Heimat

Um einen Menschen, eine Persönlichkeit, in der ganzen Breite seiner Existenz beurteilen zu können, ist es unerläßlich, zu fragen, woher er kommt, aus welchem Land, aus welcher Stadt, aus welcher Gegend oder Gemeinde. Zu fragen ist auch, in welchem Kulturkreis er aufwuchs, in welchem religiösen Umfeld er lebte, wie seine Erziehung ablief, von welcher Qualität Überhaupt jene Zeitgenossen waren, mit denen er täglich umging und deren Traditionen er sich verpflichtet wußte. Diese Wurzelgründe der Herkunft gilt es aufzuspüren, wenn das Persönlichkeitsbild eines Menschen in klarer Kontur offenkundig werden soll.

Dies gilt in besonderer, ja ich möchte sagen, außerordentlicher Weise auch für Therese Neumann. Über sie ist in den letzten Jahrzehnten unglaublich viel geschrieben worden, doch die Autoren haben meist kaum angedeutet, daß die Stigmatisierte eine Konnersreutherin, ja sogar eine waschechte Konnersreutherin war. Zeit ihres Lebens hat sie sich ungeteilt zu ihrem Geburtsort bekannt, nie hat sie ihn verleugnet oder sich durch die.Besonderheit ihrer Berufung von ihm abgemeldet. Mit den Konnersreuthern teilte sie ihr Lebensschicksal und ihren besonderen, unverwechselbaren Charakter. Sie sprach deren Dialekt, sogar während ihrer Ekstasen und Visionen. Nie habe ich sie "hochdeutsch" reden gehört. Komplizierte und geschraubte Ausdrucksweise von Besuchern mißfiel ihr. Sie war Überzeugt, daß man das meiste doch soviel einfacher und klarer sagen könne, als es gelehrte Herren in ihrer Gegenwart häufig zu tun beliebten.

Wer Therese Neumann ganz verstehen will, kommt nicht daran vorbei, sich auch mit der Mentalität, dem "Temperament', der Konnersreuther und ihren charakterlichen Besonderheiten zu beschäftigen. Meine Entdeckungsversuche waren insofern stets erfolgreich, als ich mich nahezu des gleichen Dialekts zu bedienen vermag, der den Konnersreuthern eigentümlich ist. Mein Geburtsort Mitterteich liegt ja nur wenige Kilometer von Konnersreuth entfernt. Im mer wieder nahm und nehme, ich die Gelegenheit wahr, mich mit Konnersreuthern ungezwungen zu unterhalten, nicht zuletzt an ihrem Stammtisch im Wirtshaus. Diese vielen Gespräche haben, mir wesentliche Einblickein die "Seelenverfassung" der Konnersreuther ermöglicht. Dabei ging es meist nur am Rande um Therese Neumann. Im Mittelpunkt standen vielmehr kommunalpolitische Dinge, Vereinsaktivitäten, der Fremdenverkehr, Festvorbereitungen oder das eine und andere besondere Vorkommnis im Ort.

Wenn ich die Summe meiner Erfahrungen ziehe, dann möchte ich die Konnersreuther so charakterisieren: Sie sind aufrichtig, ehrlich, sagen frei heraus, was sie denken, reden ohne Umschweife, bleiben dennoch wortkarg, zeigen sich Fremden gegenüber vorsichtig und zurückhaltend, sind stolz auf ihren Heimatort, deshalb traditionsbewußt, ungeheuchelt fromm, nicht frömmelnd, skeptisch gegenüber den sogenannten Segnungen unserer Zivilisation. Auffallend fand ich auch ihre Pietät gegenüber den Verstorbenen. Ihr vorbildlich gepflegter Friedhof beweist es.

Diese - natürlich unvollständige - Charakterisierung der Bevölkerung trifft in allen Punkten auch auf Therese Neumann zu. So war sie. Eine Frau aus dem Volke, allen Einwohnern zugetan und zugänglich, in stetem freundschaftlichem Gespräch mit ihnen, bereit zu helfen, wo sie nur konnte. Viele kamen, um sich Rat bei ihr zu holen. Wenn sie Bekannte auf der Straße traf, blieb es meist nicht beim unverbindlichen Grußwort. Da sprach man dann Über ganz alltägliche Dinge, Über familiäre Sorgen, eine Krankheit oder einen Todesfall, doch kaum über religiöse Fragen, schon gar nicht Über die Begnadungen der Stigmatisierten.

Vielen Unterredungen mit Konnersreuthern durfte ich entnehmen, daß sie stolz sind auf "ihre" Resl, auch wenn sie meist nur andeutungsweise von ihr sprachen. Sie hoben Therese nicht gleich in den Himmel hinauf, verstanden sie vielmehr vorab als liebenswerte Mitbürgerin. Sie war so populär geworden, daß sie der örtliche Geflügelzuchtverein sogar zu seinem Ehrenmitglied machte" hegte sie doch mit besonderer Liebe neben anderen Tieren auch zierliche Pfautauben und Zwerghühner. Nie fühlte sich Therese Neumann Über ihre Landsleute erhaben. Im Gegenteil: Als sich an ihrem Leib die, ersten Wundmale zeigten, geriet sie in große Verlegenheit. Selbst vor ihren Angehörigen versuchte sie die Stigmen, vor allem die Herzwunde, zu verheimlichen. Ferdinand Neumann überlieferte mir den Ausruf der Schwester: "Wenn das die Leute einmal wissen, werden sie sagen, daß ich nun ganz Übergeschnappt bin." Deshalb auch trug Therese jahrelang Halbhandschuhe, um die stets sichtbaren Stigmata der Hand zu verbergen. Sie wollte unter keinen Umständen auffallen. Von solcher Art sind auch die Konnersreuther. Sie protzen nicht in der Gegend herum, um Aufmerksamkeit zu erregen, Angebertum liegt ihnen nicht. Um diese seelische Grundverfaßtheit der Konnersreuther muß man wissen, soll das Naturell der Therese Neumann abstrichlos in Erscheinung treten. Gerade diese besondere, eben Konnersreutherische Prägung ihres Wesens hat Gott gefallen, um mit dieser Frau Geschichte zu machen. Eben in jenen Tagen, als ich diese Zeilen niederschrieb, stieß ich im Werk des Tho mas von Aquin auf einen Satz, der mir -völlig unerwartet - meine Überzeugung bestätigte: "Das Naturhafte ist das Fundament für die Tugenden, für die gnadenhaft geschenkten wie für die erworbenen."

Nun läge es natürlich nahe, auch auf die Geschichte des Ortes näher einzugehen. Aber dies entspräche nicht der Absicht dieses Buches. Diese Geschichte hat längst ein Historiker von Rang, nämlich der einstige Archivdirektor von Amberg, Dr. Heribert Sturm, abgehandelt. Wer sich darüber des näheren informieren will, erwerbe den Band "Konnersreuth fünfhundert Jahre Markt", den die Marktgemeinde 1971 herausgebracht hat. Erster Bürgermeister Willi Bauer schrieb dazu das folgende Vorwort:

"Am 2. September 1468 wurde dem Dorf Konnersreuth von Abt Nikolaus IV. und dem Konvent des Klosters Waldsassen jener Freiheitsbrief verliehen, der die Marktentwicklung des Ortes begründete. Eine Feier des fünfhundertjährigen Jubiläums im Jahre 1968 wurde zunächst zurückgestellt, auch deswegen, weil die Urkunde. verschollen war. Da sie inzwischen von dem Heimatforscher Alois Zrenner aus Waldsassen erfreulicherweise wieder aufgefunden werden konnte und. sich zudem heuer die erstmalige Wahl nach der Magistratsverfassung zum einhundertfünfzigsten Male jährt, faßte die Marktgemeinde den Beschluß zur Durchführung einer Jahrhundertfeier. Der Marktrat kam auch Überein, aus diesem Anlaß anstelle einer kurzlebigen Festschrift eine bleibende Publikation Über Konnersreuth herauszugeben. Sie soll, eine geschichtliche Übersicht unseres Ortes von seiner Entstehung an geben und die Weiterentwicklung in einem während vieler Zeitabschnitte auch schwierigen wirtschaftlichen, kulturellen und kirchlichen Aufbau aufzeigen. Weiter soll sie über, die jüngsten Ereignisse um Therese Neumann, durch die unser Ort weltbekannt wurde, in würdiger und authentischer Weise Aufschluß geben, um der Nachwelt zu überliefern, was unsere Generation augenscheinlich erleben durfte. Es ist mein aufrichtiger Wunsch, daß dem Markt Konnersreuth in seinem Bestreben, die Entwicklung für die Bewohner günstig zu gestalten, jetzt und, in der Zukunft Erfolg beschieden sein möge. Das walte Gott!" Ich kann es mir nicht versagen, Über diese Jubiläumsfeier ausführlich zu berichten. Sie fand vom 23. bis 26. Juli 1971 statt. Die Schirmherrschaft hatte der bayerische Ministerpräsident Dr. Alfons Goppel Übernommen. Auch mich hatte man zur Mitfeier eingeladen. Mein Eindruck vom Ablauf des Festsonntags: Die Feier dünkte mich anders, tiefergründender, besinnlicher über die Bühne gegangen zu sein als ähnliche Veranstaltungen anderswo. Hinter allem fühlte ich eine Wirklichkeit gegenwärtig, die ins Übergeschichtliche, ins Ewige hinüberwies. In dieser Vision bestärkten mich auch die Ansprachen der Festgäste und der fromme Ernst der vielen, die der Eucharistiefeier mit dem Regensburger Weihbischof Karl Flügel beiwohnten. Hier mein Bericht vom 27. Juli 1971:

Viele waren am vergangenen Sonntag nach Konnersreuth gekommen, um mit der Bevölkerung die Feier der Markterhebung vor fünfhundert Jahren zu begehen. Unter den Ehrengästen sah man den Regensburger Weihbischof Karl Flügel, den Regierungspräsidenten der Oberpfalz, Dr. Ernst Emmerig, den Oberbürgermeister der Stadt Marktredwitz, Freiherrn von Lindenfels, den Landtagsabgeordneten der Nachbarstadt Arzberg, Ewald Drechsel, den Wunsiedler Landrat Heinrich Drechsel, den Bundestagsabgeordneten Franz Zebisch aus Weiden, den Tirschenreuther Landrat Otto Freundl, den Landtagsabgeordneten Ernst Dietz und - nicht zuletzt - die Abtissin des Klosters der Zisterzienserinnen Waldsassen.

Das Fest begann mit einem Gottesdienst auf dem Therese-Neumann Platz. Weihbischof Karl Flügel feierte ihn zusammen mit Prälat Lorenz Rosner, Ortspfarrer Josef Schuhmann und Kaplan Rosner. Vor seiner Predigt Überbrachte der Weihbischof die Grüße des Diözesanbischofs Dr. Rudolf Gräber, der den festlichen Tagen einen guten Verlauf und der Gemeinde 'viel Segen wünschte. Flügel verbreitete sich zunächst darüber, in welchem Maße sich das bürgerliche und kirchliche Leben ergänze. Dann nahm er Bezug auf die mystischen Ereignisse in Konnersreuth und stellte fest, daß der Ort dadurch weltbekannt geworden sei. Freilich. - so schränkte der Prediger ein ,verhalte sich die Kirche gegenüber derartigen Phänomenen stets sehr zurückhaltend. Dennoch habe Bischof Gräber eine Befragung über Therese Neumann angeordnet, vornehmlich jener Zeugen, die Therese persönlich gekannt hatten um zuverlässige Informationen über, ihr Leben zu, sammeln.

Profanes und Kirchliches, sagte der Weihbischof weiter, müßten heute im Zusammenhang gesehen und gewertet werden. Auch das Konzil habe dies. unterstrichen. So könne denn, auch die bürgerliche Gemeinde der Kirche den Weg bereiten helfen. Allerdings beunruhige die Frage nach dem Menschen die Kirche heute zutiefst. Der Mensch verlange deshalb im Blick auf den Sinn seiner Existenz eine Antwort. Sie laute: "Das Evangelium nimmt von uns alle Daseinsangst, denn wer anklopft, dem wird aufgetan werden." Bloßes Frommtun aber genüge heute nicht mehr. Religion und Leben gehörten vielmehr zusammen. Als Beispiel solcher Zusammenschau nannte der Weihbischof das Anbetungskloster in Konnersreuth. Hier helfe die Kirche der Welt, aber auch die Welt der Kirche. An dieser Stätte werde dieses Miteinander vorbildlich gelebt. Schließlich verwies der Sprecher auf den gekreuzigten Herrn, der unser aller Anfang und unsere einzige Hoffnung sei.

Nach dem festlich von, Chor und Bläsern mitgestalteten Gottesdienst, der mit dem bischöflichen Segen endete, nahm, der erste Bürgermeister der Gemeinde, Willi Bauer, das Wort. Er dankte den Gästen für ihr Kommen, gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß das. Dokument der Markterhebung nach langer Suche aufgefunden werden konnte, und schilderte in längeren Ausführungen die bisherigen beachtlichen Leistungen der Marktgemeinde Konnersreuth. Dr. Heribert. Sturm, der Gestalter des Konnersreuther Heimatbuches, ging in umfangreicher Rede auf die Geschichte des Marktes und die vielfältigen Schicksale des Ortes ein. Regierungspräsident Dr. Ernst Emmerig überbrachte die Grüße des Schirmherrn, des Ministerpräsidenten Alfons Goppel, und beglückwünschte die Gemeinde zu ihrer, Jubiläumsfeier. Der Sprecher verwies zunächst auf die historischen Beziehungen zwischen Konnersreuth und dem Stift Waldsassen, dessen Mönche einst die christliche Lehre bis tief in böhmische Lande hineingetragen hätten. Demgegenüber beklagte der Regierungspräsident im Blick auf unsere Zeit, daß die Menschen von heute unfähig geworden seien, mit ihrem Wohlstand vernünftig umzugehen. So bestehe berechtigte Sorge, daß die totale Freiheit unserer Zeit in totale Unfreiheit umschlage. Dem Bürger von heute seien aber nicht nur Rechte verliehen, sondern auch ernste Pflichten auferlegt. -In Konnersreuth, bemerkte, der, Sprecher, habe man in den letzten Jahren viel geleist. Dafür gelte allen, nicht zuletzt den Bürgermeistern, herzlicher Dank. Dr. Emmerig brach sodann eine Lanze für die ländliche Existenz und ihre Erhaltung: "Wir brauchen die ländliche Gemeinde ebenso sehr wie die Großstädte!" Abschließend kam der Redner auf jene Frau zu sprechen, die Konnersreuth in aller Welt bekannt gemacht hatte, auf Therese Neumann. Die, mystischen Ereignisse an ihr nannte er ein von Gott gesetztes. Zeichen für die Welt. Dem stehe gegenüber, daß sich eben diese Welt, denkbar unkritisch am Fortschritt berausche und die Menschen weithin nicht mehr "dienen" sondern nur noch verdienen wollten, Es gelte, wieder zu jener Haltung hinzufinden, die m'n Demut, nenne, und die, sich auch im Dienst, an de Heimat bewähren müsse.

Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Franz Zebisch beglückwünschte die Marktgemeinde zum Jubiläum. Der Rückblick auf die fünfhundertjährige Geschichte des Marktes lasse die reiche Tradition des Stiftlandes. und der Oberpfalz erkennen,. Früh schon hätten hier Christianisierung und Kulturentwicklung eingesetzt. Bereits' im Mittelalter sei die Oberpfalz auch, ein Mittelpunkt des Wirtschaftslebens gewesen. Die Vergangenheit von Konnersreuth stelle, beispielhaft den Behauptungswillen seiner Bewohner unter Beweis. Zebisch schloß seine Rede mit 'einem nachdrücklichen Hinweis auf Therese Neumann, von der er sagte, daß sie Konnersreuth weltberühmt gemacht habe Der CSU-Landtagsabgeordnete Ernst Dietz lobte den Gemeinschaftssinn der Konnersreuther und rief dazu auf, all das zu erhalten, was in fünfhundert Jahren Ortsgeschichte gewachsen. war. Die Grüße des Landkreises überbrachte Landrat Otto Freundl. Ein Dankwort des Bürgermeisters beschloß die eindrucksvolle Feierstunde.


Die renovierte Pfarrkirche in ihrer prächtigen barocken Ausstattung.

Ein künstlerisches Kleinod von Konnersreuth ist die Pfarrkirche. Keinen Besuch in Konnersreuth ließ ich vorübergehen, ohne dort eingetreten zu sein und Erinnerung gehalten zu haben. Nirgends wohl weilte Therese Neumann häufiger als in diesem barocken Raum, um den Gottesdienst mitzufeiern, still zu werden, zu meditieren und anzubeten. Stets war , sie um geziemenden Blumenschmuck der Altäre besorgt, besonders wenn hohe kirchliche Feiertage bevorstanden. Nie gab sie das Gedenken daran preis, daß sie in dieser, Kirche getauft worden war und zum erstenmal am eucharistischen Mahl hatte teilnehmen dürfen. Ihr ausgeprägtes Taufbewußtsein hatte sie immer wieder bekundet. Deshalb auch schmückte sie zum Osterfest alljährlich mit besonderer Hingabe den Taufstein der Kirche. Nie unterließ ich es bei meinen Besuchen des Gotteshauses, vor dieses steinerne Becken hinzutreten und der Stigmatisierten zu gedenken, die hier das Sakrament der Einweihung in das Christentum empfangen hatte. Wie kein zweites Bauwerk gehört deshalb diese~ Kirche zur Lebensgeschichte der Therese Neumann. Dieses Gotteshaus war aber im Laufe der Jahre in einem Maße schadhaft geworden, daß sich seine Erneuerung als unumgänglich. erwies. Deshalb entschloß sich Pfarrer Josef Schuhmann, eine umfassende Renovierung in Angriff zu nehmen. Deren Abschluß durfte ich miterleben. Meiner Freude Über das gelungene Werk gab ich am 9. August 1974 in der Presse so Ausdruck:

Mit der Renovierung ihrer dem heiligen Laurentius geweihten Kirche schloß die Pfarrgemeinde Konnersreuth ein großes Gemeinschaftswerk ab. Bereits im Frühjahr 1971 war man in die Planungen eingetreten. Pfarrer Josef Schuhmann hatte sie in die Wege geleitet. Es war hohe Zeit, die Erneuerung der Innenarchitektur anzustreben, denn die Kirche hatte im Laufe der Jahre ihren barocken Glanz weithin verloren. Man registrierte sie lediglich noch als eine der vielen "'Dorfkirchen", die der Oberpfalz in ländlichen Gegenden 'das Gepräge zu geben pflegen.

Was sich heute in diesem Gotteshaus dem Auge darbietet, wirkt überwältigend. Ohne die Strukturen des. Raumes und des Interieurs verändert zu haben, gelang den Künstlern nichts Geringeres als eine Neuschöpfung'. Ein wahrhaft festlicher Raum entstand. Ein gottesdienstlicher Feierraum, in dem die Liturgie nun- wieder über ihr funktional ablaufendes Geschehen hinaus in umfassender Sinnenhaftigkeit erfahren und erlebt werden kann. Vom Ganzheitscharakter der Liturgie her hatten die Künstler des heute vielgelästerten Barock ihre Kulträume geschaffen. Sie wußten, daß die liturgische Feier den ganzen Kosmos einbezieht, jenen Kosmos, den die Theologie als Abbild der Herrlichkeit des unsichtbaren Gottes versteht. An dieser Offenbarung berauschten sich. die Barockmeister. An eben dieser Kunst sollte auch das zum Gotteslob 'versammelte Volk mit aller Sinnenfreude teilhaben. Viele fragen sich heute mit Recht, ob nicht unsere kahl und nüchtern gestalteten Betonkirchen einen bedenklichen Frömmigkeitsschwund signalisieren.

Die letzte Generalüberholung der Konnersreuther Kirche liegt Jahrzehnte zurück. Sie geschah unter Pfarrer Josef Naber zwischen, 1911 und 1913. Wenig später ließ Naber die Orgel erneuern. In diese Zeit fällt auch die Ausstattung der Kirche. mit elektrischem Licht. ' Das war ein Ereignis für die Konnersreuther. An einem Heiligen Abend sollte die Beleuchtung zum erstenmal eingeschaltet werden. Als die Gemeinde zur Christmette versammelt war, bediente Pfarrer Naber höchstpersönlich die Schaltapparatur. Doch da gab es zum Leidwesen der vielen einen Kurzschluß. So feierten denn die Gläubigen, wie gewohnt, bei Kerzenlicht den Mitternachtsgottesdienst. Erwähnenswert sind schließlich noch die Entstaubung der Kirche und ihre farbliche Auffrischung im Jahre 1956 sowie die Erneuerung einiger Figuren.

Seitdem war nichts mehr geschehen. Pfarrer Josef Schuhmann blieb es vorbehalten, endlich eine Gesamtüberholung der Kirche anzuregen. Sie begann 1967 mit der Außenrenovierung. Immer noch waren ja die vielen Einschüsse an Turm und Fassaden sichtbar, die von den Kampfhandlungen in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 herrührten. Konnersreuth war damals schwer heimgesucht und teilweise zerstört worden. Das erneuerte Mauerwerk erhielt auf Anordnung des Landesamtes für Denkmalpflege einen lichtgrünlichen Anstrich.

Doch das Hauptwerk, die Innenrenovierung der Kirche, stand noch aus. Immer wieder rief deshalb Pfarrer Schuhmann seine Gemeinde auf, dem unumgänglichen Vorhaben zuzustimmen und Hilfen anzubieten. Die Konnersreuther verschlossen sich diesen Bitten nicht. Sie halfen nicht nur mit erstaunlich viel Geld, sondern legten auch selber Hand an, als es , galt, zunächst den Fußboden der Kirche von Grund. Auf zu erneuern. Da mußte erst das 'doppelte Pflaster beseitigt und der feuchte Boden 60 cm tief aufgegraben werden. In achtundzwanzig Wagenfuhren wurden Schutt und Erde abtransportiert. Dabei entdeckte man, auch, wie, sehr die Kniebänke durch die Feuchtigkeit gelitten hatten. Nun hat die Kirche endlich ein neues Gestühl erhalten.

Die reliefgeschmückten Stuhlwangen der alten Bänke sind wiederverwendet worden. In den neuen Fußboden brachte man drei Betonschichten und 'wei Isolierungen ein. Darüber wurde ein festlich wirkendes Pflaster aus Juramarmor gelegt. Auch die Innenfassaden der Kirche bedurften dringend der Überholung. Der ganze schadhafte Putz mußte abgeschlagen werden. Alle Wand- und Deckenflächen waren neu aufzutragen und zu tünchen.

Die künstlerischen Arbeiten in der reich ausgestatteten Kirche hatte die bekannte Kunstanstalt Hugo Preis aus Parsberg Übernommen. Die Renovatoren leisteten hervorragende Arbeit. Kein Detail an den Altären',' der Kanzel, dem Taufstein, den Beichtstühlen und am Kreuzweg blieb unberücksichtigt, auch nicht das Deckengemälde. Den Künstlern ist vor allem eine erstaunliche farbliche Harmonisierung des Raumes gelungen, die ein starkes Einfühlungsvermögen in das religiöse Daseinsverständnis des Barock verrät. Die Werkleute haben an den Altären, Figuren und Ornamenten nicht dilettantisch herumgebastelt oder da und dort nur ein paar aufhellende farbliche Tupfer aufgesetzt, sondern sich im ernstgenommenen Detail stets vom Gesamtkunstwerk inspirieren lassen. Man muß diese Kirche bei günstigem Lichteinfall gesehen und erlebt haben, um ganz ermessen zu können, um welche künstlerische Kostbarkeit Konnersreuth durch dieses erneuerte Gotteshaus bereichert worden ist.

Was Farbe an Eindruckskraft zu leisten vermag, sagen , auch Bildungen in dieser Kirche aus, die nicht gerade den Anspruch erheben können, ein Kunstwerk zu sein. Erstaunlich etwa, was die Künstler aus dem linken Seitenaltar mit dem Relief der kleinen heiligen Theresia gemacht haben. Kunstwerke sind übrigens auch die Kirchenfenster nicht. Sie stören stilistisch den Gesamteindruck. Ihre Auswechslung scheiterte jedoch am Widerstand der Konnersreuther, für die diese Fenster hohen Erinnerungswert haben, den sie unter keinen Umständen preisgeben wollten. Geradezu wie mit neuem Leben erfüllt präsentieren sich die wertvollen Holzplastiken der Heiligen, vor allem die Darstellung der heiligen Ursula, die aus einer Kapelle stammt, die sich einst, nahe der Lodermühle bei Rosenbühl erhob. Gut gelungen sind schließlich die wandfüllende Kreuzigungsdarstellung mit der Schmerzhaften Gottesmutter und die Holzplastikgruppe mit der Taufe Jesu über dem spätgotischen Taufstein.

Das Konnersreuther Gotteshaus ist die Taufkirche der Therese Neumann. Sie war eine ihrer Lieblingsgebetsstätten, deren Altäre sie in frommer Verehrung immer wieder mit Blumen und Blüten schmückte. Thereses etwas ungewöhnlicher Betstuhl hinter dem Hochaltar, in dem sie sich beim Gottesdienst den Blicken der, Neugierigen entzog, blieb erhalten. Seine Polster mußten neu und mit massiverem Stoff überzogen werden, weil sich reliquiensüchtige Pilger häufig "Andenken" aus dem roten Samt herausschnitten. Man tat gut daran, diesen Stuhl zu belassen, erinnert er doch an viele eucharistiebezogene mystische Begebnisse im Leben der Stigmatisierten.

Die Konnersreuther, haben jetzt wieder eine Kirche, auf die sie stolz ,sein können. Sie, wird von starker Anziehungskraft auf, die vielen sein, die, jahrüber in stets wachsender Zahl die Konnersreuther Erinnerungsstätten aufsuchen. Das Gotteshaus ist aber nicht zuletzt Zeugnis' einer Frömmigkeit, die dem Markt, seinen Bürgern und dem kunstsinnigen Pfarrer alle Ehre macht.

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