Ausblick

Bei der Aufarbeitung meiner in diesem Buch niedergeschriebenen Erinnerungen an Therese Neumann ging es mir nicht nur darum, das Außergewöhnliche und Unerklärliche an ihr darzustellen, nicht min der wichtig erschienen mir ihre "Menschlichkeit", ihr Stehen in der Wirklichkeit, des Lebens und ihr Eingebundensein in den Konnersreuther Alltag. Die Stigmatisierte war ein Mensch wie du und ich. Sie fühlte sich nicht als ausgesondertes, Über die anderen Menschen hinausgehobenes Wesen. Im Gegenteil: Was da im Laufe der Jahre an Ungewöhnlichem auf sie zukam, erschien ihr zunächst fremd und ungemäß, ja unangenehm. " Was werden die Leute dazu sagen", seufzte sie. Bis ihr die klare Einsicht zuteil wurde, daß sich hier Göttliches offenbare und sie" Werkzeug" der gekreuzigten Liebe sein solle.

Deshalb nahm sich Therese Neumann als Person nicht wichtig. Stets war sie sich dessen bewußt, daß sie nicht im Mittelpunkt der Ereignisse stehe, sondern Trägerin und Vermittlerin einer Botschaft sei, die in die Zeit hinein und den Menschen aufs neue zugesprochen werden sollte. Die Welt sollte durch dieses punktuelle Geschehen in Konnersreuth davon überzeugt werden, daß die Rede vom Kreuz nicht einer frommen Illusion entspringt, sondern harte historische Realität meint: den gekreuzigten Christus. Einzig um jenen jüdischen Jesus von Nazareth ging es, der in der Katastrophe des Kreuzestodes endete, um sich nach drei Tagen aus dem Grab in Herrlichkeit zu erheben. Nichts weiter will Konnersreuth im Grunde ansagen als diesen göttlichen Sieg über den Tod. Öffentlich machen, daß die Leiden dieser Zeit nicht das letzte Wort haben, vielmehr in ihrer Vorläufigkeit dem Menschen den Weg in seine ewige Vollendung hinein bereiten.

Was immer auch in Konnersreuth an Wunderbarem geschah, alles verwies auf das Wunder aller Wunder, auf Ostern. Man darf nicht bei der Leidensekstase, wie schaurig-furchtbar sie auch ablief, stehenbleiben. Wer sie als das schlechthin Charakteristische jener mystischen Ereignisse begreifen möchte, verfehlt den Sinn des Ganzen, Deshalb auch halte ich es nicht für angemessen, sich in unwesentlichen Details des Lebens der Stigmatisierten aufzuhalten, sie zu "Hauptsachen" zu erheben, eine Analyse von organisch Gewachsenem anzustreben, den Teil dann für das Ganze zu nehmen, Lebendiges- in seine Atome zerlegen zu wollen. Dies haben viele versucht. Wie sie sagen, in streng wissenschaftlicher Methode. Und darüber haben sie Bücher und Aufsätze geschrieben, in einem Ausmaß, daß die Konnersreuth-Literatur kaum noch zu überblicken ist. Zu ihren' Produzenten zählen Theologen, Mediziner, Biologen, Psychologen, Gelehrte der Mystik und zahlreiche Journalisten aus allen Ländern der Welt. Schon, beim Anlesen ihrer Publikationen wird deutlich, aus welchem Blickwinkel sie die "Sache" angehen, was sie bewegt und worauf sie hinauswollen..

Diese Literatur ist von sehr unterschiedlicher Qualität. Als zuverlässig dürfen jene Autoren gelten, die Gelegenheit hatten, die Konnersreuther Phänomene aus unmittelbarer Nähe zu beobachten und zu studieren. Ihnen konnte kaum entgehen, daß in Konnersreuth alles mit rechten Dingen zuging und von Schwindel oder Betrug keine Rede sein konnte. In jeder Zeile ihrer Veröffentlichungen spürt der Leser Unvoreingenommenheit und kritischen Sinn. Diesen Schriftstellern sind überzeugende Schilderungen gelungen, die Überdauern und ihre Aktualität nicht verlieren werden.

Diesen Autoren steht eine zweite Gruppe von Schreibenden gegenüber, die wohl versucht haben, die Phänomene objektiv darzustellen, aber sozusagen auf halbem Weg stehen- und steckengeblieben sind. Zweifel trieben sie um, da. und dort traten ihnen Verständnisschwierigkeiten entgegen, eines stimmte nicht mehr zum anderen, die Vernunft schob sich rechthaberisch in den Vordergrund, der Geheimnischarakter des Geschehenden wich dem vermeintlich logischen Urteil. In solchen Schriften borden das Problematisieren und Spekulieren in einem Maße über, daß der Leser eher verunsichert, denn belehrt wird. Doch aufs Ganze gesehen, glaube, ich feststellen zu dürfen, daß sich Über Therese Neumann die Wahrheit durchgesetzt hat. Dies bezeugt auch jene Kurzbiographie der, Stigmatisierten, auf die ich in einem erst 1989 aufgelegten Buch stieß. Ich meine das im, Kröner-Verlag erschienene., umfassend konzipierte "Wörterbuch der Mystik".

Ein Aspekt. scheint mir in den meisten Lebensbeschreibungen der Stigmatisierten nur unzulänglich abgehandelt zu sein: der prophetische Charakter der Konnersreuther Phänomene. Nicht als ob Therese Neumann Zukunft vorausgesagt oder seherisch einen großen Weltentwurf angeboten hätte. Doch ihre ekstatischen Erlebnisse und ihr übernatürliches Erkenntnisvermögen verweisen eindeutig auf ein Kommendes. In ihnen leuchtet jene offenbarte Wirklichkeit, auf, der nach neutestamentlichem Verständnis Kosmos und Erde und Menschheit zustreben: einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Der Theologe Karl Barth hat mir da wieder einmal aus der Seele gesprochen: "Es leuchten von jenem Horizont her je und je sehr bemerkbare und kräftige Blitze herüber und fallen in den Bereich der Stätten, die wir noch bewohnen, aber eben doch nur als Zelte noch bewohnen dürfen, um sie einst mit einem ganz anderen Haus vertauschen zu. dürfen. Nun flammt jenes Feuer auf. Nun geschieht es, daß Menschen aufgerufen werden zu bestimmten Taten und Verhaltensweisen, in denen sie aus der Welt des Bestehenden, aus der Geschichte der Fortsetzungen, ein wenig herauskommen, um in aller Vorläufigkeit und Schwachheit lebendige Anzeichen der Vollendung zu sein, des schon gekommenen und endlich zu offenbarenden Reiches. Prophetische Menschen sind das dann, oder doch Menschen mit besonderen, vielleicht kleinen, aber eben doch proplietischen Aufgaben, in deren Ausführung sie als Kinder des Reiches (Gottes) zu denken, zu reden und zu handeln haben. Ohne Rücksicht auf Bindungen und Ansprüche, denen sie unterstehen,. werden sie Dieses tun und Jenes lassen müssen, was ihrer Umgebung nicht verständlich sein kann, werden sie Wege gehen, auf denen sie auch ihren Nächsten, die solchen Auftrag nicht haben und darum auch nicht kennen, zu Fremden werden müssen. Diese, Menschen erregen dann Anstoß, Verwunderung, Besorgnis . Man will sie belehren, warnen, zurückhalten, auf gesunde Wege zurückführen: nicht in böser Absicht, nur eben konträr zu dem ihnen zuteilgewordenen Rufe. Man meint es gut mit ihnen, nur eben nicht im Sinn des Zukünftigen, dem sie nun einmal, verpflichtet sind."

Stand es nicht auch so um Therese Neumann? War nicht auch sie, Gegenstand des Anstoßes, der Verwunderung? Als ich diesen Text des Basler Gelehrten las, schien es mir, als hätte er ihn geschrieben im Blick auf die Stigmatisierte von Konnersreuth. Dieser aber war Barth nie begegnet . ..Und ich selber' hatte mich keineswegs bemüht, etwa einen evangelischen Theologen nach ihr zu befragen oder gleichsinnig gestimmte Texte auszugraben. Jenes Wort verstand ich vielmehr als frohmachende Entdeckung im Zusammenhang aufmerksamen, beharrlichen Lesens und Studierens.

Nimmt man Therese Neumann als Gesamtpersönlichkeit und all das Wunderbare, das sich an ihr ereignet hat, in den Blick, so stellt sich dem Katholiken wie von selbst die Frage, ob bei der Stigmatisierten nicht alle Voraussetzungen vorliegen, die ihre Seligsprechung rechtfertigen. Schon zu ihren Lebzeiten ist darüber viel spekuliert worden. Auf: dieses Ziel hin arbeitet der "Konnersreuther Ring", der sich 1978 in Eichstätt konstituiert hat. Seine Mitglieder sollen die Grundlagen für die Einleitung des Seligsprechungsprozesses offenlegen. Deshalb gehörten der Vereinigung bei ihrer Gründung durchwegs Zeitgenossen an, die Therese Neumann persönlich gekannt hatten und deshalb in der Lage waren, Wesentliches, eben Grundlegendes, Über sie auszusagen. Zu ihnen zählte auch der damalige Bischof von Regensburg, Dr. Rudolf Gräber. Seitdem hat sich der Kreis der Mitglieder bedeutend erweitert. Nach wie vor versucht die Organisation den theologisch begründeten Nachweis zu führen, daß Therese Neumann der "Ehre der Altäre" würdig sei.

Doch die zuständige römische Behörde stellt harte Bedingungen. Sie durchforscht das Leben eines Anwärters oder einer Anwärterin auf die erwähnte "Ehre" bis ins Detail. Deshalb gestalten sich die Untersuchungen meist sehr schwierig und dauern häufig viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Der künftige Selige muß ohne Fehl und Makel gewesen sein und in seinem Leben ein Menschenbild repräsentiert haben, das dem katholisch geprägten, christlichen Vollkommenheitsideal uneingeschränkt entspricht. Darauf kommt es den römischen Richtern einzig an. Das "Tugendleben" des Anwärters hat Vorrang. Alles übrige, Stigmatisation etwa oder Ekstasen und Visionen, auch Nahrungslosigkeit, werden in der Beurteilung an die zweite oder dritte Stelle verwiesen, haben also untergeordneten Rang.

Ich vermag mich mit solcher "Abstufung" nicht völlig zu identifizieren. Sind jene Gaben nicht ausdrückliche Beweise einer außerordentlichen Erwählung? Wollte Gott sich damit nicht auch den vielen "sichtbar" und sie auf seine "Anwesenheit" aufmerksam machen, die ohne Bezug zu Göttlichem dahinleben, Christus nur vom Hörensagen kennen oder an der Kirche und ihrer Geschichte irregeworden sind?. Das dem Griechischen entstammende Wort "Phänomen" heißt ja soviel wie ein Aufscheinendes, ein sich Offenbarendes, ein Offenkundigwerden. Deshalb waren ernstzunehmende Theologen der Überzeugung, daß man diese "Erscheinungen" auch der Öffentlichkeit zugänglich machen und das Leidenszimmer der Stigmatisierten an den Karfreitagen öffnen solle, besonders jenen, die, am Sinn ihres Lebens zweifelnd oder verzweifelnd-, Christus begegnen wollten.

Dennoch: die Kirche hält am Primat der Tugenden fest. Sie verlangt viel von jenen . , denen sie "Seligkeit" oder "Heiligkeit" zuzusprechen gedenkt. Auf ihr Tugendstreben darf kein Schatten gefallen sein. Jede der geforderten Tugenden müssen sie in idealer Weise gelebt haben. Doch die Kirche gibt sich damit offensichtlich nicht zufrieden. Es genügt ihr nämlich nicht, daß einer fromm und demütig, frommer oder demütiger als andere gelebt hat, ja nicht einmal, daß er sich als sehr fromm oder sehr demütig erwiesen hat, nein - er muß heroisch fromm, demütig, gläubig, von heroischer Gottes- und Nächstenliebe, von heroischer Klugheit, Gerechtigkeit und Mäßigung gewesen sein, ja man mutet ihm sogar zu, daß er Armut und Keuschheit (!) in heroischer Weise praktiziert habe. Hier sträuben sich jedem die Haare, der auch nur ein wenig mit der Mythologie der alten Griechen vertraut ist.

Was heißt denn "heroisch"? Dieses Adjektiv, diese Bezeichnung, ist vom griechischen "Heros" abgeleitet. Die Heroen waren den Hellenen Halbgötter, heldische Gestalten, denen sie Heiligtümer errichteten und eigene Kulte widmeten. An ihren Gräbern opferten sie schwarze Stiere oder schwarze Widder. Zu den herausragenden Heroen zählte Herakles. Seine Kraft- und Heldentaten hatten ihn zur populärsten Figur der griechischen Götterwelt gemacht.

Wie soll sich nun solcherart "Heroisches" mit christlichen Wert- oder Tugendvorstellungen zusammenreimen?, Ich vermag nun einmal nicht, mir etwa den armen Franz von Assisi neben dem Kraftprotz eines Herakles vorzustellen. Wozu bedarf es dieses verbalen Rückgriffs auf die nichtchristliche griechische Antike, um mit "heroisch" den höchsten Vollkommenheitsgrad einer christlichen Tugend zu kennzeichnen? Liegt hier das Widersprüchliche nicht offen zutage, das Unlogische und Un-Sinnige auch, weil solche sprachliche Komposition keinen Sinn macht? Natürlich werden die römischen Sachverständigen einwenden, daß das alles ja gar nicht so gemeint sei. "Heroisch" sei hier keineswegs wörtlich und "urgriechisch"' zu nehmen. Es habe nur umschreibenden Sinn. Wer anders urteile, treibe Wortklauberei. Doch solche Argumentation befriedigt mich nicht. Nein - ich sehe mich gezwungen, die Kirche hier buchstäblich beim Wort zu nehmen. "Heroisch" steht nun einmal da. Im Übrigen sollte es doch nachdenklich stimmen, daß man im griechischen Neuen Testament diese "heidnische" Verdeutlichung einer Tugend oder eines Tugendgrades vergeblich sucht.

Den im Konnersreuther Ring zusammengeschlossenen Freunden der Therese Neumann bleibt demnach noch viel zu tun. Vordringlich wird die' Aufgabesein, dieses mystische Leben in seiner Ganzheit zu erfassen und dessen Sinnfülle zu erkennen. Gewarnt sei vor allem Sich Verlieren in unwesentliche Details, vor blumig erzählten Anekdötchen und hagiographisch unzulässigen Vergleichen in Schrift und Predigt. Einzig wichtig ist die Herausarbeitung der christologischen Grundlinien, die sich im Geschehen von Konnersreuth abzeichnen. Diese Konturen gilt es immer wieder und immer kräftiger herauszuarbeiten. Konnersreuth will eine Christusbotschaft und nur eine Christusbotschaft sein.

Seit dem Tod der Stigmatisierten sind mehr als zweieinhalb Jahrzehnte ins Land gezogen. Ihres fünfundzwanzigsten Sterbetages gedachte man im September 1987 in Konnersreuth mit einer Feier. Ein Weihbischof aus Regensburg war gekommen, um Gottesdienst zu feiern und zu predigen. Er riet - erwartungsgemäß - zu "Zurückhaltung und Nüchternheit", solange die , Voruntersuchungen Über das Leben der Therese Neumann nicht abgeschlossen und glaubwürdig dokumentiert seien. Am gleichen Tag weihte er im Geburtshaus der Stigmatisierten ein Dokumentationszentrum ein. Darin sind neben aller verfügbaren Literatur Über Therese Neumann auch. Bild- und Tonbandaufzeichnungen und andere historisch wichtige Materialien untergebracht, die für Studienzwecke, von Belang sein können.

Tags zuvor fand in der Seminarkirche der Spätberufenenschule Fockenfeld eine Podiumsdiskussion statt., Sie begegnete, so starkem Interesse, daß die Besucher im Gotteshaus kaum Platz finden konnten. Auch zahlreiche von weither angereiste Teilnehmer waren zu beobachten. Ferdinand 'Neumann bereicherte die lebhafte Aussprache, durch zahlreiche Lichtbilder aus dem Leben seiner Schwester.

Manhatte mich damals gebeten, einführende Worte zu sprechen. Ich hielt meine Darlegungen allgemein und versuchte, das zur Rede stehende Thema auch geistesgeschichtlich, einzuordnen: "Wir haben uns heute hier versammelt, um einer Frau zu gedenken, die vor genau fünfundzwanzig Jahren in Konnersreuth verstorben ist. Daß Sie in so unerwartet großer Zahl nach Fockenfeld gekommen sind, läßt erkennen, daß Therese Neumann im Gedächtnis und in der verehrenden Erinnerung ungebrochen fortlebt und fortwirkt. Doch nicht nur in dieser ihrer nordoberpfälzischen Heimat wird ihr Andenken bewahrt, sondern weltweit. Wir sind zusammengekommen, um uns im Gespräch mit jenen Phänomenen auseinander zusetzen, die Therese Neumann und mit ihr - den Markt Konnersreuth weltberühmt gemacht haben. Mit Ereignissen freilich auch, die vielen zum Anstoß, zum - ich will es griechisch ausdrücken - Skandalon geworden sind. Besonders Vertreter der Naturwissenschaften, der Medizin und der Psychologie, auch Theologen, die den übernatürlichen Charakter jener Ereignisse nicht anzuerkennen bereit waren, traten auf den Plan. Allenthalben versuchte man diese Erscheinungen als auf natürlichem Wege entstanden zu erklären. Andere sprachen von Autosuggestion oder Hysterie, wieder andere von raffiniertem Schwindel oder plumpem Betrug. Nachbeter solcher Hypothesen gibt es auch heute noch, leider auch in theologischen Kreisen. Es kann eben nach deren Überzeugung nicht sein, was nicht sein darf. Gott aber läßt sich von solchen Zeitgenossen, mögen sie sich auch noch so wissenschaftlich geben, nicht beeindrucken.

Die Hybris, die Selbstüberschätzung, der Naturwissenschaften und der Technik sprengt heute alle Normalität. Alles sei machbar, behaupten beharrlich ihre leidenschaftlichsten Vertreter. Es gebe schlechterdings nichts, was nicht durchschaubar gemacht werden könne. Mysterium ist in diesen Kreisen zu einem Fremdwort geworden. Materialismus, der sich weltweit, auch ideologisch und politisch, realisiert, beherrscht heute die Menschheit. Doch die sinnlich und mit hochtechnisierten Apparaturen bis zum Atom hin objektivierbare Materie ist nur ein Aspekt der Wirklichkeit. Denn das Sein als Ganzes ist eben nicht nur Materie. Jenseits des Sichtbaren, Zählbaren und Wägbaren existiert vielmehr noch eine ungleich größere und herrlichere Welt, unsichtbar zwar, der göttliche Bereich, der sich in seiner Fülle freilich nur dem Glaubenden öffnet. Darum wußte bereits die vorchristliche Philosophie. Ich erinnere an Sokrates und seinen großen Schüler Plato. Beide und noch viele andere griechische Denker mit gleichen oder ähnlichen Erfahrungen haben dem christlichen Glauben den Weg in seine abendländische Zukunft entscheidend mitgebahnt.

Auf diese andere Dimension der Wirklichkeit treffen wir auch immer wieder im Leben der Therese Neumann. Von dort her dachte, lebte und wirkte sie. Von diesem göttlichen ganz Anderen. her empfing sie die Wundmale des Herrn, litt sie seine Passion mit, wurden ihr ungezählte biblische Visionen zuteil bis hin zur physischen Existenz ohne jegliche Nahrungsaufnahme. Über solche Bezüge vom Hier, vom "Hiesigen.'" zum Drüben' und umgekehrt wollen wir nun reden. Aus verschiedenen Blickrichtungen, wie sie die hier versammelten Diskussionsteilnehmer repräsentieren. Wir wollen uns den Dingen behutsam und ehrfürchtig, aber wenn es sein muß auch kontrovers zu nähern versuchen."

Nach dem Tod der Therese Neumann bin ich immer wieder von Pfarrern, Vereinsvorständen und sonst wie Verantwortlichen angegangen worden, Über die Stigmatisierte und ihr Leben öffentlich zu sprechen. Bedenken kamen auf. Durfte und konnte ich es wagen, war ich überhaupt ermächtigt, vor großem Publikum das Lebensbild einer Frau zu entfalten, vor deren Geheimnis selbst gelehrte Theologen ,kapitulieren? Da konnte mich kein anderer als mein väterlicher Freund, Pfarrer Josef Naber, Überzeugend beraten. Ich suchte ihn auf und trug ihm meine Unschlüssigkeit und meine Zweifel vor. Wie war ich Überrascht, als er mich ohne auch nur den geringsten Vorbehalt spontan ermutigte, über Therese Neumann zu sprechen, wann und wo immer man dies wünsche. Er sei überzeugt, daß ich ihr mystisches Leben recht zu würdigen vermöge und dessen übernatürliche Sinnrichtung verstanden habe. Seitdem habe ich, sofern man mich darum bat, die Botschaft von Konnersreuth weitergesagt. Doch schon längst vorher war mir dazu reichlich Gelegenheit geboten. In der Zeitung "Der neue Tag" berichtete ich stets ausführlich über alle Geschehnisse in Konnersreuth. Meine Beiträge waren nicht selten so umfangreich, daß ich zuweilen befürchtete, die Geduld der Verleger überfordert zu haben. Für ihr Verständnis und ihre Aufgeschlossenheit möchte ich ihnen daher an dieser Stelle herzlich danken: Viktor von Gostomski sowie den inzwischen verstorbenen Herren Anton Döhler und Dr. Hans Nickl.

Überblickt man das Lebensganze eines bedeutenden Menschen, eines Philosophen oder Dichters etwa, und haben uns seine Ideen, Sprachbilder oder Zukunftsvisionen zu Begeisterung hingerissen, so kommt die Frage auf, welcher geistigen Grundgestalt ein solches Leben entsprochen habe. Auf welchen "Nenner" Person und Werk zu bringen seien. Die "Formel" wird wichtig, das "Bauprinzip", von dem her, sich die Gesamtpersönlichkeit in ihrer Eigentlichkeit begreifen läßt. Diese Frage stellt sich auch bei Therese Neumann. Bei aller Vielfalt der "Phänomene" fällt im Blick auf sie die Antwort leicht. Denn in ihrer mystischen Existenz gibt es keine "Probleme". Alles an ihr ist einfach, klar und durchsichtig. Ihre "Lebensformel" heißt Jesus, der Christus, der leidende, sterbende und aus dem Tode auferstehende Herr. Als sie einmal ein Priester fragte, was er seiner Gemeinde predigen solle, antwortete sie: "sagen Sie Ihren Leuten, wie gut der Heiland ist." Dieser Heiland war die Mitte ihres Lebens. Von seiner Menschenfreundlichkeit war sie in einem Maße ergriffen, daß sie mir einmal sagen konnte: "Wer den Heiland kennt, muß ihn lieben." Müssen - nicht im Sinne einer Gehorsamsverpflichtung, sondern so: der Betroffene kann gar nicht anders, als sich Jesus liebend zuzuwenden, sofern er ihn wirklich zuinnerst kennengelernt und verstanden hat. Ihm opferte sie ihr Leben, von ihm nahm sie jedes neue Leiden wie ein Geschenk des Himmels freudig entgegen. Welch schöpferische Lebenskraft im Leiden schlummert, blieb auch Friedrich Hölderlin nicht verborgen. In seiner großen Empedokles-Tragödie las ich:

Nicht in der Blut und Purpurtraub ist heilige Kraft allein, es nährt das Leben vom Leide sich, Schwester, und trinkt, wie mein Held, doch auch am Todeskelche sich glücklich.

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