Ein Wunder?

Wundersucht liegt mir nicht. Auch wenn jemand sagt, da oder dort sei ein Wunder geschehen, rät mir mein skeptischer Sinn zu Vorsicht. So verhielt ich mich auch als mich im September 1965 die telefonisch übermittelte Bitte erreichte, ich möge so bald wie möglich nach Konnersreuth kommen, denn es sei etwas Außerordentliches passiert. Anrufer war der holländische Passionistenpater Paul Brouwers. Tags darauf trafen wir uns in einem Konnersreuther Gasthaus. Da saß ich nun unter einer kleinen holländischen Pilgergruppe, zu der außer dem Ordensmann auch die Bauerseheleute Berta und Peter Johannes Meuleberg, einer ihrer Söhne und die Hebamme der Heimatgemeinde zählten. Sie seien gekommen, hieß es, 'um für eine wunderbare Heilung zu danken, die man mit Sicherheit ausschließlich der Fürbitte der Therese Neumann zuschreiben dürfe.

Ich sah mir die Hauptbeteiligten genau an. Deren folgende stichwortartige Charakterisierung entnahm ich meinen Aufzeichnungen. Frau Meuleberg, die Geheilte: siebenundvierzigjährige Bauersfrau aus kleinlandwirtschaftlichem Betrieb, schlicht, bescheiden, noch voller Freude über die Heilung, ehrliche Schilderung des Vorgangs, redet ohne Umschweife, keine verdächtigen Emotionen, leidensbereit, gottergeben. Der Ehemann: still, in sich gekehrt, leiderprobt (kranke Frau und fünf Kinder), rauchte eine Zigarre, sprach wenig, nur kurze Bemerkungen, von ernster Sinnesart. Der Pater: lebhaft, weltzugewandt, begeisterter Verehrer der Therese Neumann, Übersetzer einer Biographie der Stigmatisierten ins Holländische, redete mich sofort mit "Du" an, schloß Freundschaft, leidenschaftlicher Zigarrenraucher. Was war geschehen?

Frau Berta Meuleberg war vier Jahre und zwei Monate an schwerem chronischem Gelenkrheumatismus erkrankt, konnte sich kaum bewegen, litt unter ständigen Schmerzen und mußte meist das Bett hüten. Knie und Handgelenke waren dick angeschwollen, die Hände unbrauchbar. Die kleine schmale Stiege zum Schlafzimmer im oberen Stockwerk ihres Hauses konnte sie nur kriechend, auf ihre Ellenbogen gestützt, bewältigen. Der Ehemann half ihr dabei. Die Schmerzen an den Händen - so Frau Meuleberg - seien oft von solcher Heftigkeit gewesen, daß sie die beiden Handrücken mit, heißem Wasser übergossen habe.

Diese noch vor wenigen Wochen schwerkranke Frau, war nun nach Konnersreuth gekommen, um das Grab der Therese Neumann zu besuchen, denn sie war - wie sie bezeugte - nach einer Novene (Gebet an neun aufeinanderfolgenden Tagen) zu der Stigmatisierten plötzlich geheilt worden, ich fragte sie-. "Kannten Sie Therese Neumann und hatten sie irgendwelche Beziehungen zu ihr? Oder haben Sie viel von ihr gehört und sich mit Literatur über die Stigmatisierte beschäftigt?" Die Frau: "Nein! Nur unsere Hebamme, die Therese sehr schätzt, hat mir einige Male von ihr erzählt. Vor einiger Zeit verkaufte sie mir ein Büchlein mit dem Titel "Therese Neumann von Konnersreuth - ein Zeichen für unsere Zeit". Die Verfasserin heißt Anni Spiegl. Pater Brouwers hat es ins Holländische übersetzt. Frau Meuleberg weiter: "Ich habe aber dieses Buch gar nicht gelesen, sondern es nur durchgeblättert. Stark beeindruckt war ich allerdings von dem Titelbild, einer Aufnahme der Therese, und von dem Untertitel "Ein Zeichen für unsere Zeit". So beschloß ich denn, nicht zuletzt auf Anraten unserer Hebamme, zu Therese, Neumann eine Novene zu halten.

Und so ging es weiter: "Ich begann zu beten. Jeden Tag sprach ich die gleichen Gebete und Bitten. Am vierten Tag - ich lag zu Bett - hörte ich ein viermaliges Klopfen. Es war, wie wenn man auf Eichenholz klopft." Die Kranke brachte das Geräusch spontan mit Therese Neumann in Verbindung. Von da an, sagte Frau Meuleberg, sei sie überzeugt gewesen, daß sie am neunten Tag geheilt werde. "Wenn das wirklich geschieht, Therese, was soll ich dann tun?" sprach sie. Da hörte sie eine Stimme sagen: "Du sollst zu meinem Grab kommen." Die Frau darauf: "Ich trau' mich nicht. Es passiert heute so viel auf den Straßen. Ich habe Angst vor dem Verkehr." Die Stimme: "Du kannst ruhig fahren'. Es wird nichts passieren." Die Frau: "Dann bringe ich auch die Hebamme und den Pater mit."

Tags darauf, am fünften Tag der Novene, wollte Frau Meuleberg der unsichtbar Sprechenden erzählen, wie viel Schweres sie doch in ihrem Leben schon habe erdulden und wieviel Undank sie habe erfahren müssen. Doch sie unterbrach die Klage und sagte: "Ach, Resl, Du weißt ja alles selber am besten." Darauf die Stimme: "Für all diese Leiden erhältst Du Deine Gesundheit wieder". Zugleich war ihr verboten worden, über die in Aussicht gestellte Heilung zu sprechen. Die Stimme fuhr fort: "In der Nähe Deines Hauses soll man eine Kapelle bauen ., in der für den Frieden und die Eintracht der Menschen gebetet wird.

Am achten Tag der Novene verschlimmerte sich der Zustand der Kranken derart, daß der Ehemann befürchtete, seine Frau werde sterben. "Ich werde unverzüglich. den Arzt und einen Priester rufen lassen", sagte er. Doch die Frau wehrte ab. Der Mann: "Aber Frau, nun sage mir doch endlich, was mit dir ist. Nun sind wir schon so lange verheiratet und haben keine Geheimnisse voreinander gehabt, so sag mir doch, was mit Dir geschehen soll!" Sie darauf: "Frage mich nicht weiter, denn ich sage nichts. Aber am Freitag werden Dir die Augen aufgehen.. Sorge auf alle Fälle dafür, daß bis dahin die Wohnzimmertür gestrichen wird und daß auch sonst im Hause alles in Ordnung ist, denn am Freitag werden uns viele Leute besuchen. Auch der Pater wird kommen.

Der neunte Tag, 3. September 1965, ein Herz-Jesu-Freitag: Der Zustand der Frau läßt ahnen, daß der Tod nahe ist. Gegen 14.30 Uhr schläft die Kranke ein. Erstaunlich, denn sie hatte die ganze Woche über kein Auge zugetan. Gegen 16:30 Uhr betritt der Ehemann das Schlafzimmer. Frau Meuleberg schlägt die Augen auf und fragt: "Wie spät ist es?" Der Mann: "16:30 Uhr." Die Frau: "Ich habe heute noch nicht gebetet, nun, dann wird es halt etwas später geschehen."

Betrübt verläßt der Gatte den Raum und begibt sich in das unten gelegene Wohnzimmer, dessen Tür er einen Spalt breit offen läßt. Im Hause ist es bedrückend still. Da hört der Mann plötzlich, wie jemand polternd die Stiege herunterläuft. Der Störenfried könne kein anderer als sein siebenjähriger Sohn sein, vermutet er. Er tritt. zur Stiege, um ihn zu maßregeln: "Ich wollte ihn ob seiner Rücksichtslosigkeit ohrfeigen", sagte er. Da - er kann es nicht fassen -kommt ihm glückselig und freudestrahlend seine Frau entgegen und ruft: "Vater, ich bin geheilt!"

So schilderte mir Frau Meuleberg ihre Heilung. Die einfache und klare Darstellung der Vorgänge ließ keinen Zweifel an deren Wahrheit aufkommen. Dafür bürgte mir die Lauterkeit der Frau, die nach meiner Überzeugung keine Halluzination vortrug, vielmehr eine Begebenheit beschrieb. Ich mußte ihr Glauben schenken.

Doch dieser Wunderbericht ließ mir keine Ruhe. Vor allem wollte ich mich Über den medizinischen Hintergrund informieren. So rief ich denn - ohne Wissen der Betroffenen - jene Klinik in Holland an, in der die Frau Über Monate hinweg untergebracht und therapeutisch behandelt worden war. Ich ließ mich mit dem Chefarzt, einem bekannten Rheuma-Spezialisten, verbinden. Dieser erklärte, die Krankheit der Frau sei nicht unheilbar gewesen, doch schloß er schwere, unkorrigierbare Verschleißerscheinungen an den Gelenken nicht aus. Es könne auch sein, daß sich noch andere Krankheiten, die er nicht zu beurteilen vermöge, hinzugesellt hätten. Er sei nur für das Krankheitsbild "Rheuma" zuständig. Als ich den Arzt auf die Plötzlichkeit der Heilung aufmerksam machte, meinte er, hier könnten "psychische Momente" mitgewirkt haben. Auf meine Frage, ob er ein Wunder für möglich halte, stellte er fest: "Es kann schon Wunder geben, aber in diesem Fall halte ich es für ausgeschlossen." Dieser Arzt war kein Niederländer, sondern japanischer Herkunft. Ob und inwieweit er dem Christentum nahe stand, konnte ich nicht ermitteln.

Wie dem auch sei: Was sich da an Frau Meuleberg ereignet hat, läßt sich nicht "wissenschaftlich" definieren. Auch ich erlaube mir kein Urteil. Doch kann ich mich dem Eindruck nicht verschließen, daß sich hier Zusammenhänge auftun, mit deren Deutung die bloße Vernunft nicht zurechtkommt. Ich überlasse es dem Leser, sich mit ihnen auseinander zusetzen. Der "Fall" sei zur Diskussion gestellt.


Die Holländer am Grab der Stigmatisierten. Zweite von rechts Frau Berta Meuleberg.

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