionen vom Leiden unseres Herrn wiedergeben konnte. Aus diesem Grunde bin ich in der Lage., mehrere Einzelheiten hinzuzufügen, da ich mit Therese zweimal über dieses Thema gesprochen habe.

Sie konnte die aramäischen Worte aus dem Gedächtnis wiedergeben. Aramäisch ist unsere liturgische Sprache. Und es ist jene -Sprache, die Jesus, Maria und die Apostel gesprochen haben. Matthäus schrieb sein Evangelium aramäisch. Der Apostel Thomas, der den christlichen Glauben nach Indien brachte, führte das Aramäisch bei uns ein. Bei Gelegenheit meines ersten Besuches in Konnersreuth fragte ich die Stigmatisierte, ob sie einige Sätze zu wiederholen vermochte, die sie während der Visionen gehört hatte. Sie bejahte es, fügte aber hinzu, daß sie vielleicht nicht richtig sein könnten, da sie sich nur auf ihr Gedächtnis verlassen könne. Deshalb bedauerte sie ihre Unfähigkeit, die Sätze korrekt auszusprechen. Ich konnte jedoch alle ihre Aussagen verstehen.

Der Bischof stellt nun einige bekannte Worte vor, die Jesus bei seinem Leiden und nach seiner Auferstehung gesprochen hatte. "Ob auch Maria zu ihr rede?" Therese: Nein, sie schweigt. Neben Therese stand bei meinem Besuch ein kleines Mädchen mit dem Namen Maria. Ich nannte sie aramäisch Mariam. Da korrigierte mich Therese, bestand auf Miriam und fügte hinzu, daß die Mutter Jesu mit beiden Namen angeredet wurde. Im Tempel nannte man sie Miriam. Josef aber pflegte sie mit Mariam zu rufen. Nebenher sagte mir Therese auch, daß Jesus im Tempel ein eleganteres' Aramäisch gesprochen habe als mit seinen Aposteln im palästinensischen Alltag. Leider unterließ ich es damals, zu fragen, wie sie denn diese Stile zu unterscheiden vermochte.

Therese freute sich, als ich ihr mitteilen konnte, daß man sich in Indien noch heute des Aramäischen als liturgischer Sprache bediene. Diese Freude spricht auch aus einem Brief, den sie mir am 12. April 1962, wenige Monate vor ihrem Tod, geschrieben hat. Als ich ihr einmal gegenübersaß, bat sie mich, einige aramäische Sätze vorzulesen. Ich hatte nur mein Brevier bei mir. Ich schlug es willkürlich auf und begann, einen Abschnitt vorzutragen, in dem auch das Wort "malka" vorkam. Dieses Wort kenne ich', rief sie, und zwar vom Wunder der Brotvermehrung her. Da haben die Juden "malka, malka" gerufen, das heißt König.

Bevor ich schließe, kann ich nicht umhin, zu sagen, daß ich von ihrer kindlichen Einfalt, ihrer Menschlichkeit, ihrem tiefen Glauben, ihrer Liebe zum Leiden, ihrem Gebetseifer und Gehorsam tief beeindruckt war., Als ich Therese bei meinem zweiten Besuch fragte, ob sie mir als Andenken ein Stück Leinen mit Blutspuren einer Leidensekstase mitgeben könne, antwortete sie, daß ihr das der Bischof verboten .habe. Bevor ich sie beide Male verließ, kniete sie vor mir nieder und erbat sich meinen Segen." Im April 1974 kam eine Diplompsychologin aus der Schweiz auf mich zu. Ich weiß nichts mehr von den Umständen, die sie zu mir geführt hatten. Sie wirkte in Dornach, am geistigen Mittelpunkt der Anthroposophie, die Rudolf Steiner ins Leben gerufen hatte. Diese neue "Weisheitslehre über, den Menschen" hat in fast allen Ländern Europas Wurzeln geschlagen. Ihre Arbeitsgebiete erstrecken sich ebenso auf Pädagogik und Medizin wie die Naturwissenschaften und Künste. Die Bewegung ist vor allem durch ihre Waldorfschulen populär geworden. Universalität der Menschenbildung wird angestrebt, Dieser Geistesrichtung gehörte auch mein Schweizer Gast an. Sie war eine "Jüngerin" Rudolf Steiners. Die Frau arbeitete als Praktikerin der Heil-Eurhythmie, das heißt einer Bewegungstherapie an schwachsinnigen oder organisch kranken Kindern. Drei Tage der Woche verbrachte, sie in einer eigenen Praxis, die Übrigen drei in heilpädagogischen Heimen.

Was sie denn bewogen habe, nach Konnersreuth zu fahren, fragte ich. "Mein Interesse für Therese Neumann", sagte sie, "erstreckt sich in der Hauptsache auf den Inhalt ihrer Schauungen. Ich hatte mich sehr intensiv mit den Visionen der Anna Katharina Emmerick beschäftigt. Auch der Isenheimer Altar des Matthias Grünewald hat mich in Erstaunen versetzt. Hier entdeckte ich eigenartige Zusammenhänge, die mir bisher noch nicht aufgefallen waren." Ich wollte auch wissen, was sie denn als wissenschaftlich arbeitende Psychologin von den Konnersreuther Vorgängen halte. "Hinsichtlich ihrer Echtheit besteht für mich kein Zweifel", stellte sie fest. Auch von Suggestion oder Autosuggestion kann keine Rede sein. Die Selbstbeeinflussung eines Geisteskranken etwa ist nämlich stets in irgendeinem Sinne zweckgerichtet. Er will etwas gewinnen oder erreichen. Dies alles entfällt bei Therese Neumann".

Nach ihrer Ankunft in Konnersreuth besuchte die Schweizerin zunächst die Kirche: "Wissen Sie, wenn ich in irgendeinen Ort komme, möchte ich zuerst die Kirche sehen." Dann stand sie eine Weile vor dem Geburtshaus der Stigmatisierten, um sich später in einem Buchladen einige Schriften über Therese Neumann zu besorgen. Ihr nächstes Ziel war das Theresianum. Die dortigen Karmelitinnen nahmen sie gastfreundlich auf. Bald kam es zu einem herzlichen Gespräch. Vorab ging es dabei um die Beziehungen der Mystikerin zu Theresia von Lisieux. Die Schwestern gingen die Psychologin auch um ihren therapeutischen Rat zu zwei schwierigen Fällen innerhalb ihres caritativen Betreuungsbereichs an.

Um Therapie ging es auch in unserem Psychologisches anpeilenden Gespräch: "Ist es möglich, daß ein begnadeter Mensch einen kranken Mitmenschen heilen kann?". Antwort: "Das kann durchaus geschehen, und zwar dann, wenn ein Kranker die Begnadung des anderen innerlich bejaht und sich auf ihn einstellt. Der Hilfesuchende wächst damit über sich hinaus, gerät in die Strahlkraft des Göttlichen und erfährt die Lebensmacht des Christus. Da kann sich nun in der Tat Heilung ereignen. Außerordentlich schätzte die Wissenschaftlerin an Therese Neumann deren soziales Engagement. Sie meinte damit vor allem die Begründung der Spätberufenenschule Fockenfeld und des Theresianums. Nicht minder bewunderte sie die Naturliebe und Naturverbundenheit der Stigmatisierten, ihre Freundschaft mit Tieren und Pflanzen und ihre Hingabefähigkeit an die Wunder des Kosmos.

Auch Thereses Nahrungslosigkeit habe sie sehr bewegt. Sie anzuzweifeln, gebe es keinen vernünftigen Grund: "Hier gilt es eben, geistige Tatbestände anzuerkennen. Auf sie verweisen. alle Lebensumstände der Therese Neumann. Die Dinge sind voller Wahrheit,. Nur jener wird die Mystikerin schmähen, der bei ihrer Beurteilung den gesunden Menschenverstand preisgibt. In der Hostie repräsentierte sich ihr eben der auferstandene Christus." "Therese", bemerkte ich, "hatte und, hat natürlich auch Feinde, die ihr nicht , selten Übel mitspielen. "' Die Psychologin darauf: "Das sind Menschen, die sich gegen die Echtheit dieser Erscheinungen wehren. Ich habe solche Leute sehr in Verdacht, daß sie im Tiefsten ihres Wesens wohl um die Wahrheit dieser Phänomene wissen, doch die Hybris, die Überheblichkeit ihres Verstandes, läßt nicht zu, daß sie gläubig Ja sagen. Nur eine radikale Änderung des Denkens könnte hier weiterführen."

15. April 1976. Es ist seltsam: Immer wieder läuft man in Konnersreuth Unbekannten über den Weg, bei denen sich nach einem flüchtigen Begrüßungswort herausstellt, daß sie Freunde der Therese Neumann gewesen sind,. Leute, die zum immer kleiner werdenden Kreis derer gehören, die sie persönlich gekannt, ihre mystische Begnadung verehrt und das eigene Leben, nachfolgend,. unter das Gesetz des Kreuzes gestellt haben.

So: kam, es dieser Tage zu einer überraschenden Begegnung mit einer Frau aus Worms. Ihr sei, wie sie sagte, Konnersreuth zum religiösen Schicksal geworden. So sehr, daß, die nunmehr Siebzigjährige im, Verlauf von vierzig Jahren den Ort nicht weniger als fünfundsechzigmal besucht habe. Erstmals sei sie 1936 hier gewesen. Auch die letzten Lebenswochen der Stigmatisierten habe sie miterlebt. Sie, halte ihr auch heute noch die Treue und lege ihr Leben in Thereses fürbittende Hände. Weiter berichtete sie: "Als der Regensburger Bischof vor einigen Jahren zur Einleitung des Seligsprechungsprozesses eine Umfrage bei jenen veranstalten ließ, die Therese Neumann erlebt hatten und gültige Aussagen Über sie machen konnten, meldete auch ich mich. Ich rühmte ihren außerordentlichen religiösen Sinn, ihre Bescheidenheit und Korrektheit." Stets sei sie arbeitswillig und dienstbereit gewesen und habe sich durch uneigennützige Liebe zu Kindern, Armen und Kranken ausgezeichnet. Fünfzigmal sei sie Zeugin der Leidensekstase gewesen, oft auch habe sie mystische Schauungen miterlebt. Darüber hinaus meldete die Wormserin die plötzliche Heilung ihres Mannes von einer tödlich scheinenden Krankheit. Auch sie selber habe eine derart unerwartete Genesung von einem schweren Leiden auf, wie sie sagte, Thereses Fürbitte hin erfahren.


Der Autor mit Kaplan Fahsel und Freunden an einem Karfreitag in Konnersreuth.


"Die mystischen Ereignisse in Konnersreuth", stellte die Frau fest, "hatten nicht nur auf den Ort hin, sondern weit über den Markt hinaus ungewöhnliche Ausstrahlungskraft. Was die Nahrungslosigkeit anlangt, so wäre es denkbar unrecht, hier von Schwindel zu reden. Als Freundin des Hauses Neumann hatte ich viele Tage bei Therese zugebracht, nie aber konnte ich beobachten, daß sie auch nur das Geringste an fester Speise oder Flüssigkeit zu sich nahm. An Thereses ,Leichnam fiel mir auf, daß die Heimgegangene nach vier Tagen der Aufbahrung mehr einer Schlafenden denn einer Toten glich." Die Aussagen dieser Frau schienen mir insofern bedenkenswert zu sein, weil sie anders, überzeugender klangen als manche verbreiteten, überschwänglich fromm formulierten und wenig sachlichen Sympathieäußerungen.

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